Direktorin des Jüdischen Museums will neue Dauerausstellung

27.07.2026 • 05:30 Uhr
Direktorin des Jüdischen Museums will neue Dauerausstellung

Barbara Staudinger, seit 2022 Direktorin des Jüdischen Museums Wien (JMW), macht ihr Job “immer noch viel Freude”. Deswegen hat sie sich für die im Juli 2027 startende nächste Funktionsperiode, für die heute, Montag, die Bewerbungsfrist ausläuft, beworben. Zu den wichtigsten Projekten, die sie in einer allfälligen zweiten Amtszeit umsetzen will, zählt eine neue Dauerausstellung. “Die jetzige stammt aus 2013, da ist vieles veraltet und manches auch kaputt”, sagt sie zur APA.

Die neue Dauerpräsentation, deren Finanzierung allerdings erst ausverhandelt werden muss, soll 2030 fertig sein und auf zwei tiefgreifende Entwicklungen reagieren. Beide sind nicht auf das JMW beschränkt. Zum einen werden die digitalen Angebote (derzeit sind rund 5.000 Sammlungsobjekte online verfügbar) stark ausgebaut, andererseits haben sich die Rahmenbedingungen seit dem Hamas-Überfall radikal geändert: “Jüdische Museen sind weltweit in der Krise. Die Besucherzahlen sind eingebrochen. Diese Entwicklung wird uns noch länger begleiten.”

Sonderschau “Mythos Wien 1900” ab Mai 2027

Im JMW, wo man 2025 mit rund 86.700 Besucherinnen und Besuchern an den beiden Standorten (Palais Eskeles in der Dorotheergasse und Misrachi-Haus am Judenplatz) etwa ein Viertel weniger Besuche zählte als vor 2023, möchte man die Dauerschau daher künftig niederschwelliger anlegen, um breitere Publikumsschichten anzusprechen. Und auch die übernächste große Sonderausstellung ist einem attraktiven und potenziell publikumsträchtigen Thema gewidmet: “Mythos Wien 1900” soll nach einem Konzept von Hannes Sulzenbacher und Andrea Winklbauer “viele spannende Fragen aufwerfen”, “wie ein Stationentheater funktionieren” und “auch eine etwas längere Laufzeit haben”, so Staudinger. Mit dem 25. Mai 2027 ist das Eröffnungsdatum bereits fixiert.

Der Budgetdruck ist bei dem zur Wien Holding zählenden Jüdischen Museum Wien ähnlich wie bei anderen Kulturinstitutionen gestiegen, wenngleich Budgetkürzungen bisher ausgeblieben sind. “Es war viel Krisenmanagement dabei. Wir haben in vielen Bereichen umstrukturieren müssen”, sagt die Direktorin, die gestiegene Personal- und Energiekosten auffangen muss und über ihr kommendes Jahresbudget noch nicht Bescheid weiß. Umso willkommener ist daher der Umstand, dass einige Ausstellungen des Hauses weiterverkauft werden konnten. So werde etwa die im September 2024 eröffnete Schau “Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis” nach einer Station in München das neue Prager “Zentrum für Erinnerung und Dialog Bubny” eröffnen. Der ehemalige Bahnhof Prag-Bubny, von dem aus in der NS-Diktatur rund 50.000 Menschen in den Tod geschickt wurden, wird in eine Erinnerungsstätte an die Opfer des Holocaust umgebaut.

Keine Zusammenarbeit mit diesem Nationalratspräsidenten

Für die Realisierung eines österreichischen Holocaust Museums, für dessen Schaffung Staudinger sich immer wieder stark gemacht hat, seien die Chancen aufgrund der angespannten Budgetlage vorläufig stark gesunken, zeigt sich die Direktorin realistisch. Mit dem derzeitigen Nationalratspräsidenten, der aufgrund von Aussagen und Mitarbeitern wegen fehlender klarer Abgrenzung nach rechts immer wieder in Kritik gerät, “kann das Jüdische Museum nicht zusammenarbeiten”, betont sie.

Gleichzeitig hat der nach dem Hamas-Überfall und der militärischen Reaktion des israelischen Staates weltweit gestiegene Antisemitismus auch die Arbeit des JMW von verschiedensten Seiten unter Druck gesetzt – nicht nur im Bereich der Sozialen Medien, wo mehrmals Grenzen überschritten und die Polizei eingeschaltet wurde. “Ich empfinde die Entwicklung als beunruhigend und sehe da auch beim Einschreiten der Behörden noch Luft nach oben”, sagt Staudinger.

“Man muss sich davon verabschieden, es allen recht machen zu können.”

Das Museum versuche in aktuellen Fragen, die auch jüdische Gemeinden auf der ganzen Welt gespalten haben, eigene Positionen zu beziehen. “Die Situation nach dem Oktober 2023 war und ist schwierig. Es kann aber nicht die Aufgabe einer Kulturinstitution sein, sich auf eine Seite zu schlagen und deren Narrativ zu übernehmen. Unsere Aufgabe ist es, einen wissenschaftlich gefestigten und respektvoll geführten Diskurs zu ermöglichen und zu moderieren, die Menschen also zusammenzubringen, anstatt die Gesellschaft weiter zu spalten.” Staudingers Fazit: “Man muss sich im Kulturbereich davon verabschieden, es allen recht machen zu können.”

Wie viele Mitbewerberinnen und Mitbewerber Barbara Staudinger hat, will die Wien Holding erst bei Bekanntgabe der Entscheidung über die künftige Direktion veröffentlichen, hieß es gegenüber der APA. Das Bewerbungsverfahren mit Erstinterviews und anschließenden Hearings werde von einem externen Institut durchgeführt. Mit der Entscheidung dürfte wohl im Frühherbst zu rechnen sein.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – )