Stadttunnel: Wie sich die Mineure Meter für Meter durch den Berg arbeiten

Zwischen Bohrwagen, Sprengstoff und Schrattenkalk: Ein exklusiver Blick der NEUE hinter die Kulissen des Feldkircher Stadttunnels, der größten Baustelle im Land.
Staub liegt in der Luft, Motoren brummen, ein riesiger Radlader transportiert frisch ausgebrochenes Gestein ins Freie, Tunnelarbeiter verschwinden zwischen Bohrwagen, Schläuchen und tonnenschweren Maschinen. Tief unter dem Stadtschrofen herrscht reger Betrieb. Dort, wo ab 2031 Autos durch den Stadttunnel rollen sollen, arbeiten sich die Mineure derzeit Sprengung für Sprengung durch den Berg.
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Gemeinsam mit Projektleiter Bernhard Braza und Klaus Eder, Oberbauleitung Untertage, geht es immer tiefer hinein in den Berg. Schon nach wenigen Metern wird klar: Tunnelbau zählt zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen im Bauwesen. Enge Platzverhältnisse, Lärm und der ständige Verkehr schwerer Maschinen prägen den Alltag unter Tage. Die größten Risiken gehen dabei oft von den Fahrzeugen aus.

Mit dem Stadttunnel in Pension
Braza kennt die Baustelle wie andere ihr Wohnzimmer. Es ist sein fünftes Großprojekt unter Tage. Achrain, Tschambreu und Andelsbuch-Bühel hat er als Projektleiter umgesetzt. Bei der zweiten Röhre des Pfändertunnels war er für Planung und Behördenverfahren verantwortlich. Mit dem Stadttunnel wird der 60-Jährige wohl in Pension gehen – nach turbulenten Jahren. Dass dieses Projekt auch während der Bauphase noch so emotional diskutiert wird, überrascht selbst den erfahrenen Tunnelbauer. Man stehe quasi “unter Dauerbeschuss”, sagt Braza. Ihm sei bewusst, dass sich die Kritik in erster Linie gegen die politischen Verantwortlichen richte. Zu spüren bekomme sie aber auch das Personal.
Dass sich die Anrainer hin und wieder beschweren, kann der Projektleiter durchaus nachvollziehen, „die staub- und lärmfreie Baustelle“ sei aber leider noch nicht erfunden worden. Man halte jedenfalls sämtliche Grenzwerte ein.

Rechtswidriger Baustopp kostete Zeit
Der inzwischen aufgehobene, rechtswidrige Baustopp hat das Projekt zurückgeworfen. Insgesamt fünf Monate gingen verloren. Etwa eineinhalb Monate habe man bereits wieder aufgeholt, sagt Braza. „Wir sind bemüht, auch weiterhin Zeit gutzumachen, um den Tunnel, so wie es der Bescheid vorgibt, im Jahr 2030 fertigstellen zu können.“ Der Baustopp habe allerdings nicht nur Zeit gekostet. Neben den Kosten für Anwälte, Gutachten und stillstehende Gerätschaften braucht es nun zusätzliches Personal und Anpassungen bei den Abläufen.

Sieben Meter pro Tag
Seit dem Tunnelanschlag im März wurden bereits rund 365 Meter Vortrieb geschafft. Noch knapp 550 Meter fehlen bis zum künftigen Kreisverkehr im Berginneren. Von dort aus werden später drei weitere Tunnelarme vorgetrieben. Mehr als 500 Kubikmeter Gestein werden täglich aus dem Berg gesprengt. Rund sieben Meter kommen die Mineure dabei pro Tag voran.
Möglich wird dieses Tempo durch günstige geologische Verhältnisse. Bis zum Kreisverkehr und darüber hinaus treffen die Arbeiter auf standfesten Schrattenkalk. Deshalb kann der Tunnel im sogenannten Vollausbruch hergestellt werden. Dabei wird der gesamte Querschnitt wird in einem Arbeitsschritt ausgebrochen, was Zeit spart. Schwieriger werden die Bedingungen nach dem unterirdischen Kreisverkehr in Tisis, wo mergelige Gesteinsschichten auf die Tunnelbauer warten.

300 Kilogramm Sprengstoff
Der Bohrwagen setzt rund 1,7 Meter tiefe Löcher in den Fels. Danach werden etwa 300 Kilogramm Sprengstoff eingebracht. Nach jeder Sprengung wird das Gestein aus dem Tunnel geschafft und der Fels mittels Ankern und speziellem Spritzbeton gesichert. Von 22 bis 6 Uhr gilt ein Sprengverbot. „Diese Zeit wird unter anderem dazu genützt, um eine weitere Spritzbetonlage einzubauen“, erklärt Oberbauleiter Eder.
Nach dem Rundgang ist plötzlich ein dumpfer Knall zu hören. Die Sprengung kommt vom künftigen Rettungs- und Wartungsstollen, wo die ersten Arbeiten nun begonnen haben. Gearbeitet wird im Zwölf-Stunden-Rhythmus. Acht Tage am Stück, dann sechs Tage frei. Pro Schicht und Tunnel sind sechs Arbeiter im Einsatz.

Unterirdischer Kreisverkehr
Der unterirdische Kreisverkehr, die Planer vergleichen ihn gerne mit einem Donut, wird der erste bergmännisch errichtete Ringtunnel in Österreich und darüber hinaus sein. Das Interesse der Fachwelt reicht weit über die Landesgrenzen hinaus. Delegationen aus den USA und Kanada haben sich bereits angekündigt. Der letzte Abschnitt des Tunnels, der Ast Tosters, sollte ursprünglich unter Verkehr gebaut werden. Wegen des Zeitdrucks verfolgt die Projektleitung nun andere Pläne. Das entsprechende Änderungsverfahren läuft derzeit.

Weitere Arbeiten
Parallel zum Vortrieb im Berg laufen auch die Arbeiten an den künftigen Tunnelein- bzw. ausgängen. Seit November wird am Portalbauwerk Altstadt gearbeitet. Dazu kommen die Umlegung und Neugestaltung der Duxgasse sowie umfangreiche Leitungsverlegungen. Zum Schutz der Anwohner werden Lärmschutzpaneele montiert. Die Fertigstellung ist für Herbst 2026 vorgesehen Auch beim Portal in Tisis laufen die Vorbereitungen für den Baustart. Bis Oktober entstehen entlang des Baustellenbereichs vier Meter hohe temporäre Lärmschutzwände. Auf der Letze wurde im Mai der Bau des insgesamt 85 Meter tiefen Lüftungsschachts fertiggestellt. Das zehn Meter hohe Lüftungsbauwerk wird erst später gebaut.
