Fiona Sironic startet das Jubiläumswettlesen in Klagenfurt
Die Literaturszene hat in den nächsten Tagen gleich zwei Gründe, nach Klagenfurt zu kommen oder zumindest zu blicken. Am Donnerstag wird der 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann gefeiert, am Mittwoch starten die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur. Zehn Autorinnen und vier Autoren treten beim Wettlesen um den Bachmann-Preis an. Die Auslosung – erstmals nicht als Teil der aufgrund der TV-Direktübertragung gestrafften Eröffnung – dauerte am Dienstag bloß zehn Minuten.
Aus Österreich sind drei Teilnehmende mit dabei, aus der Schweiz und Ungarn kommt je eine Autorin. In Wien lebt die Deutsche Fiona Sironic. Acht Autorinnen und Autoren reisen aus Deutschland nach Kärnten an. Den Auftakt macht am Donnerstag um 10 Uhr Fiona Sironic, als Letzte liest am Samstag um 13.30 Uhr Gesche Heumann.
Das Line-up dieses Jahrgangs in der Lesereihenfolge:
Fiona Sironic: Do., 10 Uhr
Im Vorjahr war Fiona Sironic die Sensation des Deutschen Buchpreises. Ihr Debütroman “Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft” schaffte es bis ins Finale. Auf Einladung von Laura de Weck liest die 1995 in Neuss geborene und seit 2016 in Wien lebende Autorin nun in Klagenfurt, wo sie 2017 am Literaturkurs teilnahm. “Ich verfolge die Tage der deutschsprachigen Literatur selbst schon lange. Deswegen musste ich auch gar nicht so lange überlegen, als ich angefragt wurde, und konnte mich einfach darüber freuen”, sagte sie im APA-Interview. Ihr in Hildesheim begonnenes Studium des Literarischen Schreibens hat sie mit einem Sprachkunststudium an der Universität für Angewandte Kunst Wien ergänzt und dann noch ein Studium in Gender-Studies an der Universität Wien an- und mit einer Masterarbeit über “Potentiale queertheoretischer Perspektiven für das Medium Videospiel” abgeschlossen.
Kurt Prödel: Do., 11 Uhr
Der 1991 geborene deutsche Autor, Musiker und Medienkünstler Kurt Prödel erregte 2025 mit dem Witz und Sprachgefühl seines Debüts “Klapper” viel Aufmerksamkeit. Clemens J. Setz, der heuer mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet wird, würdigte den Roman in einer Rezension für die “FAZ” als “stark und handwerklich souverän und empathisch ausgereift”. Bereits 2026 folgte mit “Salto” ein zweiter Coming-of-Age-Roman, nach Klagenfurt wurde Prödel von Thomas Strässle eingeladen. Er ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und lebt in Köln. Sein Name ist ein Pseudonym.
Jovana Reisinger: Do., 12 Uhr
Die von Mara Delius eingeladene Künstlerin, Filmemacherin und feministische Kolumnistin Jovana Reisinger gilt als Promi im Teilnehmerfeld. Die 1989 Geborene und in Österreich Aufgewachsene studierte in ihrer Heimatstadt München Drehbuch und Dokumentarfilmregie und lebt heute in Berlin. Sie drehte Kurzfilme und Musikvideos. Für ihren ersten Langspielfilm “Unterwegs im Namen der Kaiserin” erhielt sie 2026 den Grimme-Preis. Sie hat bisher die Romane “Still Halten” (2017), “Spitzenreiterinnen” (2021) und “Enjoy Schatz” (2023) sowie den Essayband “Pleasure” veröffentlicht.
Kinga Toth: Do., 13.30 Uhr
Die 1983 in Ungarn geborene Sprachwissenschafterin, Performancekünstlerin, Visuell-Klang-Poetin, Illustratorin, Journalistin und Kulturmanagerin Kinga Toth liest auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant. Sie schreibt auf Deutsch, Ungarisch und Englisch und präsentiert ihre Texte häufig in einem performativen oder musikalischen Umfeld. 2018 war sie Grazer Stadtschreiberin, 2024 Fellow des MQ-Programms in Wien und 2025 Stadtschreiberin in Waidhofen an der Ybbs. 2026 erschien ein Gedichtband in deutscher Sprache unter dem Titel “MARIAMACHINA”. Derzeit beschäftigt sie sich neben Ökofeminismus, Gleichgerechtigkeit und weiteren sozialen Themen im Rahmen eines PhD-Programms am Mozarteum in Salzburg mit dem Kunstschaffen von Nonnen.
