“Der Tag vor dem Abend”: Auf Omas Fersen

Was macht die Großmutter eigentlich den ganzen Tag ganz allein im großen Haus? Max Koller wollte es genau wissen und verfolgte seine Oma mit künstlerischem Anspruch und einer Kamera ausgerüstet durch die vielen Zimmer. Dabei driftet er im zärtlichen semi-dokumentarischen Film “Der Tag vor dem Abend” mitunter auch ins Poetische ab. Am Sonntag ist die österreichisch-deutsche Koproduktion beim Filmfestival Viennale zu sehen.
Der Tag beginnt mit Regen und dem Geräusch vorbeirauschender Autos. Der Vorhang weht leicht im Wind, und Eva Koller zieht sich ihre Socken an. Sie geht angesichts ihres Alters von nicht weniger als 92 Jahren verständlicherweise behutsam und bedächtig vor, streicht Falten im Teppich glatt und genießt ihren Tee mit Zitrone als auch ihre zwei Kekse.
Ohne große Worte
Zu hören bekommt man von ihr im Laufe des einstündigen Werks nichts außer einem fragenden “Hallooo?” am Telefon und nachdenklichem Gemurmel beim Kreuzworträtseln. Auch auf einen Kommentar oder anderweitige Einordnung wird vom österreichischen Regisseur verzichtet. Diese Frau steht für sich. Und man hat recht bald das Gefühl, die offenkundige Eistee- und Literaturliebhaberin zu kennen.
Koller interessiert sich in seinem Langfilmdebüt aber auch für das Geschehen rundherum – etwa die Ameisen, die vor der Haustür unermüdlich ihrem Geschäft nachgehen. Auch sie haben ihren Tag vor dem Abend samt seiner Gefahren zu bewältigen. Sind es im Falle der Großmutter womöglich die Teppichfalte oder die Stiege, von denen Gefahr ausgeht, sollten die Ameisen lieber einen Bogen um die Spinne machen – nicht allen gelingt das, wie in einem an eine Naturdoku erinnernden Abschnitt samt schöner Bilder erkenntlich wird.
Es ist nicht das einzige Mal, dass der Dokumentarfilm minutenlang abdriftet – auch im Fernsehprogramm oder dem Schattenspiel im Wald kann man sich verlieren – und so dem für sich genommen recht banalen Alltag Fantastisches abgewinnt. Sei es eine nüchterne Analyse, die zärtliche Verewigung einer nahen Verwandten, eine Verneigung vor dem Alltäglichen oder gar Sinnieren über Einsamkeit: “Der Tag vor dem Abend” ist radikal einfach und Gegenpol zur ins schier Unermessliche beschleunigten Gesellschaft.
(Von Lukas Wodicka/APA)
(S E R V I C E – “Der Tag vor dem Abend” ist noch am 1. November um 18 Uhr im Metro-Kinokulturhaus im Rahmen der Viennale zu sehen. )