Das große Rauschen: “11.000 Saiten” im Wiener Konzerthaus

21.09.2026 • 08:19 Uhr
Das große Rauschen: "11.000 Saiten" im Wiener Konzerthaus

Wenn ein Konzert als außergewöhnliches Klangerlebnis bezeichnet werden kann, dann wohl eine Aufführung von Georg Friedrich Haas` Komposition “11.000 Saiten” für 50 mikrotonal zueinander gestimmte Klaviere und Kammerorchester. Zum zweiten Mal nach 2023 war es am Sonntag im Wiener Konzerthaus wieder soweit. Gleich zweimal wurde das monumentale Werk unter der musikalischen Leitung von Vimbayi Kaziboni von 25 Musikern des Klangforum Wien und 50 Studierenden der mdw aufgeführt.

Im Programmheft schildert Haas, dem 2007 der Große Österreichische Staatspreis verliehen wurde und der zu den international bedeutendsten lebenden österreichischen Komponisten zählt, minutiös seine Ideen für die jeweils minimal unterschiedlichen Stimmungen der Klaviere und deren Effekte, um sich abschließend an das Publikum zu wenden: “Seien Sie präsent, seien Sie offen und hören Sie zu! Hören Sie mit Ihrem ganzen Körper zu, spüren Sie die Schwingungen der Spiritualität! In schwierigen Zeiten ist das Zusammenkommen in der Kunst ein Lichtblick. Es ist mir eine Ehre und für mich ein Privileg, Sie bei diesem Ritual der Hoffnung durch Klang zu begleiten.”

Gewaltige Klänge von allen Seiten

Hoffnung ist allerdings das Letzte, das sich während der rund 70 Minuten vermittelt. Während der bildende Künstler Bernhard Leitner, der derzeit die Secession mit einer “Soundspacesculpture” bespielt, daran erinnert, dass wir uns permanent in einem akustischen Environment bewegen, immer aber in Versuchung sind, Töne als Musik wahrzunehmen, versucht Haas für unsere Eindrücke der Welt eine musikalische Entsprechung zu schaffen. Das klingt ganz und gar nicht melodiös, sondern sehr beunruhigend und jagt einem manchen Schrecken ein.

Es sind gewaltige Klänge, die von allen Seiten an die Ohren des Publikums dringen, und das Gehirn ordnet sie als Sirenen und Schüsse ein, als anschwellende Warnungen, als Sounds, die uns eher in Alarmstimmung versetzen denn sich als Stimmungsaufheller einschmeicheln. Eine erste Erkenntnis des Konzerts lautet: 50 Klaviere klingen zusammen nicht wie 50 einzelne, sondern – zumal in der von Haas gewählten Stimmungsverschiebung – wie ein Schwarm einer nicht genau identifizierbaren Species oder das Geräusch einer Apparatur, die kurz davor ist, außer Kontrolle zu geraten.

Die Tastatur als Waschbrett

Unheimlich ist es, wenn man jungen Pianistinnen und Pianisten dabei zusieht, wie sie die Tasten bearbeiten, aber nichts davon zu hören ist. Selten gönnt der Komponist jenem Instrument, das er in 50-facher Ausgabe in den Saal schaffen ließ, Momente, in denen es seinen typischen Klang entfalten kann. Dafür macht man die wohl einzigartige Erfahrung, wie es klingt, wenn über 50 Keyboards gleichzeitig mit einer Wucht drübergewischt wird, als gälte es, dem guten, alten Waschbrett Konkurrenz zu machen. Andererseits sind die Mitglieder des Klangforums immer wieder dazu angehalten, sich als Percussionisten zu betätigen oder passagenweise die Hi-Hats mit ihren Bögen zu streichen.

Der Komponist nahm am Ende gemeinsam mit dem musikalischen Leiter sichtlich zufrieden den Applaus entgegen. “11.000 Saiten” ist wohl der Versuch, eine Art Essenz des bisherigen 21. Jahrhunderts an unsere Ohren zu bringen. Das ist gelungen, auch wenn man nicht ganz davon überzeugt wurde, dass es dafür tatsächlich diesen enormen Aufwand gebraucht hätte. Eines lässt sich allerdings mit Sicherheit resümieren: Dieses große Rauschen hat weniger ein Gefühl der Hoffnung als der Bedrohung vermittelt. Es liegt wieder etwas in der Luft. Wer Ohren hat, der höre!

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)