Das Du-Wort: “Die Frau im Schrank” von Jacqueline Kornmüller

Sie wendet den Blick ab und wirkt gerade deshalb so anziehend. Die Fotografie einer im Wind stehenden Frau, die sich auf der Innenseite eines sich immer wieder unvermittelt von selbst öffnenden Kastens findet, übt einen ebenso irritierenden Reiz aus wie ein Frauenbildnis der Barockmalerin Ginevra Cantofoli, das in einem versteckten griechischen Refugium hängt. Zwischen diesen beiden geheimnisvollen Porträts spannt Jacqueline Kornmüller ihren Roman “Die Frau im Schrank” auf.
Die in Wien lebende Theaterfrau, die seit ihrer Novelle “Das Haus verlassen”(2024) und ihrem Roman “6 aus 49” (2025) auch als Autorin Erfolg hat, stellt die beginnende Liebesgeschichte der Erzählerin mit einem jungen, verschroben wirkenden, mehr an Büchern denn an zwischenmenschlicher Geselligkeit interessierten Schauspieler in den Mittelpunkt der Handlung. Wie viel sie davon ihrer realen Partnerschaft mit Peter Wolf, mit dem zusammen sie als Gruppe “wenn es soweit ist” zahlreiche gefeierte Theaterprojekte umgesetzt hat (für “Ganymed Areal” im Otto Wagner Areal gibt es im Herbst keine Karten mehr, erst wieder für Zusatzvorstellungen im Mai und Juni 2027) entlehnt hat, bleibt ihr Geheimnis.
Aufgedrängtes Du-Wort
Wie sie das Gegenüber, dem sie allmählich näherkommt, im Buch nennt, ist allerdings ein Ärgernis: Du. Aber nicht in der zweiten, sondern in der dritten Person, anstelle eines Namens gebraucht. “Du hielt nichts auf Gesellschaft. Wobei, Du war kein sprödes Bürschchen oder so. Du war wie alle anderen, die nebenan in der Pizzeria saßen, Schauspieler. Im Unterschied zu den anderen las Du. Viel. Sehr viel.” Sätze wie diese gibt es zuhauf in dem Buch. Das dem Leser aufgedrängte Du-Wort wirkt manieriert und konstruiert und tut der sich auf leisen Sohlen entfaltenden Geschichte einer Annäherung, die immer mehr von der Kindheit des künftigen Partners preisgibt, nichts Gutes.
Anders verhält es sich mit einem zweiten Verfremdungseffekt: Eingestreute altertümliche Rezepte für alle Lebenslagen – Blaubeerschnaps “hilft durch harte Zeiten”, mit einem in Nelkenöl getränkten Lappen lassen sich “ungebetene Gäste loswerden”, u.ä. – erweisen sich als witzige Kontrapunkte zwischen Hochwasser in Köln und Hitze in Griechenland. Beides bringt die beiden Theaterleute nur näher zusammen.
Dem Tod standhalten
Wer lebt und liebt, kann auch dem Tod standhalten. Die von Cantofoli Porträtierte war, so stellt sich heraus, offenbar eine zum Tod verurteilte junge Frau, die sich und ihre Familie vom herrschsüchtigen und übergriffigen Vater befreit hatte. Und die glücklichen Griechenland-Ferien von “Du” fanden einst ein abruptes Ende, als der Vater beim Baden an der Seite seines Sohnes eine Herzattacke erlitt und beide in dieser Sekunde gleichermaßen hilflos waren: Der “Gott in Weiß”, der “auch im Privaten letztlich immer der Chefarzt war”, und sein zehnjähriger Bub, der danach noch lange jeden Morgen aufwachte, in der “Hoffnung, dass es nicht geschehen ist”.
Diese Momente seien seit Beginn des gemeinsamen Lebens schwächer geworden, heißt es am Ende. Auch das kann Liebe: Sie versteckt die Schlüssel zur Kastentüre und zu den Albträumen. Man weiß zwar, dass es sie gibt. Aber man braucht sie nicht.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – Jacqueline Kornmüller: “Die Frau im Schrank”, Galiani Berlin, 184 Seiten, 22,70 Euro. Buchpräsentation am 19. Oktober, 19.30 Uhr, im Wiener Konzerthaus, moderiert von Peter Wolf, musikalisch begleitet von Mona Matbou Riahi und Peter Rom.)