Rapper Kid Pex: „Wir wollen, dass die Barbarei an der EU-Außengrenze aufhört“

Der Wiener Aktivist und Rapper Petar Rosandić zeigte im März vier Jugendbotschafterinnen die Missstände an der EU-Außengrenze. Bei seinem Besuch in Vorarlberg erzählte er davon.
Es ist brutal, was an der EU-Außengrenze passiert und wir wissen in Österreich nur wenig darüber“, erzählt Anja Mittelberger von ihrem Besuch in der bosnischen Stadt Bihać im März. Und das, obwohl die Grenze nur wenige Stunden von Österreich entfernt sei, ergänzt sie. Die Klauserin ist gemeinsam mit drei anderen Jugendbotschafterinnen der Caritas für einen Lokalaugenschein an die bosnisch-kroatische Grenze gereist. Die 26-Jährige hat bei diesem Aufenthalt Menschen auf der Flucht, Bosnier und NGO-Mitarbeitende kennengelernt. Besonders im Kopf sind ihr die Gespräche mit den Anrainern, den Bosniern, aber auch den Menschen auf der Flucht.

Über die Erlebnisse und Bilder dort berichtete sie bei einer Dialogveranstaltung der Caritas vergangene Woche in Dornbirn. Für das Event war auch Gründer der gemeinnützigen Organisation „SOS Balkanroute“ Petar Rosandić aus dem sechsten Wiener Gemeindebezirk in Vorarlberg zu Besuch.

Der Aktivist begleitete die vier Jugendbotschafterinnen nach Bosnien, damit sie das Erlebte zurück zu Hause weitertragen können. Von seiner Vernetzung profitierten die Jugendbotschafterinnen laut Mittelberger vor Ort für authentischere Einblicken. Besonders eindrücklich waren für die 26-Jährige die Begegnung mit Geflüchteten nach einem Pushback. Sie begleitete Helfer der gemeinnützigen Organisation im Rahmen einer Erstversorgung aufgrund eines Pushbacks.
Hilfsbereitschaft vor Ort
Die Geflüchteten aus unter anderem Afghanistan, Syrien und afrikanischen Ländern zeigten ihr Fotos von Wunden, welche ihnen bei den Pushbacks von angreifenden Hunden zugeführt wurden. Manche humpelten oder hatten Wunden im Gesicht. Anderen hatte man das Handy zerstört, welches auf der Flucht für die Navigation auf der Route essentiell ist. Deswegen werden Betroffene von den NGOs unter anderem mit Kleidung ausgestattet. „Als wir wieder wegfuhren, ist unser Auto stecken geblieben und sie haben mit ihren neuen trockenen Schuhen uns aus dem Schlamm herausgeholfen“, berichtet die Vorarlbergerin beeindruckt von der Hilfsbereitschaft trotz diesen Umständen an der Grenze.

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Pushbacks sind laut dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) illegale staatliche Maßnahmen, wodurch flüchtende Menschen nach Grenzübertritt wieder zurückgeschoben werden, ohne dass diese die Möglichkeit haben, einen Asylantrag zu stellen. „Wir bilden uns in der EU viel auf die Menschenrechte ein und sind stolz darauf. Gleichzeitig verschließen wir die Augen, dass auch bei uns dagegen verstoßen wird“, kritisiert die Jugendbotschafterin und spricht damit das Recht auf ein Asylverfahren an, welches nicht jeder bekäme.
51 Versuche an der Grenze
Der Gründer von „SOS Balkanroute“ Rosandić macht bereits seit zehn Jahren für Menschen auf der Flucht ein. Im Rahmen seinem Engagement an der Grenze traf er 2021 mehrmals den afghanischen FIFA-Schiedsrichter Ibrahim Rasool. Inzwischen sind sie Freunde und Rasool lebt in Klagenfurt. Doch das Erlebte an der Grenze begleitet ihn immer noch. Er harrte ein ganzes Jahr an der Grenze aus.

„Es ist eine Illusion, wenn man glaubt, man könnte Menschen aufhalten, die bis zur letzten Station vor dem Eintritt in die EU gekommen sind“, erklärt Rosandic dessen Durchhaltevermögen. 51 mal versuchte Rasool die kroatisch-bosnische Grenze zu überqueren, bis es ihm gelang. 13 mal wurde er laut Rosandic „mit massiver Gewalt“ zurückgedrängt: „Die Polizei hat ihm mit der Pistole die Zähne ausgeschlagen.“ Deswegen verfolgt der Aktivist ein klares Ziel: „Wir wollen, dass diese Barbarei – die muss man leider so betiteln – dort aufhört“, sagt er. Rosandić wünscht sich nicht gänzlich offenen Grenzen, sondern kämpft für Humanität dort.
Persönliche Gründe. Dass der 39-Jährige sich für Geflüchtete einsetzt, hat unter anderem mit seiner eigenen Biografie zu tun.

Er musste als Kind mit acht Jahren wegen des Krieges seine Heimat Kroatien verlassen. Spätere Rassismuserfahrungen in Wien motivierten ihn zusätzlich. Etwa beleidigende Aussagen von Lehrpersonen wie „Das kannst du bei deinen Jugos machen“, aber auch dass ihm in der Schule von der mündlichen Deutschmatura abgeraten wurde. Begründet wurde das mit seiner kroatischen Muttersprache.

„Wenn ich mir anschaue, wie viel ich auf Deutsch geschrieben und kommuniziert und öffentlich gemacht habe und wie viel Lob und Anerkennung ich bekomme, bestätigt mich das darin, dass das eigentlich Rassismus war.“ Derartige Erlebnisse hätten ihn nur stärker gemacht und ihm Durchhaltevermögen gegeben, blickt er heute zurück. Inzwischen hat er studiert, produziert Hip Hop und ist Aktivist – alles in deutscher Sprache.

Mit Fakten gegen Gegenwind
Sowohl als Aktivist als auch als Rapper unter dem Namen „Kid Pex“ nimmt er sich kein Blatt vor den Mund und scheut keine Konfrontation. So legte er sich schon mit dem Sänger Andreas Gabelier an oder setzte sich als Aktivist für die Schließung des umstrittenen Flüchtlingscamps Vucjak oder gegen ein illegales Gefängnis in Bosnien ein. Er kehrt mit seinen Songtexten zu den Ursprüngen des politischen Anspruchs des Raps zurück, welcher aus den Ghettos von Minderheiten kommt – anders als der kommerzielle Hip Hop. Mit seinen Aussagen macht er sich nicht immer Freunde. Wie er mit Gegenwind umgeht? „Indem ich die Klagen gewinne“, antwortet er lachend. „Ich finde Sachen gehören benannt, genauso im Rap, wie auch im Außenpolitischen oder im Politischen“, meint er. „Das Unrecht hat immer Namen und Adresse.“
