Lokal

Feldkirch: Großes Sozialwohnbau-Projekt sorgt für Kritik bei Anrainern

17.05.2026 • 08:00 Uhr
Feldkirch: Großes Sozialwohnbau-Projekt sorgt für Kritik bei Anrainern
Fünf Wohnanlagen mit 66 Wohnungen geplant in einem Haus wird die Alpenländische selbst einziehen. Alpenländische , privat

In Feldkirch-Altenstadt regt sich Widerstand gegen ein gemeinnütziges Wohnbauprojekt. Anrainer kritisieren Größe des Vorhabens und fehlende Einbindung. Politik und Bauträger verweisen auf den Bedarf an leistbarem Wohnraum und gewahrte Anrainerrechte.


Es ist ein Projekt, das den Nerv der Zeit trifft und zugleich Widerstand auslöst. In Feldkirch-Altenstadt plant die Alpenländische Gemeinnützige WohnbauGmbH einen Gebäudekomplex mit 66 Wohnungen. Die Dimension ist beachtlich: Auf einem rund 7800 Quadratmeter großen Grundstück zwischen der Bruderhofstraße (L190) und der Reichstraße sind in fünf Gebäuden mit einer Höhe von bis zu 14 Metern über 5700 Quadratmeter Geschossfläche vorgesehen. Spätestens im Sommer 2026 soll mit den Bauarbeiten begonnen werden, die Fertigstellung des 15 Millionen Euro schweren Bauvorhabens ist für das erste Quartal 2029 vorgesehen. Damit soll dringend benötigter leistbarer Wohnraum entstehen. Bei den Anrainern sorgt das Vorhaben jedoch für wachsenden Unmut.

“Mangelnde Transparenz”

Jene Nachbarn, die sich gegen das Projekt stemmen, treten bewusst als Gruppe auf und haben ein gemeinsames Statement formuliert. Einzelne Personen möchten sich nicht öffentlich äußern, auch aus Sorge vor möglichen Nachteilen. Im Gespräch mit der NEUE am Sonntag betonen sie gleich zu Beginn, dass sie gemeinnützigen Wohnbau grundsätzlich begrüßen und eine wertschätzende Haltung gegenüber Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen haben. Der Widerstand der Anrainer entzündet sich vielmehr an der Dimension des Projekts und der aus ihrer Sicht „mangelnden Transparenz“ der Beteiligten, sprich der Stadt Feldkirch und der Alpenländischen.

Feldkirch: Großes Sozialwohnbau-Projekt sorgt für Kritik bei Anrainern
Nachbarn begehren auf: Sie fordern eine Überarbeitung des Bauprojekts und kritisieren, dass sie von Stadt und Wohnbaugesellschaft nicht früher eingebunden wurden. Privat

„Unverhältnismäßig voluminös“

Fünf Gebäude, teils viergeschossig, in einem Gebiet, das zumindest auf dieser Seite der Landesstraße noch stark von Einfamilienhäusern geprägt ist. Für die Anrainer passt das nicht zusammen. Sie sprechen von „unverhältnismäßig voluminösen“ Baukörpern, die sich „weder in die bestehende Bebauungsstruktur noch in das Orts- und Landschaftsbild einfügen“. In ihren Einwendungen im Bauverfahren orten die Nachbarn zudem eine „erhebliche Gesamtbelastung“ durch Verkehr, Lärm, Verschattung und zusätzliche Nutzung der Außenflächen. Kritisch gesehen werden auch die geplanten oberirdischen Parkplätze entlang bestehender Privatgärten sowie mögliche Lichtemissionen durch Zufahrten und Beleuchtung.
Auch infrastrukturell gebe es Klärungsbedarf.

