„Halb amputiert“: Bregenzer Künstler verlieren ihre Ateliers

Fünf Jahre lang bot der Kultursektor Elektra günstige Ateliers und Raum für Experimente. Ende November müssen die letzten Künstler ausziehen. Viele wissen noch nicht, wohin.
Ende November gehen im Bregenzer Kultursektor Elektra die letzten Lichter aus. Seit 2021 bot das ehemalige Betriebsareal Kunstschaffenden günstige Ateliers, Lagermöglichkeiten und vieles mehr. Ursprünglich auf zwei bis drei Jahre angelegt, entwickelte sich die Zwischennutzung im Vorkloster zu einem Treffpunkt unterschiedlichster kreativer Milieus. Für Vorarlberg eine Seltenheit, trafen akademische wie nicht-akademische Künstler hier gleichermaßen aufeinander. So wirkten hier zu Spitzenzeiten bis zu 50 verschiedene Menschen, wie Künstler Tim Hartmann der NEUE berichtet. Die Reduktion basiere aber nicht auf einem besseren Angebot an Wirkstätten, sondern auf der Baufälligkeit von Teilen des Areals.

Seit 2012 im Areal
Einer der dienstältesten Künstler auf dem Areal ist Manfred Egender (Jahrgang 1953). Der gebürtige Schnepfauer kam 2012 über den früheren Eigentümer zu seinem Atelier und blieb auch nach dem Erwerb der Immobilie durch die Firma „Rhomberg Bau“ die meiste Zeit über dort tätig. Er schätzt vor allem die großzügigen Räumlichkeiten, die ihm eine Freiheit bieten, wie sie in gewöhnlichen Ateliers kaum zu finden ist.

Auch wenn sich Egender mit dem kommenden Ende „halb amputiert“ fühle, möchte er die Leistung von Hubert Rhomberg als zentralem Ermöglicher ausdrücklich hervorheben. Dieser habe es mit der Künstlergemeinschaft nicht immer einfach gehabt und dennoch über Jahre an dem Projekt festgehalten. „Das ist großer Respekt, muss ich wirklich sagen.“ Zwei mögliche Ersatzräume habe der Künstler bereits besichtigt, eine konkrete Lösung ist noch nicht in Sicht.

Auch Bildhauer Mathias Garnitschnig, der seit 2022 im Elektra arbeitet, ist auf großzügige Räumlichkeiten angewiesen. Der Künstler verarbeitet unter anderem ausgediente Möbel zu Skulpturen, schafft aber auch selbst skulpturale Möbelstücke. Aktuell verwandelt er etwa eine Vorarlberger Barockcouch in eine Liege für die Palliativstation in Hohenems. Solche Arbeiten brauchen Platz, auch wenn gerade nicht daran gearbeitet wird.

Klamme Finger
Für Antonia Boss und Tim Hartmann vom Modelabel „Ebony Tylah“ kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu. Deren Tätigkeit verlangt zwar auch Platz, etwa für Stoffrollen, Zuschneidetische, Nähmaschinen und fertige Kleidungsstücke. Gleichzeitig müssen die Räume beheizbar sein. Boss wechselte deshalb bereits innerhalb des Areals von einer großen Halle in ein kleineres Atelier.

So reizvoll die industrielle Architektur auch sei, mit klammen Fingern lasse sich kaum an feinen Textilien arbeiten. Wo die beiden künftig unterkommen, ist ungewiss. Gewerbliche Räume zu gewöhnlichen Marktpreisen kämen für sie kaum infrage.

Domingo Mattle hat bereits ein neues Atelier im Blick, wenngleich es eher die Dimensionen eines kleinen Homeoffice haben wird. Da der Künstler einen Teil seiner Arbeiten digital umsetzt, ist er weniger auf großzügige Räumlichkeiten angewiesen als manche seiner Kollegen.

Gewachsene Gemeinschaft
Noch schwerer als der Verlust des Arbeitsplatzes wiegt für Hartmann allerdings das Ende einer gewachsenen Gemeinschaft. Im Elektra lernte er Künstler, Fotografen und spätere Geschäftspartner kennen. Man besuchte einander in den Ateliers, diskutierte über Arbeiten und entwickelte gemeinsame Projekte. „Natürlich hockt am Abend jeder bei jedem im Studio“, erinnert er sich. Aus den einzelnen Werkstätten sei mit der Zeit eine Art Gemeinschaftsatelier geworden, so half man sich bei Wasserschäden gegenseitig aus. Die Aussicht, diese Menschen künftig aus den Augen zu verlieren, schmerze ihn mitunter mehr als der Verlust der Räume selbst.

Die Milieu-Mischung resultierte aus dem niederschwelligen Zugang. So entschied laut Hartmann keine Jury, ob man einen Platz bekommt; weder Abschlüsse, Preise noch andere Leistungsnachweise waren notwendig, um als Mieter einzusteigen.

Naivität und Tatendrang
Allerdings hatte das Provisorium auch seine Tücken. Manche Nutzer hätten sich von der Gemeinschaft einen automatischen Karriereschub erhofft, erinnert sich Hartmann. Tatsächlich musste jeder seine Projekte selbst vorantreiben. Auch die anfängliche Aufbruchsstimmung ließ mit den Jahren nach. Dass ursprünglich nur zwei bis drei Jahre zur Verfügung standen, habe den Tatendrang zunächst sogar beflügelt. Wer nicht wusste, wie lange der Freiraum bestehen würde, musste seine Ideen rasch verwirklichen.
Stadt, Land, Geldfluss
Während die Kreativen ein überwiegend positives Bild von Rhomberg vermitteln, hält sich Egender mit seiner Kritik an der Stadt nicht zurück. Deren Beitrag lasse sich auf null beziffern. Konkrete Unterstützung erhielten die befragten Künstler dafür vom Land Vorarlberg. Laut Kulturbericht 2025 wurden Manfred Egender, Mathias Garnitschnig, Antonia Boss und Domingo Mattle mit jeweils 250 Euro Atelierförderung bedacht.
Kulturstadtrat Reinhold Einwallner (SPÖ) bedauert auf Anfrage der NEUE das Ende der Zwischennutzung. Das Elektra Areal habe den Kunstschaffenden über Jahre wertvolle Arbeitsmöglichkeiten geboten. Allerdings habe die Stadt keinen Einfluss auf eine derartige Verwendung privater Liegenschaften. Über den städtischen Kulturservice stehe man mit den Künstlern in regelmäßigem Austausch. Konkrete Alternativen könne Einwallner derzeit aber nicht nennen. Die Stadt verstehe sich zudem nicht als aktive Vermittlerin privater Leerstände. Eine eigene städtische Atelierförderung sei auch künftig nicht vorgesehen.