Albertina modern setzt auf Irritation der Wahrnehmung

25.06.2026 • 12:31 Uhr
Albertina modern setzt auf Irritation der Wahrnehmung

“Jeder denkt zuerst an den Wiener Aktionismus, wenn es um die junge Generation der 1960er Jahre in Österreich geht.” So erging es auch Albertina-Direktor Ralph Gleis, als er vor eineinhalb Jahren in die Stadt kam. Doch recht bald begegnete ihm immer wieder ein Künstler, dem man nun in der Albertina modern zu erneuter Aufmerksamkeit verhelfen will: Das Werk des Op-Art-Künstlers Marc Adrian tritt in der Schau “Dynamische Raster” in Dialog mit Arbeiten von Victor Vasarely.

Es sei sein Bestreben, für Ausstellungen einerseits aus der hauseigenen Sammlung zu schöpfen, andererseits aber auch “Unbekanntes wiederzuentdecken”, wie Gleis am Donnerstag bei der Presseführung im Untergeschoß der Albertina modern erläuterte. Durch die vom Bank Austria Kunstforum übernommene Abramović-Schau und die dadurch bedingte Verschiebung von “Dynamische Raster” habe sich zudem ein weiterer glücklicher Berührungspunkt ergeben, verwies Gleis auf die derzeit in der Albertina laufende Schau zu Helga Philipp – wie Adrian eine heimische Vertreterin der Konkreten Kunst und der Op-Art.

Räumliche Wirkung in der Fläche

Rund 70 Werke hat Kuratorin Constanze Malissa in der chronologisch aufgebauten Schau versammelt, um nicht nur die künstlerische Entwicklung Adrians (1930 – 2008) von seinen anfänglichen “Sprungbildern” der 1950er Jahre bis zu seinen späteren Hinterglasmontagen nachzuzeichnen, sondern auch um das Schaffen des Künstlers in einen erstaunlichen Bezug zu den Arbeiten seines ungarisch-französischen Kollegen Victor Vasarely (1906 – 1997) zu setzen. Von ihm finden sich in der Albertina dank der Sammlungen Essl und Batliner mehrere zentrale Arbeiten. Beide Künstler, die fast eine Generation voneinander trennt, untersuchten in ihrem Werk optische Phänomene und die Grundlagen der Wahrnehmung.

“Sie haben die räumliche Wirkung in die Fläche hineingedacht”, so Gleis, der sich über die “farblich erfrischende Ausstellung in diesen heißen Sommertagen” freute. Den Auftakt der Schau bilden jene “Blickfallen”, in die Adrian die Betrachter mit seinen “Sprungperspektiven” lockte. Die rund 15 abstrakt-geometrischen Arbeiten spielen mit dem “perspektivischen Sog in die Raumtiefe”, wie die Kuratorin schreibt, und stellen im Vorbeigehen die Sehgewohnheiten der Betrachter auf die Probe.

Irritation der Wahrnehmung

Auf die Spitze trieb er sein Bestreben dann aber jahrzehntelang mit seinen Hinterglasmontagen: Vor seine gemalten Konstruktionen setzte der Künstler industriell gefertigtes Riffelglas, das je nach Perspektive optische Veränderungen sichtbar macht und den Betrachter aktiviert, sich im Vorübergehen überraschen zu lassen. “Im Prinzip verfolgen Vasarely und Adrian dieselbe Idee”, so die Kuratorin. “Sie nutzen Rasterstrukturen und geometrische Grundformen als bildnerische Mittel zur Irritation der Wahrnehmung.”

So simulieren Vasarelys bunte, formstrenge Gemälde (etwa in der Vega-Serie) die Krümmung des Raumes. Besonders beeindrucken die großformatigen Hexagone, die optisch in den Raum fallende Würfel simulieren. Und so ist die Schau, die bis zum 8. November zu erleben ist, nicht nur farblich erfrischend, sondern auch visuell durchaus fordernd.

(S E R V I C E – Ausstellung “Vasarely & Adrian. Dynamische Raster” in der Albertina modern. 26. Juni bis 8. November. )