Pläne seit 2002

Ganz neu ist die Idee an diesem Standort nicht. Bereits 2002 reichte die Alpenländische ein Bauprojekt ein, setzte es allerdings nicht um. 2025 erwarb die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft dann zusätzliche Grundstücksflächen im Ausmaß von 3560 Quadratmetern. Damit wurde die Basis für das nun vorliegende Projekt geschaffen.
In einem der fünf Baukörper soll neben Wohnungen auch die neue Vorarlberg-Zentrale der Alpenländischen untergebracht werden. In zwei weiteren Gebäuden werden Flächen so ausgelegt, dass dort künftig etwa Arztpraxen möglich wären. Auch das sehen einzelne Anrainer kritisch. Sie fragen sich, was mit den vorgesehenen Flächen passiert, falls die Arztpraxen nicht realisiert werden sollten.

Späte Information.

Viele Anrainer – darunter langjährige Eigentümer, die ihre Häuser und Gärten teils seit mehreren Jahrzehnten hegen und pflegen – hätten sich gerade bei einem Bauprojekt dieser Größenordnung erwartet, von den Verantwortlichen der Stadt und der Bauwerberin frühzeitig informiert zu werden.
Doch das Gegenteil war der Fall: Mitte März dieses Jahres legte die Alpenländische bei einer Informationsveranstaltung die Pläne erstmals öffentlich auf den Tisch. Einen Monat später folgte schon die mündliche Verhandlung, bei der die Nachbarn zahlreiche Einwendungen gegen das Bauvorhaben formulierten. Zumindest ein Anrainer kritisiert, bis heute nicht sämtliche Unterlagen zur Bauverhandlung erhalten zu haben.

Feldkirch: Großes Sozialwohnbau-Projekt sorgt für Kritik bei Anrainern
Bürgermeister Manfdred Rädler. Stiplovsek

Eng abgestimmt

Für Bürgermeister Manfred Rädler (ÖVP) ist die Sache klar: „Der Wunsch nach frühzeitiger Information ist nachvollziehbar“, sagt er auf NEUE-Anfrage. Gleichzeitig hält er fest, dass klare gesetzliche Abläufe gelten. Eine darüber hinausgehende Bürgerbeteiligung sei bei privaten Bauverfahren nicht vorgesehen, so Rädler. Auch Markus Allgäuer, Geschäftsführer der Alpenländischen in Vorarlberg, weist die Kritik zurück. Man habe die Nachbarn freiwillig informiert, das sei nicht verpflichtend gewesen. Zudem weist er „ausdrücklich darauf hin, dass bei allen unserer Bauvorhaben – und so auch bei diesem – alle baurechtlichen Anforderungen immer punktgenau eingehalten werden.“ Das Projekt, so Allgäuer weiter, sei in enger Abstimmung mit der Stadt entwickelt worden, sowohl was Bedarf als auch Ausgestaltung betreffe.

Julia Berchtold
Stadträtin Julia Berchtold, zuständig für gemeinnütziges Wohnen. ÖVP

Fachbeirat mit positivem Urteil

Der Fachbeirat für städtebauliche und architektonische Fragen hat die Anlage nach Überarbeitungen ausdrücklich positiv beurteilt. In der Stellungnahme, die allerdings nicht bindend ist, wird von einer „überdurchschnittlichen Gestaltungsqualität“ gesprochen, die Gebäudeanordnung rund um einen gemeinsamen Quartiersplatz sorge für eine klare räumliche Gliederung und eine „qualitätsvolle städtebauliche Lösung“. Auch die Freiraumgestaltung wird als „überdurchschnittlich qualitätsvoll“ hervorgehoben. Vor diesem Hintergrund wird auch die Überschreitung der maximalen Baunutzungszahl um rund fünf Prozent sowie die punktuell höhere Geschossanzahl (plus 1,5 Geschosse) als vertretbar beurteilt.

