18-Jähriger als falscher Polizist in Wien verurteilt

05.10.2026 • 14:03 Uhr

Seit Jahren treibt eine von der Türkei aus operierende Bande ihr Unwesen, die in Österreich betagte Leute mit dem sogenannten Polizistentrick um ihre Ersparnisse bringt. Die Täter, die sich fälschlicherweise als Polizeibeamte ausgeben, werden immer jünger, wie am Montag bei einer Verhandlung am Wiener Landesgericht zutage trat. Dort wurde ein Bursch zu 21 Monaten teilbedingter Haft verurteilt, der sich im Alter von 17 als “Kommissar” ausgegeben hatte.

Sieben Monate wurden unbedingt ausgesprochen, den Rest der Strafe bekam der bisher Unbescholtene unter Setzung einer dreijährigen Probezeit auf Bewährung nachgesehen. Er hatte drei Opfern fast 350.000 Euro abgenommen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Der mittlerweile 18-Jährige nahm die Strafe an, der Staatsanwalt gab vorerst keine Erklärung ab.

Der von Verteidiger Andreas Strobl vertretene Bursch hatte über Bekannte beim Abhängen im Park erfahren, wie man “rasch” zu Geld kommen kann, wie er einem Schöffensenat erklärte. Er bekam den Kontakt zu Mehmet Kerim Y., einem ursprünglich in Vorarlberg lebenden Mann mit türkischer Staatsbürgerschaft, der nach Istanbul übersiedelte und dort eine hochprofessionelle kriminelle Organisation aufzog. Eigens eingestellte Anruferinnen und Anrufer überzeugen seither von einem Call Center aus hochbetagte Männer und Frauen in Österreich telefonisch, dass ihr Vermögen nicht mehr sicher ist und Polizeibeamten übergeben werden muss, um es vor dem Zugriff marodierender Einbrecherbanden oder kriminellen Bankangestellten in Sicherheit zu bringen.

WKStA: Gesamtschaden weit über 25 Millionen Euro

“Den Opfern wird auf niederträchtigste Weise Angst gemacht”, legte der für die umfangreichen Ermittlungen gegen die mafiöse Gruppierung zuständige Vertreter der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) im Grauen Haus dar. Es gebe Hunderte Opfer, der angerichtete Schaden belaufe sich auf mindestens 25 Millionen Euro: “Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Viele Opfer bringen das gar nicht zur Anzeige. Viele tun das aus Scham nicht. Es gibt aber auch Fälle, wo die Betroffenen schweigen, weil sie die Reaktion ihrer Angehörigen fürchten, wenn die erfahren, dass das Erbe weg ist.”

Als angebliche Polizisten, Geldabholer und Fahrer setzt Mehmet Kerim Y. zusehends auf teilweise sehr junge Leute, die mit der Aussicht auf schnelles Geld bereit sind, das nicht unbeträchtliche Risiko einzugehen, von der richtigen Polizei erwischt zu werden. Erst vor wenigen Wochen wurde in Wien ein Fahrer, der in Wien falsche Polizisten herumchauffiert hatte, zu einer zweijährigen teilbedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Anklage gegen einen 19 Jahre alten Serientäter ist in Vorbereitung, der im Ermittlungsverfahren gestanden hat, in über einem Dutzend Fällen als Polizist aufgetreten zu sein.

“Vorstellungsgespräch” mit mutmaßlichem Banden-Boss

Er wurde ebenso wie der im Tatzeitpunkt 17-Jährige von Mehmet Kerim Y. persönlich gecastet. Beide schilderten der WKStA, dass sie ein “Vorstellungsgespräch” mit dem 36-Jährigen absolvieren mussten. Das bekräftigte der Jüngere am Montag in seiner Verhandlung. Er habe in einem Video-Telefonat dem mutmaßlichen Boss der weit verzweigten Bande Rede und Antwort stehen müssen und sei dann unter dem Namen “Robert Baumgartner” als “Kommissar” aufgenommen worden.

“Ich wollte das auch einmal machen”, gab der seit kurzem 18-Jährige zu Protokoll. Als Teilzeitkraft bei einem Catering-Unternehmen habe er zu wenig verdient, um seine auf diverse Suchtmittel ausgerichteten Bedürfnisse zu befriedigen. Er habe auch einen gefälschten Polizeiausweis erhalten und sei mit einem Telefon ausgestattet worden, über das er mit Mehmet Kerim Y. kommuniziert habe.

Zunächst brachte der zu diesem Zeitpunkt 17-Jährige Anfang 2026 eine betagte Frau dazu, zu mehreren Banken zu fahren und ihm insgesamt 14.000 Euro zu übergeben. Fünf Prozent der Summe durfte sich der Bursch behalten, den Rest musste er Mittätern abliefern. Wenig später nahm er als vermeintlicher Kommissar einem eingeschüchterten Opfer mehrere 10.000 Euro Bargeld sowie Gold ab, das er auf Anweisung von Mehmet Kerim Y. einem Wiener Juwelier überbrachte, der ihm dafür 135.000 Euro übergab. Über 200.000 Euro landeten – abzüglich von wiederum fünf Prozent – in der Türkei.

Am 1. April begleitete er schließlich einen Bekannten als sogenannter Aufpasser: “Das war ein Kollege von mir. Der wollte das machen, weil er Geld gebraucht hat.” Dieses Faktum brachte den beiden 118.000 Euro ein, wobei der Großteil der Beute umgehend in die Türkei transferiert wurde.

91-Jährige stürzte und verlor das Bewusstsein

Der Stiefvater eines Bekannten des 18-Jährigen wurde als Mitangeklagter ebenfalls zur Verantwortung gezogen. Der 47-Jährige hatte sich aufgrund von Schulden in Höhe von 180.000 Euro als falscher Polizist casten lassen. Fünf Opfer und ein Schaden von knapp unter 100.000 Euro wurden ihm zugeschrieben. Der Mann war zu zwei Fakten geständig. Dazu wurde er auch schuldig erkannt und bei einem angerichteten Schaden von knapp 35.000 Euro zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Eines seiner Opfer war eine 91-jährige Frau, die zu Sturz kam, als ihr der 47-Jährige in ihrer Wohnung eine Schatulle mit Schmuck abnahm und dabei einen Schubs versetzte. Dieses Faktum wurde von der WKStA als räuberischer Diebstahl qualifiziert, da die hochbetagte Frau aufgrund des Sturzes kurzzeitig das Bewusstsein verlor. Abgesehen von einer Beule am Hinterkopf blieb sie aber glücklicherweise unverletzt.

“Sie ist umgefallen”, sagte der Angeklagte, “ich wollte das nicht. Ich bin nicht so erzogen worden.” Der 47-Jährige bestätigte, dass die Frau kurzzeitig bewusstlos gewesen sei. Ungeachtet dessen habe er mit der Beute die Wohnung verlassen: “Ich war verkabelt und Y. hat mir gesagt, mein Kopf wird rollen, wenn ich das nicht mache.” Nachher sei er aber ausgestiegen. “Ich habe einen Nervenzusammenbruch erlitten”, behauptete der Mann.

Nach Mehmet Kerim Y. wird von der heimischen Justiz mit Europäischem Haftbefehl gefahndet. Da er die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, dürfte er sich in Sicherheit wiegen und nicht mit seiner Festnahme und anschließenden Auslieferung rechnen.