Eingesperrt und medizinische Hilfe verweigert? Ermittlungen in der “Gemeinde Gottes”

Die christlich-fundamentalistische Gemeinschaft lebt abgeschottet im Klostertal. Nach einer Anzeige gegen ein früheres Mitglied des Leitungsteams ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Weitere Aussteiger berichten von seelischer und körperlicher Gewalt.
Es ist eine Gemeinschaft, die sich ihre eigene Welt in Vorarlberg geschaffen hat. Seit 2009 lebt die sektenartige „Gemeinde Gottes“ im Dalaaser Ortsteil Wald am Arlberg, weitgehend abgeschottet von der Außenwelt. Ihre Mitglieder richten ihr Leben streng nach der Bibel aus, lehnen die Evolutionstheorie ab und begegnen staatlichen Institutionen mit großem Misstrauen. Öffentliche Schulen werden in einem inzwischen gelöschten Beitrag der Gemeinschaft als „Werkstätten des Teufels“ bezeichnet. Auch gegenüber der Medizin gibt es eine ausgeprägte Skepsis.
Nach Vorarlberg kamen die ersten Mitglieder nicht zufällig. In Deutschland hatte die Gemeinschaft zuvor eine nicht genehmigte Privatschule betrieben. Nachdem die Behörden den Unterricht untersagt hatten, zog ein Teil der Gruppe ins Klostertal. Hier ist häuslicher Unterricht grundsätzlich erlaubt. Die Frage, ob sich die Gemeinschaft tatsächlich daran hält, beschäftigt die Behörden allerdings seit Jahren.
Während der Corona-Zeit rückte die „Gemeinde Gottes“ verstärkt in den Fokus der Behörden. Die NEUE berichtete mehrfach über die Gemeinschaft, über Verstöße gegen das Versammlungsgesetz, die Auftritte ihres damaligen Pastors bei Demonstrationen und über Ungereimtheiten beim Unterricht der Kinder. Die Gemeinschaft hatte damals eine „Private Christliche Schule“ beworben, ohne eine Privatschule angemeldet zu haben.

Staatsanwaltschaft ermittelt
Nun geht es um wesentlich schwerere Vorwürfe. Das Magazin „DATUM“ hat in seiner aktuellen Ausgabe ausführlich über die „Gemeinde Gottes“ berichtet. Ehemalige Mitglieder schildern ein von Angst, strengen Regeln und religiösem Druck geprägtes Umfeld. Mehrere Aussteiger berichten von körperlicher und seelischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.
Im Mittelpunkt steht die Anzeige eines ehemaligen Mitglieds. Laut Bericht soll eine frühere Leiterin der Gemeinschaft einen Jugendlichen wiederholt über längere Zeit in seinem Zimmer eingesperrt haben. Zudem soll ihm bei hohem Fieber medizinische Hilfe verweigert worden sein.
Die Staatsanwaltschaft Feldkirch bestätigt der NEUE den Eingang einer Anzeige gegen ein Mitglied der „Gemeinde Gottes“. Laut Behördensprecher Simon Mathis wurden bereits Ermittlungen aufgenommen. Ermittelt wird wegen des Verdachts zweier Delikte: Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen sowie Freiheitsentziehung.

Aussteiger erheben schwere Vorwürfe
Gegenüber “Datum” berichteten mehrere ehemalige Mitglieder von körperlichen Strafen und einem strengen Erziehungssystem. Eine Frau schildert, als Kind wegen eines vermeintlichen Fehlverhaltens mit einem Federpennal geschlagen worden zu sein. Andere berichten von Schlägen wegen verschmierter Hefte oder vergessener Bücher. Die Vorwürfe der Aussteiger betreffen Vorgänge zwischen 2002 und 2016 in Deutschland und Vorarlberg. Sie berichten neben körperlicher und seelischer Gewalt auch von einer großen Skepsis gegenüber Ärzten und Druck, medizinische Hilfe nicht oder erst spät in Anspruch zu nehmen. Ein Mann aus der Gemeinschaft im Klostertal soll die Einnahme von Antibiotika bei einer Lungenentzündung verweigert haben und später gestorben sein.
Illegale Privatschule?
Ungeklärt ist zudem, wie die Kinder der Gemeinschaft unterrichtet werden. Bereits 2021 berichtete die NEUE, dass die „Gemeinde Gottes“ auf ihrer Webseite eine „Private Christliche Schule“ angeführt hatte, obwohl eine solche Einrichtung nie angemeldet worden war. Die Bildungsdirektion forderte die Verantwortlichen damals auf, einen Antrag auf Anerkennung einer Privatschule nichtöffentlichen beziehungsweise öffentlichen Rechts einzureichen. Die Gemeinschaft ließ die Frist verstreichen und erklärte, die Kinder würden im häuslichen Unterricht betreut. Die Bildungsdirektion kontrollierte das Zentrum in Wald am Arlberg offenbar mehrfach. Nach einem Besuch im März 2023 sei den Mitarbeitern ein weiterer Aufenthalt auf dem Gelände untersagt worden, heißt es in dem Artikel. Der Dalaaser Bürgermeister berichtet zudem, bei einem früheren Besuch ein kleines Klassenzimmer gesehen zu haben, was gegen den häuslichen Unterricht spricht.
Ex-Pastor kritisiert “Entwicklungen in Partnergemeinden”
Der frühere Pastor der Gemeinschaft, der mehrere Jahre im Gemeindevorstand tätig war, will inzwischen nicht mehr öffentlich als Vertreter der „Gemeinde Gottes“ auftreten. Seinen Namen und sein Bild möchte er nicht veröffentlicht sehen. Er bekleide kein Amt mehr und sei daher Privatperson. Für seinen Rückzug nennt er zwei Gründe. Einerseits halte er sich seit Monaten überwiegend nicht in Vorarlberg auf. Andererseits gebe es Entwicklungen in Partnergemeinden, die seinen Überzeugungen widersprächen. Im Zentrum seines Glaubens müsse die praktische Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen stehen. Er habe deshalb auch innerhalb der Gemeinschaft Widerspruch geäußert, wenn er etwas für Unrecht gehalten habe – etwa “während der Pandemie, bei einer Unehrlichkeit im Zusammenhang mit einem Grundstücksverkauf oder beim Kindeswohl”.
“Keine Misshandlungen”
Von den aktuellen Ermittlungen weiß der frühere Pastor. Dass die Vorwürfe nun von der Staatsanwaltschaft untersucht werden, begrüßt er. „Es wird sich herausstellen, dass in der Vorarlberger Gemeinde weder psychische noch körperliche Kindesmisshandlung gegeben hat“.
Zu den konkreten Vorwürfen des Einsperrens könne er nichts sagen, da er davon keine Kenntnis habe. Er sei bereits einmal zur Polizei gegangen und würde dies wieder tun, sollte er von entsprechenden Vorgängen erfahren, so der frühere Pastor. Mit der Betreuung der Kinder habe er allerdings nichts zu tun gehabt. Auch in der früheren Privatschule sei er nie tätig gewesen
Die Darstellung des Unterrichts weist der frühere Pastor ebenfalls zurück. Er sei zwar immer kritisch gegenüber dem staatlichen Schulsystem gewesen und habe häuslichen Unterricht befürwortet. Die Entscheidung darüber treffe aber jeweils die einzelne Familie. Nach seinem Kenntnisstand besuchten inzwischen mehr Kinder der Gemeinschaft eine öffentliche Schule als den häuslichen Unterricht.