Experte: Iran wird massiv gestärkt aus Krieg hervorgehen

Der Politikwissenschafter Doug Stokes sieht den Iran bereits jetzt als großen Sieger des von US-Präsident Donald Trump begonnenen Krieges. “Ich sehe keine Möglichkeit, dass der Iran aus dieser Krise nicht als sehr starke regionale Hegemonialmacht hervorgeht”, sagt Stokes im APA-Interview. Der Iran werde damit eine Rolle wiedererlangen, die er über Jahrtausende gehabt hat. Vor der Islamischen Revolution im Jahr 1979 sei er ein wesentlicher US-Machtpfeiler in Nahost gewesen.
Die Zeit seit 1979 werde sich damit als ein “Interregnum” vor einer neuerlichen iranischen Hegemonie herausstellen, so Stokes. “Ich denke, der Iran wird sehr stark daraus hervorgehen.” Der aktuelle Krieg habe nämlich gezeigt, dass sich das Land auch von der stärksten Militärmacht der Welt nicht in die Knie zwingen lasse, so der Professor an der Modul University Vienna. Stattdessen sei der Iran “sehr erfolgreich dabei, die USA aus dem Nahen Osten zu vertreiben”. Durch die Angriffe auf die US-Verbündeten in der Region treibe es den Preis für diese Allianzen in die Höhe.
“Postamerikanische Sicherheitsordnung entsteht”
Er sehe derzeit nicht, wie die USA diesen Krieg auf eine für sie akzeptable Weise gewinnen können. Für einen Deal verlange Teheran von Washington, als führende Regionalmacht anerkannt zu werden, so Stokes. “Und egal ob die Amerikaner das akzeptieren oder nicht – sie werden aus dem Nahen Osten vertrieben.”
“Das verändert die Kalkulation aller führenden Mächte in der Region, auch von Israel und der Türkei”, so Stokes. “Was hier entsteht, ist eine Art postamerikanische Sicherheitsordnung im Nahen Osten.” Insofern habe US-Präsident Donald Trump mit seinem Angriff auf den Iran “die Büchse der Pandora geöffnet”. Der Krieg habe gezeigt, dass der Einsatz von militärischer Gewalt ohne eine breitere Strategie “nutzlos” sei. “Einfach nur militärische Gewalt einzusetzen, bringt dich nicht sehr weit”, so der Politikwissenschafter.
Trump beschere China “einen Sieg nach dem anderen”
Das “größte Problem” für die USA sei freilich die “völlig unberechenbare und sehr emotionale” Vorgangsweise von Präsident Trump. Er betrachte die internationale Politik nämlich nicht nur als Nullsummenspiel, sondern halte sich nicht an Vereinbarungen. Dies gelte nicht nur für den Iran, sondern auch für Länder wie Kanada oder die EU. “Man kann einfach nicht darauf vertrauen, was Trump sagt oder tut.” Trump zerstöre mutwillig die liberale Weltordnung, die maßgeblich von den USA aufgebaut worden sei und ihr in den vergangenen Jahrzehnten großen Nutzen gebracht habe, verweist der Brite etwa auf den freien Welthandel oder auch das NATO-Verteidigungsbündnis.
Trumps Politik könnte “letztlich zum raschen Niedergang Amerikas als Großmacht” führen, so Stokes. Mit seinem Vorgehen “schenkt er China einen Sieg nach dem anderen”. Dieses sei nämlich “lange nicht so stark wie wir denken”, verweist er auf die wirtschaftliche Abhängigkeit Pekings von seinen Handelspartnern, negative demografische Trends – die Bevölkerung soll bis zur Jahrhundertwende von 1,2 Milliarden auf 700 Millionen sinken – und die konfliktgeladenen Beziehungen zu den Nachbarn. Während die USA zwei Weltmeere sowie Mexiko und Kanada als Nachbarn habe, grenze China an Indien und Russland, mit dem es in der Geschichte mehrere Kriege führte. Dazu kommen weitere mächtige und technologisch weit entwickelte Nachbarländer wie Japan, Südkorea oder Taiwan.
Auch bei Rechtsruck in Berlin und Paris kein Zerfall der EU
Keine großen Sorgen macht sich Stokes um das europäische Einigungsprojekt, selbst wenn in Deutschland und Frankreich rechtspopulistische Parteien an die Macht kommen sollten. Die EU diene nämlich den Interessen beider Staaten. Deutschland vor allem wirtschaftlich, während Frankreich seinen Großmachtstatus im EU-Kontext habe wahren können. “Wenn man als Mitglied einen Verein in die Luft jagen möchte, muss man denken, dass dieser Verein den eigenen Interessen schadet”, betont der Brite, der diesbezüglich auch auf den Brexit verweist. “Veränderungen wird es geben, aber ich glaube nicht, dass es zu einer Zerstörung der Institutionen kommen wird.”
Verteidigungspolitisch werfe der Rückzug der USA aus Europa die Frage nach einer möglichen neuen Hegemonialmacht auf, wobei es unterschiedliche Interessen gebe. In einer “Welt nach Putin” wäre auch eine Einbindung Russlands in eine europäische Sicherheitsarchitektur wünschenswert. “Alle Staaten haben ihre Sicherheitsinteressen, auch Russland, und es sieht die NATO aus historischen Gründen als Bedrohung”, so Stokes. Für die österreichische Neutralität sieht er keinen Platz im aktuellen sicherheitspolitischen Umfeld. Im Kalten Krieg sei sie nützlich gewesen, damit sich Spione treffen und Vereinbarungen getroffen werden konnten. “Aber jetzt findet gerade ein größerer Krieg statt, und die österreichischen Sicherheitsinteressen sind diesbezüglich sehr klar.” Persönlich mag zwar jeder Österreicher ein Interesse an der Neutralität haben, “aber es ist im kollektiven Interesse aller Europäer, dass Österreich die Zuschauerrolle verlässt und sich dem Klub anschließt”, betont Stokes.
(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)