Feldkirch: Großes Sozialwohnbau-Projekt sorgt für Kritik bei Anrainern
Stadtrat Thomas Spalt, zuständig für Stadtentwicklungs- und Verkehrsplanung. APA

635 Haushalte vorgemerkt

Stadtplanungsstadtrat Thomas Spalt (FPÖ) sieht den Standort grundsätzlich gut geeignet für verdichteten Wohnbau. Das Umfeld sei nicht ausschließlich von Einfamilienhäusern geprägt. Mehrgeschossige Bebauung finde sich bereits entlang der L190 und vor allem auf der gegenüberliegenden Seite der Landesstraße. Gerade an gut erschlossenen Standorten in der Nähe einer Bahnhaltestelle sei verdichteter Wohnbau ein ausdrückliches Ziel der Stadtentwicklung, so Spalt.
Die für gemeinnütziges Wohnen zuständige Stadträtin Julia Berchtold (ÖVP) macht deutlich, wie groß der Bedarf inzwischen ist: Mit Stand Ende April sind in Feldkirch 635 Haushalte für eine gemeinnützige Wohnung vorgemerkt. Gleichzeitig seien die Standorte gut verteilt: Von insgesamt 1658 gemeinnützigen Wohnungen in Feldkirch entfallen rund 240 bestehende beziehungsweise in Bau befindliche Wohnungen auf Altenstadt. Die Stadt müsse dem Bedarf auch künftig Rechnung tragen, sagt Berchtold.

Soziale Entwicklung

Die Sorge der Anrainer richtet sich allerdings nicht nur gegen die bauliche Dichte, sondern auch gegen die soziale Entwicklung des neuen Quartiers. Sie kritisieren, dass bislang kein nachvollziehbares Konzept vorgelegt worden sei.
Berchtold hält dem entgegen, dass bei der Wohnungsvergabe selbstverständlich auf eine ausgewogene soziale Durchmischung geachtet werde. Die Vorschläge würden vom Wohnungsamt vorbereitet, im Sozial- und Wohnungsausschuss beraten und schließlich vom Stadtrat beschlossen. Berücksichtigt würden dabei unter anderem Haushaltsgröße und soziale Aspekte. Bei Bedarf könne ergänzend eine Einzugsbegleitung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialdienste angeboten werden. Zudem soll die neue Zentrale der Alpenländischen im Quartier aus Sicht der Stadt eine direkte Ansprechstelle vor Ort schaffen. Berchtold äußert allerdings auch „Verständnis für die Anliegen und Sorgen der Anrainer“. Deshalb werde sie nochmals das Gespräch suchen, teilte sie auf NEUE-Anfrage mit.

Konflikt

Was sich in Altenstadt zeigt, ist ein Spannungsfeld, das vielerorts zu beobachten ist. Der deutsche „Spiegel“ beschrieb ähnliche Konflikte bereits vor Jahren als ein Muster, das sich quer durch Städte und Gemeinden zieht: Breite Zustimmung zu leistbarem und sozialem Wohnbau, gleichzeitig aber Widerstand, sobald konkrete Projekte massiv in gewachsene Nachbarschaften eingreifen. In Feldkirchs Stadtteil Altenstadt, übrigens Wohnort zweier früherer Bürgermeister, entzündet sich dieser Konflikt nun an 66 Wohnungen, fünf Baukörpern und der Frage, wie viel Verdichtung ein Stadtteil verträgt und wie Politik und Bauträger auf die Sorgen bestehender Nachbarschaften reagieren.
Die Forderungen der Anrainer sind entsprechend klar: Eine Verkleinerung beziehungsweise Überarbeitung des Projekts, nachvollziehbare Konzepte für die Entwicklung des Quartiers sowie ein früherer und offener Dialog seitens der Stadt.
Mehrfach ist auch vom „sozialen Frieden“ die Rede, den man durch die Größe des Projekts gefährdet sieht. Wichtig wären aus Sicht der Anrainer deshalb auch schriftliche Zusagen zur sozialen Begleitung des Quartiers, aber auch konkrete Antworten auf offene Fragen rund um Infrastruktur, Verkehr und Brandschutz.