Canceln oder Konfrontation? Festwochen-Debatte über Thiel

Die Wiener Festwochen sind am Freitagnachmittag in die Metaebene gegangen, haben im trotz Traumwetter prall gefüllten Odeon eine Debatte über die Debatte geführt. “Soll Peter Thiel bei den Wiener Festwochen sprechen?”, lautete die Grundfrage eines offenen Diskurses darüber, ob man mit dem Techideologen am 7. Juni tatsächlich im Rahmen des Festivals in einen offenen Diskurs geht – oder nicht. Die Meinungen prallten aufeinander, allerdings in meist zivilisierter Manier.
Darf man einem der einflussreichsten und finanziell potentesten Proponenten der Silicon-Valley-Rechten ein Forum bieten, der gegen Multilateralismus und freiheitliche Demokratie eintritt? Einem Menschen, der eine apokalyptische und damit religiös geprägte Weltsicht propagiert, in welcher der Antichrist auf die Übernahme der Welt zuarbeitet? Einem Milliardär, der reich geworden ist mit Paypal, einflussreich mit der Überwachungssoftware Palantir und als Trump-Unterstützer und Mentor von dessen Vize JD Vance politischen Einfluss besitzt?
Nach den Aufregungen im Netz über diese Glaubensfragen, hatten sich im Odeon nicht zuletzt viele Kultur- und Medienschaffende zum offenen Diskurs darüber eingefunden, ob man die ausgesprochene Einladung widerrufen solle. Und die Frontlinien standen sich dabei letztlich unversöhnlich gegenüber. Ist es eine vertane Chance, wenn man die Zusage eines der mächtigsten Menschen dieses Planeten ablehnt? Soll man sich bemühen, Gesprächskanäle offenzuhalten oder bietet man Technikfaschismus ein Forum? Lenkt Intendant Milo Rau mittels gezielt gesetzter Provokation den Fokus von der Kultur auf die Politik oder ballt sich gerade in der Auseinandersetzung mit dem Anderen die demokratische Kraft?
“Niemand muss mit Thiel einer Meinung sein”
“Peter Thiel ist einer der mächtigsten Menschen der Welt, der vor einiger Zeit angefangen hat, theologisches Vokabular zu verwenden”, begründete Intendant Rau die Einladung an den 58-Jährigen, der sich somit in das heurige Festwochen-Motto “Republic of Gods” eingliedern lasse. Die Rahmensetzung dafür sei klar und werde auch von Thiel nicht infrage gestellt: “Kritische Fragen, totale Offenheit, die Anwesenheit von Journalisten”. Im Kern gehe es um das Wesen der Debatte, der sich Thiel erstmals öffentlich stelle: “Es muss niemand mit Thiel einer Meinung sein – es ist umso besser, wenn wir das nicht sind.”
“Leute reagieren wie bei einem Pawlowschen Reflex”
Thiels für die Veranstaltung vorgesehener Counterpart, der Linkstheologe Wolfgang Palaver, plädierte klar für die Einladung: “Man muss genau hinschauen.” Er glaube, dass viele in Europa nur mit groben Etiketten auf Thiel blickten. Er habe bisweilen den Eindruck, dass die Menschen Thiel nicht sprechen lassen wollten, um ihre eigene Meinung nicht ändern zu müssen: “Die Leute reagieren wie bei einem Pawlowschen Reflex.”
Im Festwochen-Gremium Rat der Republik hatten am Mittwoch zwei Drittel der Mitglieder für die Abhaltung der Veranstaltung mit Thiel votiert. “Ich persönlich glaube, dass man Peter Thiel nicht hätte einladen sollen”, machte indes Politikwissenschafterin Monika Mokre als Ratsmitglied deutlich. Ihr gehe es nicht um Cancel-Culture. “Ich glaube auch nicht, dass Thiel die Festwochen ausnutzt – die hat er gar nicht nötig. Aber ich glaube, dass es den Festwochen nichts bringt.”
Entscheidung am Samstag
Nun geht die Entscheidung am morgigen Samstag auf die Zielgerade, wenn die sogenannte Resonanzrunde der Festwochen beschließt, ob man den Ideologen – der für seinen Auftritt kein Honorar bekommen würde – wieder auslädt, was am Nachmittag bekannt gegeben werden soll. Falls nein, wird am 7. Juni im großen Ballsaal des Hotel Intercontinental ab 20 Uhr das Aufeinandertreffen von Thiel und Palaver vor 600 Menschen stattfinden. “Professionelle” Einordnungen der Reden durch Expertinnen und Experten sollen einer nachfolgenden offenen Debatte voranstehen.
Kaup-Hasler hält Thiel-Einladung für “entbehrlich”
Kurz vor der Debatte ließ Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) in mehreren Medien indes keinen Zweifel an ihrer Position. “Der Erkenntniswert eines Gesprächs mit Peter Thiel, dessen Einbettung für mich zu wenig durchdacht ist, erschließt sich mir nicht”, machte sie im “Standard” deutlich. Die Einladung von Thiel sei entsprechend “entbehrlich” (“Kurier”). “Außerdem sprechen wir jetzt mehr über die Einladungspolitik anstatt über Kunst.” (“Kronen Zeitung”). Kaup-Hasler formulierte ihre Erwartungshaltung in Richtung Milo Rau dabei klar: “Es gebietet, wieder und in Zukunft das Maß zu finden, wo die Kunst im Zentrum steht – und nicht der Intendant.”
(S E R V I C E – )