Das geheime Leben der ukrainischen Drohnenpiloten

01.07.2026 • 14:59 Uhr
Das geheime Leben der ukrainischen Drohnenpiloten

Nicht einmal seine Frau weiß, was Denys arbeitet. Und Denys ist auch nicht sein richtiger Name. Denn Denys ist einer jener ukrainischen Drohnenpiloten, die Russland mit Angriffen weit hinter der Front schwer zusetzen. Würde er auffliegen, müsste Denys um sein Leben fürchten. “Ich werde niemals über das sprechen können, was ich getan habe – auch nicht nach dem Krieg.” Denys und seine Kollegen im Zentrum Nummer eins der Drohnenstreitkräfte führen ein Leben im Verborgenen.

Es gelten strenge Regeln: Handys, auch die privaten, müssen immer im Flugmodus sein und dürfen nur mit einem tragbaren Router benutzt werden. Die militärische Kommunikation läuft über verschlüsselte Telefone, jedes Gerät mit Standortbestimmung ist strengstens verboten. “Du darfst nicht auffallen”, sagt Denys im AFP-Interview. Dass Mitglieder des geheimen Teams überhaupt mit Medien sprechen dürfen, ist eine seltene Ausnahme.

Seit Monaten greift die Ukraine fast wöchentlich Raffinerien, Pipelines und Öllager in Russland an – oft weit im russischen Hinterland. Ziel ist es, Moskau um Rohstoffeinnahmen für seine Kriegskasse zu bringen. Und es ist die Vergeltung für die nahezu täglichen nächtlichen russischen Attacken auf die Ukraine.

Die Drohnenattacken bringen Putin in Verlegenheit

Manche Angriffe von Denys’ Einheit sind spektakulär wie jener in Moskau, der schwarzen Qualm über der russischen Hauptstadt aufsteigen ließ. Oder der in St. Petersburg genau in dem Moment, als Kreml-Chef Wladimir Putin dort sein internationales Wirtschaftsforum abhalten ließ.

Die Drohnenattacken bringen Putin in Verlegenheit, der vor vier Jahren noch glaubte, Kiew mit seinem Angriffskrieg innerhalb weniger Tage einnehmen zu können. Inzwischen gibt es eine Benzin-Knappheit in weiten Teilen Russlands, wie die Auswirkungen auf Putins Kriegskasse sind, ist schwer zu ermessen. “Das macht uns zu einem sehr begehrten und vorrangigen Ziel für den Feind”, sagt Denys, ein ehemaliger Marineinfanterist.

Strenge Geheimhaltung ist die Lebensversicherung dieser ukrainischen Soldaten, sie dürfen im Alltag keine Spuren hinterlassen. Dazu gehört auch, nur bar zu bezahlen, Geld immer an anderen Automaten abzuheben, keine Treuepunkte beim Tanken zu sammeln. Fotos und Videos von den Drohnenpiloten sind verboten – außer, das Gesicht ist nicht zu erkennen.

“Wir wissen selbst, wie hoch der Preis für unsere Angehörigen und uns sein kann – deshalb ist unsere wichtigste, bewusste Entscheidung, so weit wie möglich im Verborgenen zu bleiben”, sagt Denys’ Kollege, der sich Woron – “Rabe” auf Ukrainisch – nennt. Denn Russland werde “alles tun, um zumindest eine dieser Gruppen aufzuspüren”, die tief im Landesinneren angreifen. Vor der Invasion war Woron Maler und Kampfsporttrainer. Er ist verheiratet und hat ein Kind. Woron glaubt, seine Frau ahnt, was er macht. “Aber sie stellt keine Fragen”, sagt er.

Viel Lob im Internet

Um seine wahre Aufgabe zu verschleiern, postet Woron in den Online-Medien immer noch auf der Seite seiner ehemaligen Armee-Einheit, als diene er weiter dort. “Alle meine Verwandten und Freunde glauben, ich sei noch bei den Spezialkräften”, sagt er. Im Internet bekommen die Drohnenpiloten viel Lob für ihre Aktionen. “Die Leute stellen sich uns als eine Art Kommando in Tarnkleidung vor, aber in Wirklichkeit laufen wir in Jeans und Hemd herum”, sagt Woron.

Außerhalb des Teams wird in der Öffentlichkeit nicht über Einsätze gesprochen, und sogar Wörter wie “Start” oder “Flügel” sind tabu. Fliegt eine Drohneneinheit auf, kann sie binnen Minuten von einer russischen Rakete oder Drohne getroffen werden. Besteht der Verdacht, dass jemand Informationen hat durchsickern lassen, werden die Soldaten mit Lügendetektoren überprüft, genauso wie neue Rekruten.

Die werden dringend gebraucht, denn im Zentrum Nummer eins gibt es mehr als genug zu tun. Drohnen hätten sie ausreichend, “aber der Tag hat nicht genügend Stunden”, bedauert Denys. Er träumt von einer “vollständigen Niederlage Russlands” – und davon, eines Tages mit einer Drohne den Kreml zu treffen.

(Von Ania Tsoukanova und Mykola Zavgorodniy/AFP)