Slata Roschal: Do., 14.30 Uhr
Slata Roschal wurde 1992 in St. Petersburg, übersiedelte 1997 mit ihren Eltern nach Deutschland und wuchs in Schwerin zweisprachig auf. Sie studierte in Greifswald Slawistik, Germanistik und Komparatistik und promovierte in München, wo sie heute lebt. Ihr Debütroman “153 Formen des Nichtseins” schaffte es 2022 auf die Buchpreis-Longlist, der Roman “Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten” erschien 2024, der Lyrikband “Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt” 2025. Sie schreibt Artikel und Rezensionen, kuratiert Lesungen, übersetzt aus dem Russischen und gibt Textreihen zum Literaturbetrieb heraus. Zur Zeit ist sie Stadtschreiberin in Graz. Vom dortigen Literaturhaus-Leiter und Bachmann-Preis-Juryvorsitzenden Klaus Kastberger wurde sie nach Klagenfurt eingeladen.
Lena Schätte: Fr., 10 Uhr
Mit “Das Schwarz an den Händen meines Vaters”, einem “harten, zarten Roman über die Liebe zu einem schwierigen Vater und den Weg ins Leben”, hat es Lena Schätte 2025 auf die Buchpreis-Longlist geschafft und den W.-G.-Sebald-Literaturpreis errungen. Geboren 1993 in Lüdenscheid, debütierte sie 2014 mit dem Roman “Ruhrpottliebe”. In den Folgejahren arbeitete sie als Psychiatriekrankenschwester im Ruhrgebiet, bis sie 2020 ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig begann. Heute betreut sie suchtkranke Menschen in Lüdenscheid. Nach Klagenfurt kommt sie auf Einladung von Thomas Strässle.
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Fr., 11 Uhr
Ozan Zakariya Keskinkılıç hat mit seinem 2025 bei Suhrkamp erschienenen Romandebüt “Hundesohn”, der “in poetischer Sprache und vielstimmigen Bildern von queerer Identität, Sehnsucht und der Suche nach Zugehörigkeit” erzählt (“FAZ”), viel Aufmerksamkeit und den aspekte-Literaturpreis erhalten. Der 1989 in Hessen Geborene, der von Mara Delius eingeladen wurde, studierte in Wien, Berlin und Cambridge Politikwissenschaften, leitet die Lyrikwerkstatt “Young Poems” im Haus für Poesie und co-kuratiert die Lesereihe “All You Can Read”. In “Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes” (2021) setzte er sich mit antimuslimischen Rassismus auseinander.
Seraina Kobler: Fr., 12 Uhr
Die 1982 in Locarno geborene Schweizerin Seraina Kobler, die angewandte Linguistik studiert und als Journalistin unter anderem für die “Neue Zürcher Zeitung” gearbeitet hat, machte sich mit Krimis wie “Tiefes, dunkles Blau” (2022) oder “Nachtschein” (2023) einen Namen. 2026 erschien ihr vierter Roman “Tal der Schwalben” im Diogenes Verlag. “Sie lebt und schreibt mit ihren fünf Kindern in Zürich”, heißt es in ihrer Kurzbiografie. Juror Philipp Tingler hat im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA verraten, dass sie mit einer “Gegenidylle, in der die Schweiz sehr präsent ist”, eingeladen sei.
Magdalena Schrefel: Fr., 13.30 Uhr
Magdalena Schrefels Anfang dieses Jahres bei Suhrkamp erschienenes Romandebüt “Das Blaue vom Himmel” beschreibt die schwierige Beziehung von zwei Schwestern zu ihrem Vater vor dem Hintergrund großer Menschheitsprobleme: Geoengineering-Maßnahmen sollen für Abkühlung der Atmosphäre sorgen, werden aber die Farbe des Himmels dauerhaft verändern. Das Buch brachte der 1984 in Korneuburg geborenen, in Wien aufgewachsenen und seit langem in Berlin lebenden Autorin eine Klagenfurt-Einladung von Laura de Weck. Ihren bisher größten Erfolg verzeichnete Schrefel, die nach einem Studium der Europäischen Ethnologie das Deutschen Literaturinstitut in Leipzig besucht hat, aber mit “Die vielen Stimmen meines Bruders”. Das 2023 uraufgeführte Stück erzählt ausgehend vom Bruder der Autorin, dem ein Gendefekt seine Motorik einschränkt und ihm mit der Zeit komplett seine Stimme rauben wird, eine inklusive und empathische Geschwistergeschichte und wurde 2024 sowohl mit dem Nestroy-Preis als Bestes Stück wie in seiner Umsetzung als Hörspiel als bestes Originalhörspiel des Jahres ausgezeichnet.
Caroline Rosales: Fr., 14.30 Uhr
Viel Fernseherfahrung bringt Caroline Rosales mit, die auf Einladung von Mithu Sanyal liest. Geboren 1982 in Bonn, studierte sie Regionalwissenschaften, Klassisches Chinesisch und Archäologie in Berlin, wo sie noch heute lebt. Sie ist Autorin mehrerer Sachbücher (“Single Mom” u.a.) sowie Redakteurin und Kolumnistin bei “Zeit online”. Im März 2024 lief ihre erste Serie, eine Verfilmung ihres Buchs “Sexuell verfügbar”, in der ARD, für die sie die Drehbücher verfasste, in ihrem Roman “Die Ungelebten” schrieb sie “über die Macht der Väter und das Schweigen der Töchter”, in “Das Leben keiner Frau” “über die Fallstricke der Emanzipation und den Fluch, alles zum ersten Mal zu machen”.
Derya Uzun: Sa, 10 Uhr
Die 1998 in Berlin geborene Derya Uzun ist die Jüngste im Teilnehmerfeld. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Darstellendes Spiel in Bayreuth. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman und hat bisher noch nichts veröffentlicht. Dennoch hat sie es geschafft, dabei zu sein. “Ich wollte es unbedingt. Es gab nichts, was ich noch mehr wollte”, sagte sie der dpa. Uzun fand einen Literaturagenten, der ihr die nötige Empfehlung von einem Verlag besorgte, und wurde schließlich von Mithu Sanyal eingeladen. “Es hat mir gezeigt: Jeder hat eine Chance, und es kommt wirklich auf den Text an” hofft sie, in Klagenfurt Verlage und Leser auf sich aufmerksam zu machen. Sie habe nichts zu verlieren, sagt sie: “Es geht um Sichtbarkeit. An Preise denke ich gar nicht.”
Christoph Szalay: Sa., 11 Uhr
Der 39-Jährige Grazer Lyriker Christoph Szalay, der nach Studien in Graz und Berlin mittlerweile in der Obersteiermark lebt, begann seine Karriere einst im Sport: Jene extremen körperlichen Erfahrungen, die er in seiner Jugend als Nordischer Kombinierer gemacht hat, stehen mittlerweile auch im Fokus seines literarischen Schreibens. Doch das war nicht immer so. Ehe er ab dem Band “stadt / land / fluss” (2009) als Lyriker reüssierte, begeisterte er sich für trans- und interdisziplinäres Arbeiten. “Mich interessiert Form, mich interessieren Konzepte, Diskurs, poetisches Sprechen und Schreiben, Inter- und Transdisziplinarität”, sagte der von Brigitte Schwens-Harrant Eingeladene im APA-Gespräch über seinen Klagenfurt-Text. “Wenn man aus diesen Zwischenräumen kommt, vom lyrischen Schreiben her, ist es ein Umdenken, einen Text für ein Format wie der Bachmann-Preis es ist, zu schreiben.”
Wolfgang Popp: Sa., 12.30 Uhr
Der 1970 geborene Wiener Wolfgang Popp, der Sinologie und Geschichte studierte, liefert als Ö1-Kulturredakteur seit 2008 regelmäßig prägnant gesprochene Beiträge. Beim Wettlesen um den Bachmann-Preis ist er diesmal als Autor dabei. “Es ist ein Sprung in die absolute Überraschung hinein”, sagte er im APA-Gespräch. “Es ist die Neugier, eine Situation, die ich oft von außen betrachtet habe, nun selbst zu erleben.” Als Schriftsteller ist er freilich kein Debütant. Bereits 2013 erschien sein Erstlingsroman “ich müsste lügen”, in dem er eine Krimihandlung mit einem Verwirrspiel zwischen Dichtung und Wahrheit, Verschwinden und Erfinden vermischte. Es folgten die Romane “Die Verschwundenen” (2015), “Wüste Welt” (2016) und “Die Ahnungslosen” (2018). Eingeladen wurde er mit einem speziell für Klagenfurt geschriebenen Text von Klaus Kastberger.
Gesche Heumann: Sa., 13.30 Uhr
Gesche Heumann, die auf Einladung von Philipp Tingler liest, wurde 1974 in Köln geboren, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf u.a. bei Markus Lüpertz und hatte zahlreiche Ausstellungen in Deutschland und Österreich. 2005 bis 2019 lebte sie in Wien, wo sie u.a. für das artmagazine.cc schrieb. Danach zog sie nach Berlin. 2018 erschien ihr in Wien spielendes Romandebüt “Lilo Palfys Beitrag zur Kunst” über eine glamouröse Kunstsammlerin. Ihr Video-Porträt handelt von einem Besuch einer Einhorn-Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini und dem Maler Paulus Potter. Für Klagenfurt hat sie “flüssiges Vorlesen” geübt, verriet sie dem Portal “Literatur outdoors”.