Die Akademie fühlt sich selbst auf den Zahn

Man wird skeptisch, wenn die Direktorin einer Sammlung über eine Ausstellung verkündet: “Wir haben gestern die wunderbare Erfahrung gemacht, dass die Führung drei Stunden gedauert hat.” Bei “Der große Michelangelo ist tot!” in der Wiener Akademie der bildenden Künste verwundert dies nicht, hinterfragt die Schau doch das Wesen der eigenen Institution. “Wir müssen irgendwann der Akademie auf den Zahn fühlen”, umriss Sabine Folie als Chefin der Kunstsammlungen die Motivation.
Dieses dentistische Ansinnen gelingt in einer überbordenden Vielstimmigkeit, womit sich am Ende die von Helmut Draxler kuratierte Ausstellung aber letztlich auch als Nabel-Schau par excellence präsentiert. In fünfzehn Kapiteln wird das Werden und das stete Ringen um das Wesen der Akademien nachgezeichnet, respektive ihre Rolle in der Beförderung von Avantgarde in Abgrenzung zur oder auf Basis der Tradition.
300-Jahr-Jubiläum als Ausgangspunkt
Anlass für die Selbstreflexion ist, dass die heutige Akademie vor 300 Jahren ihre Statuen nach französischem Vorbild erhielt. Draxler (“Ich verstehe mich als Spezialist für das Allgemeine”) geht noch zwei Jahrhunderte weiter zurück und setzt bei der Gründung der ersten Kunstakademie, der Accademia del Disegno, 1563 in Florenz an, die mit der als Spektakel inszenierten Aufbahrung Michelangelos im Jahr darauf ihren wirklichen Gründungsmythos erhält.
Über die 1648 gegründete Pariser Académie royale und ihre Suche nach dem Wesen des perfekten Malers geht es in einzelnen Kobeln zur eher bürgerlichen Entwicklung Großbritanniens im 18. Jahrhundert, bis das kurzzeitige Verbot der Akademien 1793 im Zuge der Französischen Revolution eine Zäsur bedeutete, die in der Ausstellungsarchitektur auch mit einem Riss symbolisiert wird. Im Eilschritt über Reformen und Krisen, neue Perspektiven und alte Traditionen geht es hinauf bis in unsere Zeit, in der nach wie vor die Meisterklasse als Gegenbild zur handwerklichen Ausbildung das Geschehen dominiert.
Fragen über Fragen
Was ist akademisches Schaffen? Was die jeweilige Avantgarde? Wie können Künstler Autonomie wahren gegenüber institutionellen oder religiösen Instanzen? Hat die Kopie als eigenständige Kunstform ihre Daseinsberechtigung? Solch zentrale Fragen überlagern sich in diesem Panoptikum, nehmen einander die Luft zum Atmen und drohen Betrachtende zu erschlagen.
Der in verschiedenen Strömungen stets präsente Anti-Akademismus als eine Motivation für die Hervorbringung von Neuem steht dabei neben der klassischen akademischen Produktion, ist “Der große Michelangelo ist tot!” doch bei weitem nicht als historische Schau gestaltet. Zu sehen sind auf Basis der hauseigenen Sammlung ergänzt um Leihgaben akademische Arbeiten von Vasari oder Le Brun, Poussin oder Sandrart, denen aber zeitgenössische Positionen gegenüber stehen. Hier sind Positionen von Wolfgang Hollegha, Jörg Immendorff, Louise Lawler oder Heimo Zobernig zu finden. Am Ende bleibt die Bilanz: Drei Stunden sind eine realistische Zeit.
(S E R V I C E – “Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus” in der Akademie der bildenden Künste, Schillerplatz 1010 Wien von 2. Oktober bis 22. August 2027. )