“Er flog voraus”: Filmporträt über Architekt Karl Schwanzer

03.10.2022 • 06:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
"Er flog voraus": Filmporträt über Architekt Karl Schwanzer

Nach diesem Film ist das Bedauern groß, ihn nicht persönlich gekannt zu haben: Karl Schwanzer (1918-1975), einer der bedeutendsten heimischen Architekten der Zweiten Republik, virtuoser Visionär, radikaler Denker, fördernder und fordernder Lehrer. Drei Jahre nach Benjamin Swiczinskys Graphic Novel über den “Architekt aus Leidenschaft” gibt es nun einen Porträtfilm, ein “Architektenpoem” von Max Gruber. “Er flog voraus” feiert am Dienstag im Wiener Gartenbaukino Premiere.

Max Gruber war bereits als Texter und dramaturgischer Berater bei der Nacherzählung von Schwanzers Lebensgeschichte in Comic-Form dabei, die ebenso wie nun der Film ohne maßgebliche Unterstützung der Familie wohl nicht zustande gekommen wäre. Es gibt auch weitere Scharniere zwischen Buch und Film.

Ersteres schließt nämlich ausgerechnet mit der Zeichnung einer Gedenkveranstaltung zu Karl Schwanzers 100. Geburtstag im Wien Museum, dem der Nachlass übergeben wurde. Schauspieler Nicholas Ofczarek schlüpfte am 23. Mai 2018 mit Hornbrille und Nadelstreif in die Rolle des Architekten, las unter dem Titel “Er flog voraus” eine Montage aus “Versatzstücken und Originalzitaten” und präsentierte die Graphic Novel. Genau diese Szene findet sich nun auch im Film. Mehr noch: Ofczarek taucht immer wieder als Verkörperung des streng und bestimmt wirkenden Baukünstlers auf, mal im 20er Haus, dem ehemaligen Brüsseler Weltausstellungs-Pavillon, Hof haltend, mal die schweren Eingangstore der von ihm gestalteten Erweiterung der Kapuzinergruft öffnend.

Diese Spielszenen lockern den 73-minütigen Film, der seinen regulären Kinostart am 14. Oktober hat, auf. Getragen wird das Porträt aber von den vielen respekt- bis liebevollen Erinnerungen seiner Schüler und Kollegen, von Coop Himmelb(l)au-Prinzipal Wolf D. Prix über Heinz Neumann und Boris Podrecca bis zu Laurids Ortner und von Rüdiger Lainer bis zu Andrea und Diether S. Hoppe. Architekturkritikerin Ute Woltron hebt hervor, dass Schwanzer früh Internationalität und Welterfahrung suchte. Die Auseinandersetzung mit den Stars seiner Zeit, aber auch mit neuen Techniken und Materialien zieht sich als ein Roter Faden durch den Film, die Professionalität, die es ihm ermöglichte ein Büro mit zeitweise über 100 Mitarbeitern zu managen, ist ein anderer Aspekt, der immer wieder hervorgehoben wird.

Die spärlichen Archivaufnahmen, in denen der rastlose Mann durchs Bild tänzelt oder in knappen Statements seine Architekturauffassung vertritt, beeindrucken – doch nichts schlägt den tiefen Eindruck, den die längere Auseinandersetzung mit seinem Hauptwerk, dem BMW-Headquarter in München, hinterlässt. Neben faszinierenden Kamerafahrten entlang des vierzylindrigen Bürogebäudes ist es die Konstruktions- und Baugeschichte, des 1973 eröffneten Baus, die beeindruckt.

Um im Wettbewerb einen lebensechten Eindruck der späteren Arbeitsbedingungen zu vermitteln, ließ er auf eigene Kosten in einem Filmstudio ein Mustergeschoß aufbauen – samt tippenden Sekretärinnen und einem Fake-Rundblick über München. Der Bau selbst wurde dann in so unkonventioneller wie revolutionärer Methode errichtet: von oben nach unten. An Stahlseilen hängende Geschosse wurden eins nach dem anderen am Boden fertiggestellt und danach hochgezogen. Die dabei angewandten Bau-Normen, so erfährt man, entsprachen keinen Hochbauten, sondern den von Hängebrücken.

Karl Schwanzer nahm sich 57-jährig das Leben. Welche dunklen Seiten diesen visionären und erfolgreichen Meister der Architektur belastet haben mögen, das kann und mag der Film nicht ergründen. Doch er versucht dem traurigen, abrupten Ende eine positive Sichtweise zu geben: Er, der nicht nachahmte, sondern vorlebte, “er flog voraus”.

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