Bregenzer Festspiele – Musiktheater “YUM!” uraufgeführt
Die Nachrichtenticker verkünden Massenevakuierungen aus europäischen Städten, während sich einige Menschen an Delikatessen ergötzen. Ihr Musiktheaterprojekt “YUM!” bezieht die Künstlerin Wen Liu nicht auf ein Zukunftsszenario, sie meint die Gegenwart, bedient sich digitaler Technologien und der Satire. Die darf fast alles, auch das Potenzial haben, ausbaufähig zu sein, wie sich bei der Uraufführung am Donnerstagabend bei den Bregenzer Festspielen zeigte.
Ohne neues Werk keine Festspiele, lautet das Motto in Bregenz, wo längst nicht nur die Opernproduktion auf dem See ein Besuchermagnet ist. Als Mitglied im Juryteam von FEDORA, einer europäischen Vereinigung für die Zukunft von Oper und Tanz, war Festspielintendantin Lilli Paasikivi in die Entstehung des Musiktheaterprojekts “YUM!” involviert, der nach “Passion of the Common Man” von Daníel Bjarnason und Natalie Baudys “under the influence” dritten Uraufführung in dieser Saison. Für das Konzept wurde die Komponistin und Medienkünstlerin Wen Liu, Gründerin des interdisziplinären, in Wien ansässigen Kollektivs Studio M.A.R.S (Music Art Research Science), nämlich mit einem FEDORA-Preis ausgezeichnet.
Köstliche Speisen mit fataler Wirkung
Der englische Titel “YUM!” lässt bereits Rückschlüsse auf den Inhalt zu. Köstlich sind die Speisen, die in einem edlen Etablissement serviert werden, zu dem ein paar Auserwählte Zutritt haben. Gaumenkitzel bieten sie nur zum Schein, denn was die hier bereits von Klimakatastrophen beeinträchtigte Natur nicht mehr hergibt, besorgt die neue Technologie.
Per App über ein iPhone in den Händen der Protagonisten betrachtet, verwandelt sich banales Gelee in Kaviar, weißen Trüffel, edles Geflügel oder Hummer. Im Verdauungstrakt der Superreichen und Snobs wirkt es offenbar wie ein Pharmazeutikum, das Empathiefähigkeit eliminiert, während Narzissmus, Eitelkeit und Machtstreben wachsen. Wer sich besonders ergeben verhält, der bekommt von der Gastgeberin eine VR-Brille, die den Genuss erhöht. Um wen es sich bei dieser Madame D. handelt, bleibt unklar.
Mit den Begriffen Desire, Devotion und der Assoziation zu Diktator bahnt Wen Liu den Weg zur Interpretation ihrer Musiktheatersatire über ein Wortspiel, das Setting gleicht zudem einem großen D und ihre Komposition kreist um die Note D. Der Monotonie entkommt sie durch die Verwendung von Vierteltönen und diversen Bogentechniken, die das exzellente Streichquartett Studio Dan derart gut ausreizt, dass man gerne mehr davon gehört hätte.
Am schmalen Grat zwischen Überzeichnung und Märchenhaftem
Die Sopranistinnen Johanna Rusanen und Emmi Kauppinen, der Tenor Adrian Autard und der Bariton Henry Neill bestätigen eine hochkarätige Besetzung. Ohne zu affektiert zu wirken, lassen die Gesangslinien Rückschlüsse auf die Charaktere zu. Die von allen begehrte Madame D. sonnt sich in ihrer Attraktivität. Der Social-Media-Junkie Luka definiert sich über seine Likes, Popstar Nyra über die Zahl ihrer Konzertbesucher und ein Politiker will mehr Macht. Bunt und grotesk von Ausstatterin Lisa Horvath kostümiert, verkommen sie nicht zu Stereotypen, denn Regisseurin Carmen C. Kruse wählt für die Personenführung den schmalen Grat zwischen Überzeichnung und Märchenhaftem und bewegt sich darauf exakt, bis hin zur stummen Rolle von Nurettin Kalfa als Diener.
Ausbaufähigkeit als Qualitätsmerkmal
Die von Wen Liu im Gespräch selbst mit “authentische Künstlichkeit” beschriebene Ästhetik ist zwar ein Paradoxon, es dient hier aber immerhin der Entlarvung der nur auf ihr Image bedachten Weltverbesserer in der Popbranche wie in der Politik. Die über Technologien generierten Bilder, deren Gestaltung die bekannte Medienkünstlerin Flavia Mazzanti unterstützt hat, wirken genauso nicht überbordend wie die Verwendung von Elektronik und Jingles. Obwohl das Beben der ausgedorrten Erde auch in den Publikumsreihen spürbar wird, ist das Ende offen und das Absurde erwähnt, denn der erwartete mysteriöse Mr. M. erscheint nicht. Die glühende Wiener Staatsoper und die einstürzende Bregenzer Seebühne sind vielleicht zu müde Schlussgags, doch auch der Applaus des Publikums bekundet, dass das knapp 60-minütige experimentelle Musiktheaterprojekt “YUM!” Potenzial hat. Dessen Ausbaufähigkeit ist auch als Qualitätsmerkmal zu verstehen.
(Von Christa Dietrich/APA)
(S E R V I C E – “YUM!” von Wen Liu. Künstlerische Gesamtleitung: Wen Liu; Inszenierung: Carmen C. Kruse; Bühne und Kostüme: Lisa Horvath; Beratung XR-Design: Flavia Mazzanti. Mit Johanna Rusanen, Emmi Kauppinen, Henry Neill, Nurettin Kalfa und dem Streichquartett Studio Dan. Weitere Aufführung am 22. August in der Werkstattbühne des Bregenzer Festspielareals. Die 80. Bregenzer Festspiele dauern bis 23. August: )