“Blutregen” im Weltmuseum beleuchtet kolonialen Waffenhandel

Fotografien um 1900 zeigen Menschen aus dem Globalen Süden mit Feuerwaffen. Die Sammlung des Weltmuseums Wien präsentiert aus dieser Zeit aber vorwiegend Objekte wie Pfeil und Bogen aus dieser Region. Diesem Widerspruch geht das Haus mit der Schau “Blutregen” nach. “Das ist keine Ausstellung über Gewalt, keine über Waffen. Diese sind, bis auf wenige Ausnahmen, abwesend. Im Zentrum stehen ihre Wege, Wirkungen und Geschichten dahinter”, so Direktorin Claudia Banz.
“Industriell gefertigte Gewehre standen für technologischen Fortschritt, wirtschaftliche Interessen und militärische Macht”, erläuterte Banz bei einem Pressetermin am Montag. “Gleichzeitig wurden Speere, Bögen, Schilde und andere rituelle Waffen fotografiert, gesammelt und in ethnologischen Museen als Zeugnisse einer vermeintlich primitiven Gesellschaft eingeordnet.” Im Laufe des 19. Jahrhunderts sei wichtig gewesen, so viel wie möglich über andere Kulturen zu sammeln, “bis auf die Waffen, die man tatsächlich in kolonialen Kriegen verwendet hat”, ergänzte Kuratorin Hanin Hannouch. “Fotografien haben mir einen anderen Blick darauf geboten.”
Historische Fotografien müssten nicht nur danach befragt werden, was sie zeigen, sondern auch danach, “wer sie produzierte, für wen sie entstanden und wie sie Wirklichkeit mitgeprägt haben”, sagte Banz. “Menschen wurden inszeniert, vermessen und nach vermeintlichen Typen geordnet. Und diese Bilder zirkulierten in Europa und prägen bis heute unsere Vorstellungen von fremden Ländern und vermeintlich fremden Gesellschaften.” Auch damit setzt sich “Blutregen” auseinander.
Geistige Wesen als Schutzwesten
Der Besuch startet mit einem Blick auf ein zeitgenössisches Kunstwerk von Jakkai Siributr, das zwei Themen im ersten Teil der Präsentation verbindet: Wie kann ich meinen Geist und wie kann ich meinen Körper vor Waffen schützen? Ausgestellt sind in der Folge etwa religiöse Schutz-Objekte wie eine im Sudan getragene Lederkette und traditionelle Dolche aus Südostasien, Kris, in denen geistige Wesen wohnen. Via a vis hängen eine kugelsichere Weste sowie Fotografien von 1923, die den Test einer solchen festhalten. Man lernt, dass der Erfinder dieses “Kleidungsstücks” ein Chicagoer Priester war, aber auch der Wiener Erfinder Ian Szczepanik ein solches entwickelte.
Zahlreiche Fotografien unterstreichen die erwähnte Diskrepanz zwischen Vermittlung und Realität der Kolonialzeit – etwa das Abbild eines sudanesischen Kämpfers mit einem erbeuteten Remington-Rolling-Block-Gewehr oder eine Gruppe von 18 zum Teil mit Lanzen, zum Teil mit Gewehren ausgerüsteter Menschen aus Somalia vor 1891. François Aubert, Lieblingsfotograf von Maximilian von Österreich, hielt auch dessen Hinrichtung als Kaiser von Mexiko fest: Der Besitz eines Fotos der Jacke mit Schusslöchern war unter Napoleon III. verboten, weil es tödliche Folgen seiner Außenpolitik offenbarte – hier darf man es nun betrachten.
Ein Dichter als Waffenhändler
Dass einige Sammler und Fotografen, die dem Museum Werke und Objekte spendeten, ebenfalls am Waffenhandel beteiligt waren, wird im zweiten Teil aufgedeckt. Darunter eine “Überraschung”: Der französische Dichter Arthur Rimbaud, mit drei Fotos in der Sammlung vertreten, wandte sich 1880 von der Literatur ab und wurde – Waffenhändler! So verkaufte er von 1885 bis 1888 mehr als 2.000 Remington-Gewehre und 500 Kilogramm Munition an den König von Shoa, Menelik II., der nach einem Machtkampf das Land mit Äthiopien einte. “Vergessen wir Poesie und Kunst und Literatur! Er war schon ziemlich hart im Geschäft”, betonte Hannouch. Zeitgenössische künstlerische Arbeiten zum Thema runden die Schau ab.
(S E R V I C E – “Blutregen – Fotografien und Waffenhandel” im Weltmuseum Wien, 29.9. bis 18.4.27, täglich außer Montag 10-18 Uhr, Dienstag bis 21 Uhr; )