Cyprien Gaillard gestaltet KUB-Sommerausstellung in Bregenz

Cyprien Gaillard stellt in der Sommerausstellung des Kunsthaus Bregenz (KUB) unter dem Titel “When you expect flutes, it’s whistles” die Frage, wem der öffentliche Raum gehört und untersucht die im urbanen Raum eingeschriebenen Machtverhältnisse. Der 1980 in Paris geborene Künstler interessiert sich in seiner Arbeit für die verborgenen Mechanismen und Verführungen, um Kontrolle auszuüben, auszugrenzen und abzuschrecken. Die Schau läuft von 13. Juni bis 4. Oktober.
Der in Berlin lebende Gaillard bewegt sich zwischen Film, Fotografie und Installation. So stapelte er in Berlin Bierkartons zu einem sich durch die Besucher zerstörenden, an eine Zikkurat erinnernden Monument (“The Recovery of Discovery”, 2011), filmte im Irak Ruinen (“Artefact”, 2011) und stellte in Cancun feiernde Urlauber Maya-Überresten gegenüber (“Cities of Gold and Mirrors”, 2009). Trostlose Kiewer Plattenbauten erreichen in Gaillards Bildsprache die Erhabenheit von Stonehenge (“Desniansky Raion”, 2007). Kein Wunder also, dass Gaillard Interesse für den abbruchreifen Bregenzer Bahnhof entwickelte, wie KUB-Direktor Thomas D. Trummer bei der Presseführung am Donnerstag berichtete. Als Zeichen, dass auch der Zumthor-Bau ein im stetigen Auf- und Abbau befindliches System ist, verpasste Gaillard der Fassade im Inneren eine Baurutsche.
Kontrolle des öffentlichen Raums
Der poetisch-melancholische Blick auf im Vergehen Begriffenes findet sich im Hauptwerk der Schau wieder: Der erstmals gezeigte, vom KUB mitproduzierte Film “Deterrent” beginnt bei einer US-Supermarktfiliale, wo im Außenbereich zur Abschreckung gegen Unerwünschte klassische Musik gespielt wird. Zudem dokumentiert der Film den stetigen Hoheitskampf kommunaler Autoritäten an den Wänden des eingehausten Los Angeles-Flusses: Immer wieder übertüncht man dort die Graffiti, die aber immer wieder auftauchen. Die Farbschichten erhalten unter Gaillards Blick künstlerischen Wert als kollektiv erarbeitete Schüttbilder. Das Projekt richte den Blick auf die Ränder des städtischen Gefüges, dort, wo Kontrolle am deutlichsten sichtbar werde, so der Künstler, der laut KUB-Angaben selbst nicht mit der Presse sprechen wollte.
Eingangs empfängt das Publikum in Bregenz ein weiteres Werk Gaillards, dessen Faszination man sich kaum entziehen kann. Ein geisterhafter weißer Riese aus mit Luft gefülltem Nylon bewegt sich geschmeidig zu klassischen Klängen des Berliner Killasan Soundsystem. Zu groß, um sich ganz aufzurichten, unternimmt die Figur dennoch den Versuch, bevor “Visitant” wieder in sich zusammenfällt. Erinnernd an aufmerksamkeitsfördernde Verkaufsfiguren ist diese aufblasbare Gestalt ganz der Kontrolle des Künstlers unterworfen, der sie eruptiv tanzen lässt. Statisches Gegenstück ist Gaillards “Absorbent Figure”, ein “Weeping Buddha” der im KUB-Stiegenhaus in einer Ecke kauert.
Moderne Rattenfänger
Als großes Motiv durchzieht der “Rattenfänger von Hameln” die Schau. Die Manipulation und Verlockung via Musik und ihren Gebrauch als “Waffe” thematisiert Gaillard im zweiten Obergeschoss, wo er auseinandergenommene Querflöten mit Geldscheinen im Wert von null Euro bestückt, teilweise zusammengerollt wie zum Drogenschnupfen. Vermeintlicher Wert, Konsum, Verführung und enttäuschte Hoffnungen spielen auch eine Rolle bei Objekten aus Bankomatenteilen: Neben den demolierten Teilen der Geldausgabemaschinen liegen Farbpatronen, die bei einem gewaltsamen Aufbrechen der Geräte ebenso platzen wie die Träume vom großen Geld. Vermeintlich für alle Zugängliches zerfällt damit bei Zugriff durch Unerwünschte zur Illusion, ein Mechanismus der Ausgrenzung.
Neue Arbeiten aus seinen laufendem Polaroid-Projekt zeigt Gaillard im ersten Obergeschoss: Die Collagen aus den nicht reproduzierbaren Schnappschüssen zeigen urbane Details, von Drähten in Spannung und Krümmung gehalten, zu Fotoskulpturen gelegt. “Es handelt sich um eine wirklich außerordentliche Ausstellung”, war KUB-Direktor Trummer am Donnerstag überzeugt. Für Gaillard habe das Raumgefühl im KUB bei der Erstellung der Schau eine große Rolle gespielt, die Vorbereitungen hätten sich über mehrere Jahre gezogen. Der große Aufwand scheint sich in Bregenz gelohnt zu haben: Immer wieder nimmt die durchkomponierte Schau die unsichtbaren Fäden auf, die sie zusammenhalten, neu und in unerwarteter Weise.
(S E R V I C E – Ausstellung Cyprien Gaillard “When you expect flutes, it’s whistles” im Kunsthaus Bregenz (KUB) von 13. Juni bis 4. Oktober. Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Eröffnung am 12. Juni, 19 Uhr. )