“Der Tausch” im Zillertal: Verwischungen von Wirklichkeit

Das Theaterstück “Der Tausch oder das letzte Angebot” von Hakon Hirzenberger hat Mittwochabend beim Theaterfestival “Steudltenn” in der Zillertaler Gemeinde Uderns seine Uraufführung und Premiere gefeiert. Die rasante Komödie rund um Identitätskrisen, Ehealltag und künstliche Intelligenz verband in der Regie des Autors selbst diese Themen geschickt und mit Unterstützung von Videoeinspielungen und verwischte damit vermeintliche Wirklichkeitsebenen. Das Publikum war begeistert.
Am Ende des Stücks standen sowohl Verwirrung als auch Verzweiflung. Verwirrung darüber, dass alles womöglich nur ein Spiel gewesen sein mochte, Verzweiflung in der Hinsicht, dass aus diesem Spiel die Erkenntnis entsprang, dass die Wirklichkeit gar nicht mehr so wirklich war. Denn: In der Warteschleife von Firmen und Banken war kein Mensch mehr zu erreichen, sondern Ansagen und KI übernahmen letztlich ins Leere führende Anfragen. Zudem kam “Der Tausch” zur festen Überzeugung, dass Videos von Influencern unbedingt zu misstrauen ist. Nur weil eine Influencerin in einem Video zeigte, wie sie die Chinesische Mauer entlang ging, muss es noch lange nicht so gewesen sein.
Mensch versus KI
Um das alles und noch viel mehr quasi literarisch zu belegen, dachte sich Hirzenberger eine hanebüchene Geschichte aus, die aber garantiert nicht der KI entsprungen war, sondern diese auf einer übergeordneten und vor allem menschlichen Ebene aberwitzig auf die Schippe nahm. Und das ging so: Martin, von Beruf Psychotherapeut, befand sich in einer Lebenskrise, welche naturgemäß auch seine Ehefrau und Erfolgsanwältin Annika betraf.
Rundherum um diese Kerngeschichte befanden sich der Werbetexter Josh, dessen Freundin Dorotta, die Influencerin Gret und nicht zuletzt Dr. Juana Sopritztkaja, CEO von “The Cybernetic Institute of Adaptional Remapping”. Letztere unterbreitete ein wahrhaft unmoralisches Angebot: Martin könne einen Avatar statt ihm sein nicht mehr allzu geliebtes Leben leben lassen und dürfe dafür als “echter” Martin mit seinem Schwarm, der erfolgreichen Influencerin Gret, zusammenleben, wenn er nur ja das Land und sein altes Leben nie mehr betrete.
Gegenwartswahnsinn mit KI, flammendes Plädoyer für Menschlichkeit
Dass das zu Irrungen und Wirrungen führte, lag auf der Hand. In knapp 90 Minuten erzählte “Der Tausch” von Hirzenberger in der ausverkannten “Tenn” – einem zum Theaterraum umfunktionierten Stadl – aber mehr als nur eine amüsante Geschichte rund um den ganz normalen Gegenwartswahnsinn mit KI. Es war im Endeffekt vor allem auch ein flammendes Plädoyer für die Menschlichkeit. Diese sei, so ließe sich im Anschluss an dieses Theaterwerk sagen, womöglich weniger perfekt, vielleicht sogar langweilig und vor allem fehlbar. Aber halt zumindest echt. Was bliebe schließlich übrig, wenn nur mehr Bots mit Bots chatten, Videos von künstlich Generiertem und nicht mehr vom tatsächlich Erlebten handeln und menschliche Kommunikation ins Abseits gerät?
Das Premierenpublikum zeigte sich vom Stück und von den Denkanstößen dieser, in “Der Tausch” auf äußerste kurzweilige und pointierte Art und Weise abgehandelten, Fragen äußerst angetan. Zum Ausdruck kam das in lange anhaltendem Applaus für alle Beteiligten, allen voran für den Regisseur und Autor Hirzenberger und “seine” Darstellerinnen und Darsteller. Besonders heftig und mit Bravo-Rufen bedacht wurde dabei “Martin” Manuel Witting, der seine Rolle brillant in Szene setzte. Ihm gleich tat es Susanna Bihari, die als seine Ehefrau Annika grandios agierte. Auch eifrigst beklatscht wurden “Josh” Nikolaus Firmkranz, “Dr. Juana Sopritztkaja” und “Dorotta” Melanie Herbe sowie die großartig spielende “Gret” Sonja Reisenbichler.
(Von Markus Stegmayr/APA)
(S E R V I C E – “Der Tausch oder das letzte Angebot” von Hakon Hirzenberger. Regie: Hakon Hirzenberger. Bühne: Gerhard Kainzner, Erich Uiberlacker. Kostüme: Andrea Bernd. Videoinstallation: Bernd Kranebitter. Musik: Sir Henry, Moritz Hierländer. Mit: Manuel Witting (Martin und Martin 2), Susanna Bihari (Annika), Nikolaus Firmkranz (Josh), Melanie Herbe (Dorotta und Dr. Juana Sopritztkaja), Sonja Reisenbichler (Gret). Weitere Vorstellungen: 26. und 27. Juni, 1., 2., 3., 4., 8. und 9. und 10. Juli, jeweils um 20.00 Uhr. )