Bregenzer Festspiele: Klangstarke Uraufführung im Gartenhaus

“Passion of the Common Man” wies am Freitag bei den Bregenzer Festspielen in eine dystopische Zukunft. Für die Uraufführung engagierte Intendantin Lilli Paasikivi den renommierten isländischen Komponisten Daniel Bjarnason und mit Anne Sofie von Otter einen Star der Opern- und Konzertwelt. Das von Passionen von J. S. Bach inspirierte Musiktheater stellt Fragen zum menschlichen Empfinden und stieß auf der Werkstattbühne auch ohne Antwort auf lautstarke Zuschauerakzeptanz.
Im Zentrum stehen die großen Operninszenierungen auf dem See und im Festspielhaus, Uraufführungen zählen jedoch seit Jahrzehnten fix zum Programm der Bregenzer Festspiele. Neben dem Theaterstück “under the influence” der deutschen Autorin Natalie Baudy sind das zum 80-Jahr-Jubiläum der Festspiele die Musiktheaterproduktionen “YUM!” von Wen Liu und “Passion of the Common Man” von Daniel Bjarnason.
Der vor allem durch seine Oper “Brothers” international bekannt gewordene isländische Komponist bezog sich bei der Struktur dieses Auftragswerks der Festspiele auf Passionen von J. S. Bach. Ein zentrales Motiv dieser geistlichen Oratorien, nämlich, dass ein Einzelner stellvertretend für die Gemeinschaft leidet, verlegt er gemeinsam mit dem kanadischen Librettisten Royce Vavrek in eine Zukunft, in der Leiden, aber auch Leidenschaft für Normalbürger nicht mehr existieren. Die Menschen leben eingekapselt in einer sterilen Umgebung, in der lebenserhaltende Substanzen zugeführt und Glücksgefühle synthetisch erzeugt werden. Vorausgegangen sind dieser Dystopie Kriege und Umweltkatastrophen, die Vavrek mit “große Erwärmung” umschreibt.
Musikalischer Gehalt macht hohes Niveau des Werks aus
In der “Passion des Durchschnittsmenschen” (so eine mögliche Übersetzung) gibt es zwar einen Chor und einen dem Evangelisten bei J. S. Bach entsprechenden Master of Ceremonies sowie unter den weiteren Solisten einen sogenannten Surrogate, einen Stellvertreter, der bereit ist, in die menschliche Welt mit Schmerzen und Leid zurückzukehren. Doch die säkularisierte Passion enthält keinerlei Art von Erlösung, endet offen. Gut so. Der Text ist voll von Poesie, aber wegen der barocken Vorlage – oder wenn eine Frau dem Schmerz unerwiderter Liebe nachtrauert sowie ein ehemaliger Bauer der Feldarbeit mit bloßen Händen – nicht frei von Pathos.
In welchem Maß dem Werk eine Aufforderung zur Reflexion über unser Denken und Handeln innewohnt, unterliegt individuellem Ermessen. Neben dieser allgemeinen Funktion von Kunst, die das Werk erfüllt, ist es somit der musikalische Gehalt, der das hohe Niveau ausmacht. Daniel Bjarnason hat für ein Kammermusikensemble, gebildet vom Symphonieorchester Vorarlberg, für einen kleinen Chor, für den der Chor des Bayerischen Rundfunks engagiert wurde, sowie vier Solisten jeweils melodisch faszinierend komponiert. Die mit spannenden Motiven und zarten Anklängen an Choräle von Bach durchwobene Klangsprache erfährt durch das bestens integrierte Sounddesign von Ida Shuften Juhl eine subtile Erweiterung.
Der Komponist erweist sich als derartiger Meister im Umgang mit der Farbe der menschlichen Stimme, dass man das explizit Experimentelle an diesem Werk nicht vermisst. Die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, die in Vorarlberg auch das renommierte Festival Schubertiade mitgeprägt hat, agiert als Master of Ceremonies mit exzellentem Ausdruck. Die Sopranistin Emma Kajander, der Bariton Jacques Imbrailo und der Tenor Aaron Godfrey-Mayes bestechen mit klarer Diktion.
Sorgsam eingesetzt Projektionen
Die statische Anordnung aller Mitwirkenden entspricht der Aufführung einer Passion. Die britische Regisseurin und Designerin Netia Jones unterstreicht den Inhalt der Erzählung durch die steril-weiße Gewandung der Solisten und Choristen, die in Kuben oder Kapseln sitzen und reduziert agieren. Die Projektionen von Pflanzen, chemischen Motiven, qualmenden Fabrikschloten, Kriegsszenen oder Körperteilen über den Köpfen sind sorgsam eingesetzt. Viele verstörende Bilder braucht es nicht für die dystopische Wirkung. Somit ist das die Szenerie umgrenzende, vertikal angeordnete Hydrokultur-Gewächshaus ein durchaus probates Objekt, dessen exakt 1.506 sattgrüne Salatköpfe, wie die Festspiele gegenüber der APA eigens betonten, später regionalen Unternehmen als Tiernahrung geliefert werden.
(Von Christa Dietrich/APA)
(S E R V I C E – “Passion of the Common Man” von Daniel Bjarnason (Komposition) und Royce Vavrek (Libretto); Dirigent: Daniel Bjarnason; Inszenierung: Netia Jones; Elektronik und Sounddesign: Ida Shuften Juhl. Mit Anne Sofie von Otter, Aaron Godfrey-Mayes, Emma Kajander, Jacques Imbrailo, dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Symphonieorchester Vorarlberg. Weitere Aufführung auf der Werkstattbühne des Bregenzer Festspielhauses am 1. August. Die 80. Bregenzer Festspiele dauern bis 23. August: )