Christliche Rechte mit mehr Einfluss

Nicht nur der politische Islam gewinnt Einfluss in Europa. Extremistische Tendenzen sind auch zunehmend im Namen des Christentums spürbar, sind sich Experten einig. Dies betreffe nicht nur die USA, sondern auch Europa – und damit Österreich. Ein wichtiger Faktor bei der Eindämmung des sogenannten (Neo)Integralismus sei auch die Priesterausbildung, hieß es bei einem Online-Pressegespräch von “Diskurs. Das Wissenschaftsnetz”.
Der Begriff der “christlichen Rechten” markiert Allianzen von Akteurinnen und Akteuren aus dem politischen und religiösen Feld, die sich in bestimmten Bereichen verbünden, um gegen “gemeinsame Feinde” aufzutreten. Diese oft finanzstarken Allianzen sind international ausgerichtet und überkonfessionell strukturiert, berichtete Sigrid Rettenbacher, die an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz sowie der University of Portland tätig ist. Man spricht dabei auch von einer “Ökumene des Hasses”.
Auch in Österreich würden christlich-nationalistische Strömungen – wie etwa der sogenannte (Neo)Integralismus – an medialer Sichtbarkeit und politischem Einfluss gewinnen, so die Theologin Angelika Walser von der Universität Salzburg. Diese Entwicklung sei “in höchstem Maße besorgniserregend”, da sie mit einer scheinbar biblisch begründbaren Ablehnung von Menschen- und Freiheitsrechten bis hin zur Religionsfreiheit und insbesondere von Frauenrechten einhergehe. Diese Verzerrung der christlichen Botschaft sei auch eine Gefahr für demokratische Gesellschaften.
Heiligenkreuz und Trumau als Beispiele
In Zusammenhang mit diesen Tendenzen nannten die beiden Expertinnen auch die Priesterausbildung. Walser sprach dabei vor allem von “privaten Institutionen, wo man sein eigenes Süppchen kochen kann”. Konkret nannte sie die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz, wo es zu einer Kontroverse rund um den mittlerweile beurlaubten Dozenten Edmund Waldstein gekommen war. Auch die Katholische Hochschule ITI (International Theological Institute) im niederösterreichischen Trumau, wo dieser ebenfalls tätig war, wurde genannt.
Von politischer Seite wurde von Rettenbacher die ÖVP-Abgeordnete Gudrun Kugler erwähnt und deren Weltsicht. Aufgrund ihrer Nähe zu ultrakonservativen Netzwerken wird auch sie mit christlich-fundamentalistischen oder integralistischen Strömungen in Verbindung gebracht – vor allem durch ihre Haltung bei Themen wie Familie, Gender-Studies und Schwangerschaftsabbruch. Rettenbacher bezeichnete die ÖVP-Politikerin als “eine gewisse Autorität in diesem Bereich”.
Bischofskonferenz gefragt
Nicht ganz zufrieden zeigte sich die Expertin, was die offiziellen Reaktionen der Amtskirche in Österreich auf derartige Strömungen betrifft. Hier sei die deutsche Bischofskonferenz “stärker unterwegs”, befand Rettenbacher. Als ersten hohen katholischen Vertreter, der sich klar zu diesem Phänomen explizit geäußert hatte, nannte Rettenbacher Wiens Erzbischof Josef Grünwidl.
Als Antwort auf extreme Tendenzen innerhalb der katholischen Kirche sieht Walser unter anderem eine zeitgemäße Priesterausbildung. Vor allem in privaten Institutionen gebe es oft keine Begegnung mit den Disziplinen des 21. Jahrhunderts, meint sie. Die Ausbildung führe in eine “Art von Bubble”. Auch dies sei mit ein Grund für eine gewisse “Naivität und Blindheit”.