Ausgang der Wahlen in Schweden völlig offen

07.09.2026 • 08:16 Uhr
Ausgang der Wahlen in Schweden völlig offen

Eine Woche vor den Wahlen zum Schwedischen Reichstag deutet alles auf einen spannenden Urnengang hin. Die aktuelle, von den einwanderungsfeindlichen Schwedendemokraten unterstützte Mitte-Rechtsregierung von Ministerpräsident Ulf Kristersson liegt in allen Umfragen deutlich hinter der Opposition. Ob aber die Sozialdemokratin Magdalena Andersson künftig erneut an der Spitze einer Regierung stehen wird, ist angesichts des Fehlens klarer Koalitionsalternativen dennoch fraglich.

Am 13. September sind mehr als acht Millionen Schweden dazu aufgerufen, ein neues Parlament, den Schwedischen Reichstag, zu wählen. Gleichzeitig werden auch die kommunalen und regionalen Volksvertretungen neu gewählt. Die derzeitige Regierung, nach dem Ort ihrer Ausverhandlung Tidö-Koalition genannt, besteht aus den konservativen Moderaten von Kristersson, den Christdemokraten sowie den Liberalen und wird von den weit rechts stehenden Schwedendemokraten unterstützt. Die Opposition bilden die Sozialdemokraten, die Umweltpartei (Grüne), die Linkspartei und die wertkonservative Zentrumspartei.

Vorsprung der Opposition rückläufig

Die Umfragen waren in den vergangenen Monaten weitgehend konstant. Der Vorsprung der Opposition vor den Regierungsparteien inklusive der Schwedendemokraten und insbesondere die Unterstützung für die Sozialdemokraten schien im Endspurt der Wahlkampagnen allerdings zu schwinden. Laut einem ermittelten Durchschnitt diverser aktueller Umfragen mit Stichtag 31. August lagen die Sozialdemokraten zuletzt bei 28,1 Prozent vor den Schwedendemokraten (19,3 Prozent) und den Moderaten (17,8 Prozent).

Die meisten übrigen Parteien rechts und links der Mitte hatten Werte zwischen neun und sechs Prozent, lediglich die Liberalen lagen mit 2,7 Prozent weiterhin gefährlich deutlich unter der Vier-Prozent-Hürde, die ihr den Verbleib im Reichstag sichern würde. Deren Chefin, die 31-jährige Simona Mohamsson, riskierte im März 2026 eine Parteispaltung, als sie hinsichtlich einer möglichen Regierungsbeteiligung der Schwedendemokraten inklusive Ministerposten eine Kehrtwendung in der Parteilinie vollzog.

Sozialdemokraten droht schlechtestes Ergebnis

Ein derartiges Ergebnis würde für die Sozialdemokraten trotz eines möglichen Wahlsieges das schlechteste oder zumindest zweitschlechteste Wahlresultat in ihrer Geschichte bei Parlamentswahlen bedeuten und sie damit in eine schwache Verhandlungsposition in den Regierungsgesprächen bringen. Dies könnte umso mehr die Tür für bisher unerprobte Zusammenarbeiten wie eben mit den Christdemokraten oder gar mit den Moderaten eröffnen.

Sollte die bisherige Regierungskoalition hingegen und den Umfragen zum Trotz doch wieder die Nase vorn haben, wäre also eine Regierungsbeteiligung der Schwedendemokraten unter ihrem Chef Jimmie Åkesson praktisch ausgemachte Sache. Alle anderen Parlamentsparteien, inklusive der früher meist im bürgerlichen Lager zu findenden Zentrumspartei, lehnen Ministerposten für die aus dem Neo-Nazi-Lager erwachsenen und bis heute in Aussagen ihrer Mitglieder immer wieder über den rechten Rand hinausschießenden Schwedendemokraten (SD) strikt ab.

Neue Regierungsvarianten möglich

Die 59-jährige Magdalena Andersson hingegen, 2021/22 erstmals als Frau an der Spitze einer schwedischen Regierung, steht vor dem Dilemma von möglichen Zusammenarbeitsparteien mit scheinbar unvereinbaren Standpunkten. So etwa schließt die Zentrumspartei eine Regierungszusammenarbeit mit der relativ starken Linkspartei bisher aus. Diese wiederum fordert Ministerposten für eine Unterstützung Anderssons als Regierungschefin.

Dieses Dilemma führte im August dazu, dass sich angesichts des drohenden Ausfalls der Liberalen und damit der Unmöglichkeit einer Fortführung der bisherigen Mitte-Rechts-Zusammenarbeit die Chefin der Christdemokraten, Ebba Busch, auf einen verbalen Flirt mit den Sozialdemokraten einließ. SD-Chef Åkesson wiederum stellte den Liberalen die Rute ins Fenster, indem er die Wählerinnen und Wähler aufforderte, nicht für diese zu stimmen, falls sich zehn Tage vor der Wahl umfragetechnisch nicht eine Perspektive für den Verbleib im Reichstag auftun sollte.

“Geldbörse”-Themen dominierten Wahlkampf

Da, wie der Politologe Mikael Sundström im APA-Gespräch es ausdrückte, in Schweden traditionell die Frage “Wie sieht es in meiner Geldbörse aus, je nachdem, welche Partei ich wähle?” eine große Rolle in der Wählerentscheidung spielt, überboten sich die wahlwerbenden Parteien besonders in der intensiven Phase des Wahlkampfes gegenseitig mit Wahlversprechungen. Dabei fiel auf, dass die Konservativen versuchten, in typisch sozialdemokratischen Gewässern zu fischen, wie etwa die Forderung nach einer Abschaffung der Steuer für Kindergärten.

Umgekehrt machten sich die Sozialdemokraten in ihrem “Plan für Schweden” unter anderem für erhöhte Sicherheit im Land stark. Auffallend ist, dass sich nahezu alle Parteien für eine Stärkung der Infrastruktur außerhalb der Ballungszentren einsetzen – ein traditionelles Anliegen der Zentrumspartei, die sich selbst wiederum verstärkt für den Klimaschutz engagiert – ein klassisches Thema der Grünen.

Wenig Unterschied zwischen Hauptkonkurrenten

In der Frage des Verhältnisses zu Russland und der Ukraine sowie der damit verbundenen Entscheidung, der NATO beizutreten, sind sich die beiden traditionellen Hauptkontrahenten einig, was letztlich laut Sundström dazu führt, dass die sachpolitischen Unterschiede zwischen der rechten und der linken Mitte insgesamt gering sind.

Dieser Umstand und die Unsicherheit, welche Regierungskoalition sie mit ihrer Stimme am Ende des Tages hervorrufen – eine traditionell rot-grüne, eine sozialdemokratisch geführte Koalition mit Parteien rechts der Mitte oder eine konservative mit stark nationalistischer Prägung oder gar eine in Schweden bisher ungekannte “Große Koalition” nach deutschem oder österreichischem Muster – führt bei zwei Millionen unentschiedenen Wählern dazu, dass der Ausgang der Wahl beinahe unmöglich vorauszuahnen ist.

Fortsetzung des Trends zu Schwedendemokraten?

“Es herrscht eine unerhört komplizierte politische Situation”, sagt Sundström. Viele sähen die Wahl auch als Test für die Frage, wie groß die Schwedendemokraten in Zukunft werden könnten. “Sollten sie erstmals bei einer Parlamentswahl Stimmen verlieren, würden viele sagen, der Trend ist gebrochen. Entscheidend wird aber sein, wie die Schwedendemokraten im Süden des Landes abschneiden, wo sie traditionell die meiste Unterstützung genießen.”

Wahltag ist der 13. September. Seit 26. August ist die Abgabe von Vorausstimmen möglich. Am Wahltag ist die Stimmabgabe in den Wahllokalen von 8.00 bis 20.00 Uhr möglich. Bis zum Wochenende hatten bereits rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte ihre Stimme abgegeben.

(von Andreas Stangl/APA)