“Die Odyssee”: Weniger Heldengesang als Requiem

Christopher Nolans fast dreistündige Adaption der “Odyssee” ist zweifelsohne das Kinoevent des Jahres. Das erste Werk des Kultregisseurs seit dem Erfolg von “Oppenheimer”, der erste in 70-mm-IMAX-Format gedrehte Blockbuster, der teuerste Film in der Karriere des Briten und massiv beworben vor dem Start am Donnerstag (16. Juli). Und doch erzählt Nolan weniger eine Abenteuerreise denn eine Reise in die inneren Abgründe eines Kriegers. Kein Heldengesang, sondern ein Requiem.
Nach dem triumphalen Erfolg von “Oppenheimer” wagt sich der 65-jährige Nolan nun also an einen der ältesten Stoffe der abendländischen Kultur: Homers “Odyssee”. Die gefährliche Heimreise von Odysseus (Matt Damon), König von Ithaka, nach dem gewonnenen Trojanischen Krieg und das Ausharren von Penelope (Anne Hathaway), die über 20 Jahre auf den Gatten wartet und das lästige Bewerberfeld hinhalten muss, ist hinlänglich bekannt. Auch die zahlreichen Hindernisse und Gefahren, die der Held des Epos in den zehn Jahren seiner sprichwörtlich gewordenen Odyssee überstehen muss.
Meditation über Krieg und Schuld
Nolan jedoch erschafft keine Heldengeschichte, sondern vielmehr eine Meditation über Krieg und Schuld. Der Kampf mit dem Zyklopen Polyphem, die ebenso tödlichen wie verführerischen Sirenen, die tollkühne Fahrt zwischen Skylla und Charybdis, die menschenfressenden Laistrygonen – sie alle kommen vor, sind aber in jeweils wenigen Minuten des dreistündigen Werks beinahe wie Pflichtübungen abgehakt. Nolans Stammkomponist Ludwig Göransson treibt dazu mit seinem Soundtrack diese Sequenzen mit Dauercrescendo voran.
Länger Zeit nimmt sich der Film nur für reflektive Gespräche und Kampfszenen der Menschen untereinander. Es ist eine beinahe säkulare Odyssee, von der Nolan hier erzählt. Was den Filmemacher interessiert, ist die psychologische Verfasstheit seiner Figuren. Entsprechend gibt es viel Geraune im Fackelschein, zerfurchte Gesichter, die das Grauen gesehen haben und darüber selbst ergraut sind. Es ist das Pathos geschlagener Männer, die sich am Ende fragen, ob sie das Gute unrettbar vernichtet haben. Männer, die aufs Kriegen starren.
Damon an der Spitze des Ensembles
Matt Damon überzeugt hierbei als gezeichneter Krieger, desillusioniert nach zehn Jahren des Kampfes und zehn Jahren der Irrfahrt. Er ist das Symbol einer Generation, die feststellt, dass sie die Welt, für die sie kämpfte, unwiederbringlich zerstört hat. Im Liebesnest der Kalypso (Charlize Theron) erinnert er sich an die Vergangenheit im Rückblick. Sein narratives Pendant stellt Anne Hathaway als würdevoll leidende Penelope dar, während Tom Holland Sohn Telemachos als langsam Erwachsenwerdenden interpretiert. Und Robert Pattinson ist der eindimensionale Bösewicht Antinoos ohne Tiefe.
Neben den Gagen für die Stars hat man bei der 250 Mio. US-Dollar teuren “Odyssee” vor allem nicht an den Schauplätzen gespart, ist die visuelle Umsetzung doch mit IMAX-Aufnahmen von Schauplätzen wie Marokko, Griechenland oder Island monumental gehalten. An den mythologischen Wesen geizt der Film hingegen, sind doch etwa die Sirenen überhaupt nicht zu sehen. Und Athene (Zendaya) ist mehr das Gewissen des Helden denn geleitende Göttin.
Zitate der Filmgeschichte
Weniger Scheu hat Nolan, sich an der Filmgeschichte zu bedienen, zitiert das trojanische Pferd am Strand doch die ikonische Schlusssequenz des “Planet der Affen”, erinnern die auf ihre Boote flüchtenden Mitstreiter Odysseus nicht von ungefähr an die Eröffnung von “Der Soldat James Ryan” oder gleicht Troja-Eroberer Agamemnon in seiner martialischen Rüstung Darth Vader. All dies kommt jedoch nicht als ironisches Zitat daher, sondern bleibt stets im feierlichen Ernst gehalten.
Humor hat in dieser “Odyssee” keinen Platz. Wie mit einem antiken Rammbock wird der Pathos auf die Leinwand gehämmert, mit der Gestrenge des griechischen Chores die Moral geschmettert, dass Krieg den Menschen zerstört – im Inneren wie im Äußeren. Krieg ist schlecht – eine ebenso banale wie zeitlose Erkenntnis, die offenbar leider auch im Jahr 2026 verdeutlicht werden muss.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – )