Afghanistan: Fast jeder zweite benötigt humanitäre Hilfe

20.10.2026 • 17:54 Uhr
Afghanistan: Fast jeder zweite benötigt humanitäre Hilfe

In Afghanistan werden im Jahr 2026 geschätzt 22 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen. Das entspricht 45 Prozent der Bevölkerung, teilte die Caritas am Dienstag mit. “Derzeit sind 15,9 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen”, sagte Caritas-Vizepräsident Alexander Bodmann in einem Pressegespräch. Im Winter werden 19,2 Millionen befürchtet. Die afghanische Botschafterin Manizha Bakhtari verwies vor allem auf die schlechtere Lage der Frauen.

“In den vergangenen fünf Jahren haben die Taliban schrittweise ein umfassendes System aus Gesetzen, Vorschriften und Kontrollmechanismen geschaffen, das nahezu alle Lebensbereiche von Frauen reguliert”, berichtete Bakhtari in dem Online-Pressegespräch am Dienstagnachmittag. Mehr als 250 Erlässe und Richtlinien seien beschlossen worden, die die Bildung, Beschäftigung, Bewegungsfreiheit, öffentliche Teilhabe und selbst Kleidungsvorschriften für Frauen betreffen. Einige Bestimmungen seien besonders alarmierend, weil sie harte Strafen ermöglichen und den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt deutlich schwächen. Gleichzeitig wurden Institutionen, die früher Frauenrechte schützten, aufgelöst.

Kampagne für Einstufung von “Gender-Apartheid”

Frauen seien von nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, sagte die Botschafterin. Sie forderte daher, dass der Begriff “Gender-Apartheid” auch als internationales Verbrechen anerkannt wird. 14 Länder, unter ihnen Österreich, hätten bereits ihre Unterstützung für eine entsprechende Kampagne von Frauenaktivistinnen und Menschenrechtsorganisationen bekundet, erklärte Bakhtari. Als künftiges UNO-Sicherheitsratsmitglied sollte Österreich nach dem Wunsch der Diplomatin eine aktivere Rolle bei der internationalen Anerkennung von Gender-Apartheid übernehmen, insbesondere im Rahmen von Verhandlungen über die geplante Konvention zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bakhtari warnte außerdem vor einer politischen Anerkennung der Taliban.

Massenhafte Rückkehrer

Zusätzlich zu der massiven Beschneidung von Frauenrechten erlebt Afghanistan eine Flüchtlingskrise. Im Jahr 2025 kehrten rund 2,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurück, “die meisten davon unfreiwillig, vertrieben durch verschärfte Maßnahmen im Iran und in Pakistan”, sagte Bodmann. “Sie kommen in ein Land, das ihnen weder Wohnraum noch Einkommen bieten kann, in ein Land, das viele von ihnen gar nicht kennen.”

Das bestätigte auch der Journalist Emran Feroz: Die Rückkehrer aus dem Iran und Pakistan seien “einer fürchterlichen Situation” ausgesetzt. Laufend würden Menschen über die Grenze gedrängt. Die Menschen wurden “nicht nur von den Regimen auf der anderen Seite bedrängt, sondern sind dann sofort nach ihrer Ankunft in den Händen der Taliban, besonders in den Händen der Sitten- und Moralwächter, die da überall patrouillieren.”

“Es herrscht eine massive Zensur, Kontrolle und Regulierung seitens der Taliban”, erzählte Feroz, der Afghanistan im September besucht hatte. “Man sieht, dass Frauen komplett aus den Medien verschwunden sind. Also vor der Kamera sieht man eigentlich keine Frauen mehr.” Vor allem der junge Teil der Bevölkerung Afghanistans habe Existenzängste, psychische Probleme und Traumata. “Die Menschen sind wirklich verzweifelt, nicht nur die Mädchen und Frauen, sondern auch viele junge Männer.” Auch der Drogenkonsum sei ein großes Problem.

Klimakrise als Brandbeschleuniger

Bodmann verwies aber noch auf ein weiteres Problem Afghanistans: “Die Klimakrise wirkt bei all dem als zusätzlicher Brandbeschleuniger.” Afghanistan trage zu den weltweiten Emissionen kaum etwas bei und gehöre dennoch zu den am härtesten getroffenen Ländern. “Dürren trocknen Felder und Brunnen aus, Sturzfluten spülen Häuser und Ernten davon, und die Erde selbst kommt auch nicht zur Ruhe.” Der Caritas-Vizepräsident erinnerte etwa an das Erdbeben vom August 2025 im Osten des Landes, bei dem mehr als 2.200 Menschen starben.

Das Gesundheitssystem hänge “fast vollständig am Tropf internationaler Hilfe”, so Bodmann. Im Vorjahr hätten laut Weltgesundheitsagentur WHO mindestens 422 Einrichtungen der Grundversorgung schließen müssen. 3,3 Millionen Menschen hätten dadurch den Zugang zu medizinischer Erstversorgung eingebüßt. Gemeinsam mit einem lokalen Partner, der Organisation für Entwicklungsprogramme Afghanistans (ODPA) in Herat, leiste die Caritas Hilfe. Dazu gehöre Nahrungsmittel- und Winterhilfe, Unterstützung von Erdbebenbetroffenen und Rückkehrenden aus dem Iran sowie die Instandsetzung von zerstörten Bewässerungskanälen, Wasser- und Hygienemaßnahmen.

Winter als besondere Gefahr

Der Winter stelle für die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Afghanistan “eine große Herausforderung” dar, ergänzte ODPA-Chef Shafiq Altaaf. Er erwartet auch heuer “eine sehr harte Wintersaison”. In einigen Regionen des zentralen Hochlands werde mit Naturkatastrophen wie Lawinen gerechnet. “Wir müssen uns jedoch nicht nur auf den Winter vorbereiten, sondern auch auf das Frühjahr.” Die Erfahrungen der vergangenen mindestens fünf Jahre zeigten, dass es zu Beginn des Frühlings immer wieder schwere Überschwemmungen gegeben hat, die ganze Gemeinden verwüstet und zahlreiche Menschenleben gefordert haben.

Gleichzeitig werden aber die Mittel für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit immer knapper. Die weltweite Entwicklungshilfe ist laut dem Caritas-Österreich-Vizepräsidenten 2025 um 23 Prozent eingebrochen. “Wer bei der humanitären Hilfe spart, setzt Menschenleben aufs Spiel. Das können wir in Afghanistan schmerzhaft sehen und spüren.” Bodmann forderte daher auch einen größeren Beitrag Österreichs. “Das erreicht man aber nicht mit einer ODA-Quote von kläglichen 0,33 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Österreich muss humanitär mehr beitragen”, sagte er.

(S E R V I C E : )