Die Salzburger “Carmen” will ins Innere zoomen

08.07.2026 • 15:26 Uhr
Die Salzburger "Carmen" will ins Innere zoomen

Die Regisseurin und Choreografin Gabriela Carrizo, Mitbegründerin des Kollektivs Peeping Tom, hat am Mittwoch mit weiteren Kunstschaffenden einen Einblick in ihre Neuinszenierung von Georges Bizets Oper “Carmen” bei den Salzburger Festspielen gewährt. Mit den rund hundert Mitwirkenden – Chöre, Sänger, Sängerinnen, Tänzerinnen und Tänzer – sollen neue, visuelle und psychologische Aspekte geboten und durch “Heranzoomen” das Innere der Figuren besser sichtbar gemacht werden.

Die Tanzkompanie Peeping Tom erforsche die intime Seite der Menschen, und der Zoom in die Menschen hinein sei auch ein Aspekt der Carmen-Inszenierung, erläuterte Carrizo, die mit “Carmen” ihr Regiedebüt bei den diesjährigen Salzburger Festspielen gibt. “Wie bei Peeping Tom arbeiten wir mit einer extremen Körperlichkeit. Wir haben uns vom Kino inspirieren lassen.” Mit einer Kamera könne man sich den Menschen nähern, sie heranzoomen. “Genauso machen wir das auch in der Oper.” Mit Hilfe von Bewegung und Beleuchtung könne man das Innere der Figuren besser sichtbar machen.

Drift von der Realität ins Surreale und zurück

Durch das Zoomen nähere man sich der Psychologie von Don José und Carmen und beleuchte die Widersprüche. Versucht werde, die Gemütszustände der Charaktere zu verkörpern und die Intensität der Figuren darzustellen. “Es gibt einen gewissen Drift von der Realität ins Surreale und wieder zurück”, erläuterte Carrizo. Sie macht sich auf die Suche nach der Identität und den Motiven dieser zum Mythos gewordenen Frau und nimmt in ihrer Inszenierung Carmens Perspektive ebenso in den Fokus wie diejenige von Don José.

Die Bühne sei als lebendiger Körper zu sehen, und die Tänzer Teile dieses Körpers, wobei sich der Chor, der sich auch bewegt, dem Körpergefühl anschließt, veranschaulichte Charlie Skuy, der an der Choreografie mitarbeitet. Die Figuren dieser Inszenierung befinden sich mehr in einem abstrakten Raum, “mit einem Duft von Spanien”, der ein Gefühl von Sevilla vermittle, wie es die Regisseurin ausdrückte.

Gemeinsam mit Asmik Grigorian, die ihr Rollendebüt in der Titelrolle gibt, versucht die Regisseurin herauszufinden, wer Carmen ist, und sie verlässt sich in diesem kreativen Prozess dabei auf den Instinkt der Sängerin, wie sie erklärte. Es werde nicht die Rolle der Carmen zu sehen sein, die bisher bekannt ist, und das Ende der Oper werde anders sein, sagte Carrizo, die sich der künstlerische Leiter dieser Inszenierung, Teodor Currentzis, als Regisseurin dieser Produktion gewünscht hat. Ihr gehe es um eine andere Sichtweise auf Carmen, ihre Liebe sei größer als die zu einer einzelnen Person. “Sie glaubt an die Freiheit, und sie fürchtet sich nicht vor dem Tod. Ihr ist wichtiger, bei sich selbst zu bleiben. Wir wollen, dass sich das Publikum eine andere Sichtweise erlaubt.”

Viel Freiraum für die Darsteller

Auch Jonathan Tetelman, der den Don José verkörpert, gab einen Einblick in die Inszenierung. “Wir sind von der Choreografie vollkommen umgeben, haben viel Freiräume, wie wir uns bewegen.” In der Sichtweise von Carrizo sei Don José ein liebender Mensch. “Da steckt sehr viel in mir”, denn auch er liebe seine Eltern, seine Mutter. Die Intention der Regisseurin sei, einen neuen, menschlichen Aspekt von Don José herauszuarbeiten und seinen Charakter in den Familienkontext zu stellen.

Die Oper erscheint als zeitlose Geschichte über Freiheit, Begierde und Liebe. Don José existiere auch in unserer heutigen Gesellschaft, gab die Regisseurin zu bedenken. Gewalt ergebe sich auch aus der Erziehung und der Gesellschaft, die einen umgibt. Wichtig sei, dass man auch ein Mitgefühl für Menschen wie Don José habe. Tetelman ergänzte, die Musik beschreibe die psychische Entwicklung des anfangs guten Menschen zum Mörder am Ende.

Premiere der Neuinszenierung ist am 26. Juli im Großen Festspielhaus. “Carmen” ist die erste große Opernpremiere bei den diesjährigen Salzburger Festspielen.

(S E R V I C E: Georges Bizet “Carmen”, Opéra-comique in vier Akten, entstanden 1873-1875, uraufgeführt 1875. Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle Carmen von Prosper Mérimée. Neuinszenierung ab 26. Juli. Acht Vorstellungen bis 26. August. Teodor Currentzis – Musikalische Leitung, Gabriela Carrizo – Regie/Choreografie. Besetzung: Asmik Grigorian – Carmen, Jonathan Tetelman – Don José, Kristina Mkhitaryan – Micaëla, Davide Luciano – Escamillo. Ensembles: u.a. Utopia Choir, Bachchor, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. )