Selenskyj: Erneut keine Warnung vor Angriffen erhalten

19.10.2026 • 22:06 Uhr

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beklagt, dass sein Land vor den jüngsten russischen Angriffen auf den Energiesektor erneut keine Vorwarnung von seinen Verbündeten erhalten habe. In der Nacht habe Russland 16 ballistische Raketen und mehr als 200 Drohnen verschiedener Typen, darunter strahlgetriebene Shahed-Drohnen, abgefeuert, teilte Selenskyj am Montag auf Telegram mit. In Kiew wurde eine U-Bahnstation angegriffen und dabei eine Frau getötet.

US-Außenminister Marco Rubio wies die Anschuldigungen über zurückgehaltene Informationen am Montag zurück. “Es gab keine Unterbrechung”, sagte er vor Reportern in Usbekistan. Er zeigte sich von Selenskyj irritiert. Zugleich sagte er, es habe “vor einigen Nächten ein Softwareproblem” beim ukrainischen Frühwarnsystem gegeben.

Die ukrainische Luftwaffe schwächte Selenskyjs Kritik wenig später ab. Luftwaffensprecher Jurij Ihnat erklärte im örtlichen Nachrichtenfernsehen, dass in der Nacht keine rechtzeitige Warnung vor der ersten Welle ballistischer Raketen erfolgt sei. Demnach gab es jedoch vor der zweiten Angriffswelle eine Information von den Verbündeten. Dies sei bereits mehrfach der Fall gewesen. Zur möglichen Ursache machte Ihnat keine Angaben.

Tote in Kiew, Krywyj Rih und im Gebiet Charkiw

Bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew wurde nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko eine U-Bahnstation auf dem linken Flussufer beschädigt. Eine 21-jährige Frau sei bei dem Angriff ums Leben gekommen, drei weitere Menschen seien verletzt worden, teilte Klitschko auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Außerdem seien bei dem Angriff eine medizinische Einrichtung und ein Gebäude beschädigt worden.

Bei einem russischen Raketenangriff sind in der südostukrainischen Industriestadt Krywyj Rih nach Behördenangaben mindestens zwei Menschen getötet worden. Sieben weitere seien verletzt worden, teilte der Militärgouverneur des Gebiets Dnipropetrowsk, Olexander Hanscha, bei Telegram mit. Der Angriff galt demnach einem nicht näher bezeichneten Industrieunternehmen. Die Heimatstadt von Selenskyj ist knapp 70 Kilometer von der russisch-ukrainischen Frontlinie entfernt.

Bei einem russischen Drohnenangriff wurden Behördenangaben zufolge im ostukrainischen Gebiet Charkiw mindestens sechs Menschen getötet. “Unter den Toten sind drei Kinder”, teilte der Militärgouverneur der Region, Oleh Synjehubow, bei Telegram mit. Weitere 15 Menschen, darunter sieben Minderjährige, seien verletzt worden. Getroffen wurde demnach ein zentral gelegener Park in der Siedlung Nowa Wodolaha, etwa 30 Kilometer südwestlich der Gebietshauptstadt Charkiw.

Zehn Energieanlagen beschädigt

Bei den nächtlichen Angriffen wurden laut Selenskyj mehr als zehn Energieanlagen beschädigt. Mindestens 550.000 Haushalte seien ohne Strom, fügte er hinzu. Die Ukraine wehrt sich seit Februar 2022 gegen die russische Invasion und ist bei der Abwehr oder zumindest der Vorbereitung auf Angriffe mit schnellen ballistischen Raketen aus Russland auf Informationen eines hochmodernen US-Frühwarnsystems angewiesen.

Die Regierung in Moskau bestätigte, dass die russischen Streitkräfte einen schweren Angriff auf Ziele in Kiew und in der Umgebung der ukrainischen Hauptstadt verübt hatten. Die Attacken hätten sich gegen militärisch-industrielle Anlagen, Lagerstätten für Marschflugkörper und Drohnen sowie Rechenzentren gerichtet, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Außerdem hat Russland nach eigenen Angaben erneut ein Schiff im Schwarzen Meer attackiert. Der Angriff habe einem Frachter mit Militärgütern an Bord gegolten, teilte das Verteidigungsministerium mit. Das Schiff habe sich südwestlich der Hafenstadt Odessa befunden.

Selenskyj fordert Inkrafttreten neuer US-Sanktionen

Der Präsident forderte einmal mehr eine Stärkung der ukrainischen Flugabwehr durch die westlichen Verbündeten. “Man darf nicht an Geldgeschäfte mit Russland denken, solange es seinen sinnlosen Krieg fortsetzt”, meinte er mit Blick auf US-Präsident Donald Trump, der nach einem Telefonat mit Kremlchef Wladimir Putin den Kauf von russischem Diesel angekündigt hatte. Selenskyj hatte immer wieder an Trump appelliert, Flugabwehrraketen an die Ukraine zu liefern.

“Wir bitten darum, die Sanktionen gegen Russland nicht aufzuheben, solange die Morde nicht aufhören. Wir bitten Amerika, stark zu bleiben, und bitten darum, das Gesetz von Lindsey Graham anzuwenden”, sagte Selenskyj. Trump hatte das nach dem im Sommer gestorbenen US-Senator Graham benannte Gesetz zwar unterzeichnet, das Inkrafttreten neuer Strafen für Russland aber außer Kraft gesetzt.