Autorin Kinga Tóth: “Für mich ist Literatur ein Lebewesen”

Die 1983 in Ungarn geborene und derzeit in Waidhofen/Ybbs wohnhafte Kinga Tóth, die von Brigitte Schwens-Harrant nach Klagenfurt eingeladen wurde, errang mit “OstblockMädl” den zweithöchsten Preis des Bachmann-Bewerbs, den Kelag-Preis (15.000 Euro). In Erinnerung blieb nicht nur ihre Lesung, sondern auch ihr tränenreicher Auftritt bei der Preisverleihung. Im APA-Interview gibt sie, mittlerweile zum Lyriktreffen Münster weitergereist, Auskunft über sich und ihr Schreiben.
APA: Frau Tóth, Sie haben vor wenigen Tagen beim Bachmann-Wettlesen die meiste Emotion von allen Teilnehmenden gezeigt. Gibt es dafür spezielle Gründe?
Kinga Tóth: Wenn wir uns letztes Jahr um diese Zeit unterhalten hätten, hätte es gut sein können, dass ich gar nicht nach Klagenfurt hätte kommen können, um dort vorzulesen. Einerseits war der Weg von Nyőgér, von meinem kleinen Dorf, nach Klagenfurt sehr lang, und das meine ich natürlich nicht wortwörtlich, außerdem hätte es mein Gesundheitszustand nicht zugelassen. Bei der Feier gingen mir viele Gedanken durch den Kopf; ich bin sehr glücklich, dass ich diese Momente erleben durfte, dass ich mich bewegen, vorlesen, auftreten und feiern konnte; ich bin sehr dankbar, dass ich leben darf und dass einer meiner Träume wahr geworden ist! Diese Gefühle wünsche ich von ganzem Herzen jedem, und auch, dass wir es wagen, sie zu zeigen.
“Diese unglaublich spannende, knisternde Sprache mit ihren tollen Klängen …”
APA: Sie schreiben auf Deutsch, Ungarisch und Englisch, heißt es in Ihrer Biografie. Wie kamen Sie dazu, Deutsch zu lernen und diese Sprache auch in literarischen Texten anzuwenden? Und wie verhält sich das zu der Verwendung Ihrer Muttersprache? In dem Band “MariaMachina” verwenden Sie ja beide Sprachen (und auch etwas Englisch).
Tóth: Wie ich auch in meinem Prosatext geschrieben habe, habe ich diese unglaublich spannende, knisternde Sprache mit ihren tollen Klängen zuerst im Fernsehen und von österreichischen Touristen gehört und wollte sie sofort lernen. Ich schreibe schon seit Langem auf Deutsch, aber in den 2010er-Jahren nahm ich den Mut, meine Texte auch an Literaturzeitschriften zu schicken, die sie dann auch veröffentlichten. Meine Schreibsprache ist eine Mischsprache, so wie ich auch spreche: Ich suche nach den passenden Wörtern, und diese fließen gelegentlich aus anderen Sprachen in meine Sprache und mein Schreiben ein. Für meine Bücher erstelle ich dann auch “bereinigte”, einsprachige Fassungen, aber ich sehne mich immer mehr danach, dass meine Texte organisch und gemischt erscheinen. Die Lyrik lässt das meiner Meinung nach leichter zu – wie auch in meinem neuen Buch “MariaMachina”-, aber “OstblockMädl” ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch die Prosa damit zurechtkommt.
“Ich könnte ein Diplom in der Kunst des Überlebens bekommen”
APA: In Ihrem Text “OstblockMädl” schreiben Sie über ungarische Pflegerinnen und Erntehelferinnen in Österreich. Bei der Preisverleihung meinten Sie: “Ich kenne die Salatfelder auch! Es ist schon toll hier zu stehen und nicht draußen in der Hitze.” Auf welche persönlichen Erfahrungen beziehen Sie sich da?
Tóth: Ich arbeite schon seit dem Gymnasium und habe tatsächlich oft körperliche Arbeit verrichtet, was ich aus gesundheitlichen Gründen eigentlich nicht hätte tun sollen, aber ich komme aus bescheidenen Verhältnissen. Meine Eltern haben auch auf den Maisfeldern gearbeitet (meine Mutter war auch Lehrerin, ist mittlerweile im Ruhestand, und ich kenne die Maisfelder tatsächlich schon aus meiner Kindheit), und auch andere nahe Verwandte von mir haben auf den österreichischen Salatfeldern gearbeitet – genau wie ich. Aber ich habe auch in einer Fleischfabrik gearbeitet, war Museumswärterin, Putzfrau mit zwei Abschlüssen bei einer englischen Schauspielerin (und auf dem Papier auch Babysitterin), war aber auch als Logistikerin in einem Gaswerk und in einer Autofabrik tätig – ich glaube, ich könnte noch ein weiteres Diplom in der Kunst des Überlebens bekommen. Doch das sind nur ein paar Beispiele, ich habe noch einiges in meinem Repertoire, und daraus werde ich für meinen Roman reichlich schöpfen. Die Recherche dafür findet also nicht nur in den Archiven statt, sondern auch in meiner eigenen Geschichte, der meiner Familie und der meiner Bekannten, mit gegenwärtigen, realen, alltäglichen Ereignissen.
APA: Sie werden als Sprachwissenschafterin, Performancekünstlerin, Visuell-Klang-Poetin, Illustratorin, Journalistin und Kulturmanagerin angeführt – ein schillernd klingender Lebenslauf. Welche Windungen hat er nehmen müssen, bis Sie beim Bachmann-Preis landeten?
Tóth: Wie ich bereits erwähnt habe, war es ein langer Weg von Nyőgér aus, zunächst in die ungarische Literaturszene, da ich nicht in Budapest studiert hatte und mich in den literarischen Kreisen nicht auskannte. Von außen war es schwierig, aber ich habe meine Texte kontinuierlich an Zeitschriften geschickt, die mich zunächst natürlich nicht einmal beachteten, dann aber langsam anfingen zu reagieren. Dort erhielt ich viele gute Ratschläge, ebenso wie in Literaturcamps und Workshops. An diesen Kursen und in den Literaturorganisationen habe ich mich später selbst aktiv beteiligt und versucht, der jüngeren Generation zu helfen. Mein erstes Buch erschien – wahrscheinlich auch wegen der langen Umwege – im Alter von dreißig Jahren, als ich bereits zwei weitere Manuskripte fertig hatte. Ein Jahr später erhielt ich ein Stipendium an der Akademie Schloss Solitude. Allmählich wurden Verlage auf meine Arbeiten aufmerksam. Ich bin allen unendlich dankbar, dass sie an mich und meine Arbeit glauben! Daneben arbeite ich parallel an visuellen und akustischen Projekten sowie an Performances. Ich habe schon so lange davon geträumt und darauf hingearbeitet, dass es das Mindeste ist, diese Chance zu schätzen und mein Bestes zu geben.
“Ich versuche, lebendige Texte zu schaffen”
APA: “OstblockMädl” wurde stark über den sozialkritischen und emanzipatorischen Inhalt rezipiert, ist aber auch ein fein gesponnenes literarisches Gewebe, dem Sie bei Ihrer Lesung mit gesungenen oder litaneihaften Passagen noch einen besonderen Charakter verliehen haben. Wie würden Sie Ihre Poetik beschreiben?
Tóth: Ich versuche, lebendige Texte zu schaffen; für mich ist Literatur ein organisches, atmendes, sich bewegendes und offenes, sich ständig weiterentwickelndes Lebewesen – vielsprachig, neugierig und zum Dialog bereit. Ich beschäftige mich auch mit Klangkunst, bildender Kunst und Performances: All dies zusammen schafft jenen lebendigen Textkörper, den ich am liebsten in Bewegung versetze. Bei einer Lesung zeige ich – wenn mir der Raum dafür gegeben wird – gerne auch die visuelle und klangliche Welt der jeweiligen Geschichte, ein wenig so wie bei meinem Auftritt in Klagenfurt.
APA: In “OstblockMädl” wie in “MariaMachina” finden sich auf vielen Ebenen Bezüge zur katholischen Kirche. Und im Rahmen eines PhD-Programms am Mozarteum in Salzburg beschäftigen Sie sich mit dem Kunstschaffen von Nonnen. Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie?
Tóth: Ich beschäftige mich damit, wie das Wort lebendig wird. Ich betreibe eine ethnografische Recherche und analysiere die Parallelitäten und Verbindungen etwa zwischen Gebet und Live Poetry. Daraus ergeben sich Verbindungen zwischen meiner eigenen künstlerischen Arbeit und Nonnenkunst. Natürlich interessiert mich auch die spirituelle Seite. Die Zeit im Kloster ist etwas sehr Wundervolles und Einzigartiges, das ich persönlich auch sehr schätze.
“Leider stand außer Frage, dass ich gehen musste”
APA: Sie waren 2018 Grazer Stadtschreiberin, 2024 Fellow des MQ-Programms in Wien und 2025 Stadtschreiberin in Waidhofen an der Ybbs. Das sieht nach einem unsteten Geist mit viel Österreich-Bezug aus. Was steckt dahinter?
Tóth: Die verschiedenen Residenzprogramme haben mir geholfen, Ungarn zu verlassen, wo mir aufgrund der politischen Lage immer mehr die Luft zum Atmen fehlte, was sich leider auf das Gesundheitswesen, die Arbeit und natürlich auch auf alle Bereiche des Lebens ausgewirkt hat. Leider stand außer Frage, dass ich gehen musste. Auch im Ausland ist es jedoch nicht immer einfach; unter anderem deshalb hat sich dieser Lebensstil als “Zugvogel” entwickelt, ich bin zusammen mit den Kunstprogrammen umgezogen. So hatte ich jedoch die Gelegenheit, vor allem die deutschsprachigen Gebiete zu bereisen – Deutschland, Österreich und die Schweiz -, ich konnte überall arbeiten, und dazu hätte ich unter normalen Umständen sicherlich keine Möglichkeit gehabt. Ich will nicht behaupten, dass dieses Wanderleben keine Nachteile hat. In den letzten sechs bis sieben Jahren bin ich zum Beispiel mehr als zehn Mal umgezogen und spüre, dass ich müde werde. Aber ich habe so viel gesehen und erlebt, und das ist wunderbar!
“In Ungarn ist die Luft sauerstoffreicher geworden”
APA: Und hat der Sieg von Péter Magyar etwas für Sie geändert? Haben Sie Hoffnung auf eine demokratische, proeuropäische, liberale Politik in Ungarn?
Tóth: Mit skeptischer Freude verfolge und erlebe ich die Veränderungen in Ungarn. Auf jeden Fall lässt sich sagen, dass die Luft sauerstoffreicher und das Leben hoffnungsvoller geworden ist, und ich freue mich zu sehen, dass die neue Regierung tatsächlich arbeitet. Auch in der Literatur wurde eine Berufsvertretung gegründet, der ich angehöre und bei der ich beim Aufbau internationaler Beziehungen helfe. Ich bemühe mich, Kontakte zu knüpfen und meinen Kollegen zu Hause zu helfen. Dort, wo ich herkomme – sowohl in der ländlichen Gemeinschaft als auch in der Underground-Kunstszene -, sind Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung sehr wichtig. Ich hoffe, dass diese Einstellung ansteckend ist und dass Ungarn ein offener Ort wird, an dem wir neugierig und mit Offenheit die Kultur und Sprache des anderen kennenlernen.
APA: Die Preisverleihung in Klagenfurt ist jetzt fünf Tage her. Haben Sie schon eine Ahnung, ob Ihre Teilnahme am Wettbewerb oder der Kelag-Preis irgendwelche Auswirkungen für Sie haben wird?
Tóth: Seit der Preisverleihung arbeite ich ununterbrochen, daher hatte ich leider noch nicht einmal Zeit, all’ die tollen Artikel zu lesen. Ich habe nur die Glückwünsche gesehen, und werde erst in den nächsten Tagen dazukommen, mich zu bedanken. Ich hoffe, dass sich die Auszeichnung auf mein Leben auswirken wird. Mein Kalender füllt sich bereits für dieses und das nächste Jahr, und das ist ein sehr gutes Zeichen. Ich freue mich auf alles, was auf mich wartet, und bin bereit.
(Die Fragen bei dem schriftlich geführten Interview stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – Kinga Tóth: “MariaMachina”, Matthes & Seitz Berlin, 140 Seiten, 22,50 Euro, ISBN 978-3-7518-1077-7)