“Don Quichotte” in Innsbruck: Disco und dahinter keine Welt

Die Premiere der Oper “Don Quichotte” von Jules Massenet hat am Samstagabend im Großen Haus des Tiroler Landestheaters in der Regie von Julia Burbach und unter der musikalischen Leitung von Matthew Toogood überzeugt. Die Innsbrucker Inszenierung zeigte den Protagonisten vor einem einfallsreichen Bühnenbild mit viel Liebe zum Detail als Idealisten zwischen Scheinwelt und Traumwelt. Das Publikum reagierte begeistert.
Das Libretto von Henri Cain nimmt bei der Oper von Massenet aus dem Jahr 1910 im Vergleich zum Don-Quichotte-Stoff bei Miguel de Cervantes seit jeher einige Akzentverschiebungen vor. Die ursprünglich psychologisierende Satire auf Ritterromane wich einem Zugang, der den Ritter von der “traurigen Gestalt” zwar als einen naiven Helden beließ, diesem aber aufgrund seines unerschütterlichen Glaubens an das Gute fast schon messianische Züge zuschrieb.
Klassischer Stoff in einer Glitzerwelt
Vor diesem Hintergrund agierte dem Stoff angemessen auch Burbach, die die Figuren darstellerisch noch ein wenig mehr ausleuchtete und diesen mittels einer kleinen Zeitreise eine historische Frischzellenkur verpasste. Und das ging so: Der im Kern immer noch klassische Stoff, bei dem Don Quichotte mitsamt seines Knappen Sancho Abenteuer für seine Angebetete Dulcinée bestand, um ihre Gunst zu gewinnen und bestenfalls zu ehelichen, wurde in einen Kontrast zu einer Scheinwelt gestellt. In dieser kollidierten Party, Glitzer und Egozentrismus mit der aus der Zeit gefallenen Welt des Rittertums. Damit einher ging die Frage, welche Welt denn eigentlich real ist: Die des Don Quichotte oder doch die “Glitzerwelt”? Eindeutig war, dass die Welterklärungsversuche des Hauptdarstellers nicht mehr fruchteten und es hinter der “Disco-Welt” keine Realität mehr gab, die sich für ihn verstehen ließ.
Die beiden Welten fanden sich im Bühnenbild von Cécile Trémolières sowohl in Form von Discokugeln und bunten Kostümen, aber auch als Landschaften wider, die irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt waren. Zeitlich befand man sich dabei weder in der mittelalterlichen Zeit der Ritter noch in der heranbrechenden Moderne eines Cervantes, sondern womöglich inmitten der wilden 1920er- oder auch in der Disco-Ära der 1970er-Jahre. Auch Andeutungen von Gegenwart und Jetzt-Zeit mit ihrem überzogenen Hang zum Individualismus waren reichlich vorhanden.
Souveräne Hauptdarsteller, gelungenes Zusammenspiel der Ebenen
Durch dieses Setting manövrierten sich allen voran die beiden Hauptdarsteller äußerst souverän und stimmgewaltig. Oliver Sailer gab einen beeindruckenden Don Quichotte, der die schwelgerischen Melodien der Oper mit Inbrunst und Ernsthaftigkeit und doch doppeltem Boden auslotete. Ihm gleich tat es Camilla Lehmeier als Dulcinée: Ihre Auslegung der Rolle als moderne selbstbestimmte Frau war in jedem Augenblick glaubhaft.
Ebenso gekonnt agierte das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter dem Dirigat von Toogood: Die ausladende Melodik der Oper wurde mit Feingefühl sowie überaus zupackend und mitreißend in das Große Haus gebracht. Tanz-Einsprengsel mit Choreografien von Cameron McMillan wiederum unterstrichen die enorme erzählerische Qualität der Musik.
Dieses überaus gelungene Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen sorgte für euphorischen Applaus. Lehmeier und Sailer durften zudem Bravo-Rufe für sich verbuchen. Begeisterte Beifallsbekundungen vom Premierenpublikum ergingen ebenso an Toogood und Regisseurin Burbach. Allen zusammen waren im bestens besuchten Haus abschließende Stehovationen gewidmet.
(Von Markus Stegmayr/APA)
(S E R V I C E – “Don Quichotte” von Jules Massenet, Libretto von Henri Cain. Regie: Julia Burbach. Musikalische Leitung: Matthew Toogood. Bühne: Cécile Trémolières. Kostüme: Andrea Kuprian. Choreografie: Cameron McMillan. Mit: Camilla Lehmeier (La belle Dulcinée/Räuberhauptmann), Oliver Sailer (Don Quichotte), Benjamin Chamandy (Sancho), Hazel Neighbour (Pedro/4. Räuber), Qiong Wu (Garcias/2. Räuber), Jakob Nistler (Rodriguez/3. Räuber), Julien Horbatruk (Juan/1. Räuber), Il Young Yoon (Diener), Seongchan Bahk (Diener), Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, Chor des Tiroler Landestheaters, Extrachor des Tiroler Landestheaters, Tanzensemble des Tiroler Landestheaters. Weitere Vorstellungen: 25., 26. und 28. Juni. 4. und 5. Juli, 25. und 31. Oktober, 18., 22., 26. November und 18. Dezember. )