Dokumentarfilm “Biermann”: Biermann und die Brandstifter

27.10.2026 • 14:55 Uhr

Wolf Biermann wird am 15. November unglaubliche 90 Jahre alt – unglaublich deshalb, weil der legendäre deutsch-deutsche Liedermacher auch im veritablen Greisenalter nichts von seiner schnoddrigen Bühnenpräsenz, als “sichtbarer Egomane” (© Armin Mueller-Stahl) nichts von seinen Rampenqualitäten verloren hat. Das stellte Biermann am Montagabend im Rahmen der Viennale unter Beweis, wo der 89-Jährige gemeinsam mit Regisseur Jens Meurer den Dokumentarfilm “Biermann” präsentierte.

“Er ist besser, als ich dachte. Sie haben sich nicht blamiert und mich auch nicht – mehr kann man nicht verlangen”, zeigte sich der politische Musiker gegenüber Werk und Autor augenzwinkernd zurückhaltend, um zugleich klarzumachen: “In Wirklichkeit ist für mich jedes Gedicht wichtiger.”

Die Kraft des Wortes

Denn bei allem Zug zum Rampenlicht ist Biermann im Herzen immer noch der Poet geblieben, der an die Kraft des Wortes glaubt: “Ein gutes Gedicht hilft immer dem Menschen, sich selbst im Stoffwechsel mit der Menschheit, zu der er ja auch noch gehört, besser zu verstehen.” Schließlich war es auch die Kraft seiner Texte, die den als 16-Jähriger in die DDR ausgewanderten Hamburger zunächst den zwölfjährigen Bann des sozialistischen Regimes und schließlich 1976 die Ausbürgerung bescherte.

Das heute legendäre Konzert Biermanns nach Jahren des Auftrittsverbots in Köln, worauf ihm die DDR die Wiedereinreise verweigerte, stellt denn auch in “Biermann” die Zentralachse, nach der es ein Davor und ein Danach gab. Ansonsten erzählt Meurer das Leben des 1936 in der Hansestadt Geborenen chronologisch, mit Ausschnitten und Fotografien sowie Interviews mit Prominenten wie dem 95-jährigen Armin Mueller-Stahl, dem deutschen Altbundespräsidenten Joachim Gauck oder heutigen Bühnenpartnern wie Wolfgang Niedecken oder Campino.

“Geisterfahrt durch das eigene Leben”

Primär kommt aber der Biermann von heute zu Wort, das er sich als begnadeter Selbstdarsteller auch nicht nehmen lässt, selbst, wenn er streckenweise im roten Bademantel barfuß über seine Wiese stapft, bevor Ehefrau Pamela ihm im Freien die Haare schneidet. “Für mich ist das ja wie eine Geisterfahrt durch mein eigenes Leben”, beschreibt der Liedermacher im Film an einer Stelle den Dreh – eine Geisterfahrt, bei er sichtbar freudig im Fahrersitz Platz nimmt.

Er erzählt von seinem Vater, einem jüdischen Kommunisten, der von den Nazis wie der gesamte väterliche Teil der Familie ermordet wird. Von seinem Entschluss, 1953 in die DDR als das vermeintlich bessere Deutschland auszuwandern. Sein Abarbeiten an der verkrusteten Diktatur. Das Boheme-Leben mit Besuchen von Joan Baez oder Allen Ginsberg, mit Auftrittsverbot im Quasi-Hausarrest über zwölf Jahre hinweg, während die Stasi vor dem Haus Wache steht.

Ein “Kinderglaube an den Kommunismus”

Seinen “Kinderglauben an den Kommunismus” habe er lange nicht aufgeben wollen, weil er seinen Vater nicht verraten wollte, meint er später. Auch sei dies für ihn im Kampf gegen das Regime unabdingbar gewesen, erinnerte er sich vor dem Wiener Publikum: “Ich habe das nur geschafft, weil ich die Illusion hatte, dass ich der richtige Kommunist bin und nicht die Bonzen im Politbüro.” Selbst nach seiner Ausweisung aus der DDR hielt er lange an seiner Ideologie fest, bevor er sich eines Besseren belehrte.

In Summe sind “Biermann” ebenso wie Biermann selbst Symbole für den Mut aufzustehen für seine Überzeugungen. Man gehe nicht zugrunde an den Schlägen, die man bekomme, sondern an denen, die man aus Feigheit nicht für seine Überzeugung austeile, meint der Künstler an einer Stelle im Film. Und dies sei heute ebenso notwendig wie einst. “Ich bin geboren worden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, und ich bin alt geworden kurz vor dem Dritten Weltkrieg”, ließ der Bald-90-Jährige aufhorchen. Die Verhältnisse steuerten darauf zu – auch wenn er natürlich nicht sagen könne, ob dies in zehn oder 1.000 Jahren der Fall sein werde. Also bleibt offenbar zumindest noch genügend Zeit, sich mit “Biermann” eine lehrreiche Stunde in Demokratiekultur zu geben.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

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