Birke Gorm schickt “Dinge mit Vergangenheit” nach Gwangju

17.07.2026 • 05:30 Uhr
Birke Gorm schickt "Dinge mit Vergangenheit" nach Gwangju

Birke Gorm steht in ihrem Wiener Atelier und zeigt auf eine Reihe von figurenähnlichen Stoffgebilden, die an der Wand hängen. Bald werden sie im südkoreanischen Gwangju zu bewundern sein. Kommende Woche kommt die Transportfirma. “Vier Euro-Paletten werden es, zwei mit meinem Material, zwei mit Katalogen und sonstigem Equipment”, sagt sie. Verschifft wird per Diplomatenkurier. Am 5. September wird ihr Beitrag auf der 16. Gwangju Biennale eröffnet. Die Vorbereitungen laufen.

Im Jänner war die 1986 in Hamburg geborene und seit 2012 in Wien lebende dänisch-deutsche Künstlerin, die sich in einem zweistufigen Verfahren gemeinsam mit Kuratorin Attilia Fattori Franchini unter insgesamt 35 Einreichungen für die Gestaltung des Österreich-Beitrags durchsetzte, bereits in Südkorea und hat sich die örtlichen Gegebenheiten angesehen. Die nationalen Pavillons, die seit 2018 die im weitläufigen Biennale-Gelände ausgerichtete Hauptausstellung (heuer von Kurator, Medienkünstler und Filmemacher Ho Tzu Nyen unter den Titel “You Must Change Your Life” gestellt) ergänzen, sind nämlich über die ganze Stadt verteilt.

Ein Museumsraum wird zum Dachboden

Österreich bespielt in seinem zweiten nationalen Beitrag nach 2024, als insgesamt 700.000 Biennale-Besucher gezählt wurden, gemeinsam mit der Schweiz das Eunam Museum of Art. Durch den Schweizer Beitrag “State Fictions. Beyond Blossoms and Borders”, in dem sich die Künstlerin Denise Bertschi mit der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea beschäftigt, gelangt man einen Stock höher in einen 120 Quadratmeter großen Raum.

Unter dem – auf einen Roman der US-Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler verweisenden – Titel “the evening and the morning and the night” verwandelt Gorm diesen Raum mittels Objekten, Licht und Sound in einen Dachboden, der Verdrängtes und Ausgesondertes beherbergt. “Für mich ist das ein Raum, der stark symbolisch aufgeladen ist”, erklärt die Künstlerin. “Er beherbergt Dinge mit Vergangenheit, die aber aus dem Alltag verbannt sind, Materialien am Ende ihres Lebenszyklus, an der Schwelle zum Abfall.”

Historische, sozialkritische und feministische Aspekte

“Meine Kunstpraxis ist sehr materiallastig”, lacht Gorm, die an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der Designschule Kolding in Dänemark studierte, “und ich beschäftige mich viel mit dem Sammeln.” Gesammelt wird derzeit in österreichischem Auftrag auch in Gwangju selbst, denn die Taschen, die die Künstlerin in ihre textilen Körper eingearbeitet hat, sollen mit den typischen Alltags-Resten einer südkoreanischen Stadt gefüllt werden.

Wie sehr diese scheinbaren Details historische, sozialkritische, aber auch feministische Komponenten haben, erschließt sich etwa in ihrem Beitrag zu der noch bis Ende August im Dom Museum Wien laufenden Ausstellung “Alles in Arbeit”. Für ihr Objekt “all-in (check, pink)” hat sie einer Schürze mehrere zusätzliche Taschen aufgenäht und erinnert damit an eine Zeit, in der Frauen Taschen, die in der Kleidung eingenäht waren, verwehrt waren, da ihnen kein eigener Besitz zugestanden wurde.

In idealer Weise fließen auch aktuelle Ideen von Nachhaltigkeit und Wiederverwertung in die Arbeiten mit ein. “Es ist logisch für mich, mit all’ dem zu arbeiten, das es zu viel gibt”, sagt Birke Gorm. Es gehe ihr aber nicht um plakative Konsumkritik. “Diese Materialien kommen mit sehr viel Information, die man in vielfältiger Weise aufnehmen kann.

Das Konzept habe “durch eine klare künstlerische Vision und die kritische Auseinandersetzung mit relevanten Fragestellungen wie dem Umgang mit Ressourcen oder den Folgen des Kapitalismus”, überzeugt, begründete Max Hollein im Namen der Jury die Wahl. “Indem Birke Gorm alltägliche, scheinbar wertlose Materialien in ihren Arbeiten neuordnet, rückt sie Verdrängtes und Übersehenes in den Vordergrund und schafft einen Raum für kollektive Erinnerungen.”

“Wien ist ein super Ort”

Für Birke Gorm ist ihr von “Phileas – The Austrian Office for Contemporary Art” beauftragter und betreuter Auftritt in Gwangju ein Abenteuer, das an ihre Residency in Tokio anschließt, die sie sehr inspirierend fand. Der österreichischen Bundeshauptstadt wird die von der Galerie Croy Nielsen vertretene Wahlwienerin dennoch treu bleiben. “Wien ist ein super Ort, sehr zentral in Europa gelegen und sehr lebendig. Ich bin sehr glücklich hier”, sagt sie.

Nach Südkorea steht jedoch neben ihrer Teilnahme an der am 19. September startenden Lyon Biennale, wo sie in einer Installation die Geschichte der örtlichen Textilproduktion reflektiert, erst einmal ein Umzug an. Aus ihrem Bundesatelier in der Ottakringer Wattgasse, das sie 2020 beziehen konnte, muss sie Ende des Jahres ausziehen. Die Suche läuft, doch Birke Gorm wirkt ganz entspannt. “Ich bin dran!”

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – 16. Gwangju Biennale von 5. September bis 15. November, ; )