Architekturzentrum widmet sich temporären Zweckbauten

04.11.2026 • 13:15 Uhr
Architekturzentrum widmet sich temporären Zweckbauten

Nein, das Architekturzentrum Wien (AzW) wird nicht umgebaut. Vielmehr verweist das Baugerüst, das sich vor der Ausstellungshalle im Hof 7 des Museumsquartiers befindet, auf die neue Ausstellung im Inneren. “Temporär. Strukturen der Notwendigkeit” nennt sich die ungewöhnliche Schau, die sich jenen oft übersehenen Strukturen widmet, die urbane Transformationen am Laufen halten. Im Fokus stehen nicht nur Gerüste, sondern auch Planen, Absperrungen oder Sandsäcke.

“Gebäude fallen ja nicht vom Himmel”, scherzte AzW-Direktorin Angelika Fitz anlässlich der Presseführung am Mittwoch mit Verweis auf jene temporären Zweckbauten, die jedes Stadtbild unweigerlich prägen. Und dennoch lässt sich in den zeitlich begrenzten Konstruktionen eine gewisse Ästhetik finden, wie Artem Kitaev von Kosmos architects erläuterte. Das Architekturbüro sammelte über viele Jahre Beispiele “flüchtiger Architekturen”, die nun in sieben Kapiteln präsentiert werden.

Baustellenmaterial als Ausstellungsdisplays

Auch im Innenraum ist die Ausstellungshalle mit einem grünen Baustellennetz ausgekleidet, begrüßt werden die Besucher von einer aus rot-weißen Absperrgittern bestehenden Empfangstheke. Die auf Tafeln gedruckten Fotos sind wiederum konsequent an metallenen Gerüstsäulen angebracht, die zugleich eine gewisse Durchlässigkeit in der Tiefe des Raums ermöglichen. Die meisten Materialien für das Ausstellungsdesign habe man von der Stadt Wien erhalten, nach Ende der Ausstellung werden die Netze, Gitter und Stangen wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt.

Das erste Kapitel “Bauen” widmet sich nicht nur Gerüsten von Neubauten, sondern auch von Renovierungsprojekten. Das Spektrum reicht hier von historischen Aufnahmen wie dem Bau der Merefa-Cherson-Brücke im ukrainischen Dnipro über den eingerüsteten Mailänder Dom bis hin zu den das Wiener Stadtbild prägenden überirdisch konstruierten Wasserleitungen im Zuge der Bauarbeiten der U5.

Attrappen und Klimamaßnahmen

Wie sehr man sich an Attrappen gewöhnt hat, verdeutlicht das gleichnamige nächste Kapitel, das sich den immer häufiger werdenden Fassadenverkleidungen widmet, die sich während Renovierungen oft an historischen Gebäuden finden; so etwa am Stadtbahn-Pavillon am Karlsplatz oder am Obersten Gerichtsgebäude in Washington D.C. Unter dem Titel “Klima” zeigt man temporäre Maßnahmen wie Sandsäcke als Hochwasserschutz oder Schutznetze gegen Hagel und Vögel in der Landwirtschaft. Auch der Sicherheit dienende temporäre Konstruktionen werden in den Fokus genommen, so etwa mobile Verkehrsschilder oder jene Holzstangen, die Fußgänger vor Dachlawinen warnen. Kurios sind jene Besen, die entlang von Bahngleisen in der Schweiz Passagiere davon abhalten sollen, ihre Köpfe aus den offenen Zugfenstern zu strecken.

Zeitlich begrenzte Bauten finden sich aber auch bei “Ereignissen”, wie das nächste Kapitel heißt. Zu sehen ist etwa eine Zeltstadt in Mina bei Mekka zur Unterbringung von Pilgerinnen und Pilgern oder eine temporäre Skisprungschanze in Vancouver. Wie unterschiedlich Gerüste in verschiedenen Ländern sind, weiß jeder, der schon einmal in Asien war. Als Beispiel dienen hier etwa Bambusgerüste aus Hongkong, andernorts setzt man auf lokale Materialien wie Holz, während sich hierzulande das Stahlgerüst durchgesetzt hat.

Auch der Schutz von Gebäuden findet Eingang in die Ausstellung, die etwa die imposante Sandsack-Verhüllung eines Denkmals in der Ukraine zeigt. Wie sehr temporäre Strukturen auf unmittelbare Anforderungen reagieren und dabei auf soziale Normen und klimatische Gegebenheiten reagieren, zeigt das letzte Kapitel “Lokale Baukultur”. Für den Architekten Artem Kitaev lassen sich aus all diesen Zweckbauten auch Inspirationen für architektonische Entwürfe ableiten, wie er erzählte. Nicht zuletzt die Wiederverwendbarkeit von Gerüsten & Co. finde sich mittlerweile auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft in Entwürfen für Gebäude wieder, die dazu gedacht sind, länger stehen zu bleiben als ihre Hilfskonstruktionen.

(S E R V I C E – Ausstellung “Temporär. Strukturen der Notwendigkeit” im Architekturzentrum Wien. 5. November bis 5. April 2027. )