Festival Wien Modern heuer mit großem Jelinek-Schwerpunkt

Am 30. Oktober beginnt die 39. Auflage von Wien Modern. “1988 ist das Festival mit drei Spielstätten gestartet, heuer halten wir bei 31 Spielstätten in 15 Bezirken”, sagte der künstlerische Leiter Bernhard Günther am Mittwoch bei der Programmpräsentation im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins. Gespielt wird u.a. in fünf Museen, vier Theatern, zwei Clubs, zwei Kirchen, einer Mülldeponie, einem Kino und einem Kaffeehaus.
Auch die sonstigen Zahlen sind eindrucksvoll: In 114 Konzerten und sonstigen Aufführungen werden 82 Uraufführungen und 27 Österreichische Erstaufführungen von 197 Komponistinnen und Komponisten zu erleben sein. Günther hob hervor, dass es sich nicht um eine Ansammlung des normalen Programms verschiedener Häuser handle, sondern um das Resultat intensiver Gespräche: “Es sind echte gemeinsame Projekte, die inhaltlich gewachsen sind”, betonte auch Musikvereinsintendant Stephan Pauly. Schwerpunkte des bis 30. November dauernden, dichten Programms sind der Dichterin Elfriede Jelinek und den Komponistinnen Francesca Verunelli, Liza Lim, Annea Lockwood und Katharina Klement gewidmet. Von der Erste Bank Kompositionspreisträgerin wird das Klangforum ihr Ensemblewerk “Schaum” uraufführen, “ein multipolares Gemenge” mit 17 Instrumenten, elektronischen Klängen und Field Recordings. “Es interessiert mich die Frage, wann ein Gemisch so dicht wird, dass man es als Ganzes wahrnimmt”, erläuterte Klement.
Jelineks ungespielter, ungestimmter Steinway-Flügel
Zum 80. Geburtstag der Nobelpreisträgerin steht Jelinek nach Michael Haneke, Georg Baselitz, Peter Zumthor und Anton Zeilinger in den Vorjahren heuer im Zentrum der “Musikverein Perspektiven”. Dramaturg Claus Philipp berichtete vom Ausgangspunkt: “Es gab immer diesen alten, schon 30 Jahre ungespielten Steinway-Flügel im Wohnzimmer von Elfriede Jelinek. Da kam einmal die Pianistin Marianne Schroeder vorbei und hat frech darauf gespielt.” Aus der Beschäftigung mit diesem ungestimmten Flügel (Jelinek laut Günther: “Er liefert mehr als das Bestellte.”) habe sich in vielen Gesprächen ein abwechslungsreiches Programm ergeben, das seinen Höhepunkt am 3. November findet: Auf ein 14-minütiges “Home Video” von Constantin Wulff, das Jelinek und Schroeder am Flügel im Wohnzimmer der Dichterin zeigt, folgt im Goldenen Saal das von Schroeder dazu komponierte Stück “Antasten_Schatten”, sowie “als Late Night nach dem Hauptabend” (Günther) ein Orgelkonzert von Angela Metzger, bei der auch jenes Orgelstück von Olivier Messiaen erklingt, das Elfriede Jelinek einmal selbst im Mozartsaal des Konzerthauses gespielt hat. Ein Kurzclip davon sei noch immer auf YouTube zu finden, empfahl der Wien Modern-Leiter.
In drei Veranstaltungen werden unter dem Titel “Besser wird’s nicht” einige wenig bekannte Jelinek-Texte zum Teil erstmals öffentlich gelesen und mit Musik begleitet: Josef Hader und Birgit Minichmayr widmen sich “Be Longing (Geh, Dichterin!)”, Ferdinand Schmatz und Eva Jantschitsch (alias Gustav) bringen Auszüge aus dem Roman “Neid”, Samouil Stoyanov und die Flötistin Petra Slottová “testen entlang verstreuter Polemiken, Preisreden und Kommentare Jelineks Leitmotiv ‘Ich möchte seicht sein'”, wie es in der Ankündigung heißt. Die Idee für “eine kleine Multimedia-Installation” habe sich zudem zu einem Großprojekt ausgewachsen, das als “Ghosts and Vampires” bei freiem Eintritt im Musikverein zu erleben sein wird. Bei der interaktiven Klanginstallation, für die Olga Neuwirth u.a. einen computergesteuerten Flügel mit Erdbebendaten programmiert habe, könne sich das Publikum selbst auf ein Floß setzen, erzählte Günther: “Ich werde extrem stolz sein, wenn dieses Ding läuft. Es gibt dann einen hollywood-mäßigen Abspann, wer aller da beigetragen hat.” Für Claus Philipp bietet der Jelinek-Schwerpunkt eine Gelegenheit, sich einmal weniger mit inhaltlichen als mit formalen Aspekten des Schaffens der Nobelpreisträgerin zu beschäftigen.
“Tree of Codes” und “Piano Garden”
Von der Italienerin Francesca Verunelli (Günther: “Eine der spannendsten Komponistinnen unserer Zeit.”), der heuer schon ein kleiner Schwerpunkt bei den Salzburger Festspielen gewidmet war, werden an fünf Tagen sechs Stücke zu hören sein. Ein kleiner Schwerpunkt auf die australische Komponistin Liza Lim startet mit der Premiere ihrer von der Neuen Oper Wien produzierten Oper “Tree of Codes” am 31. Oktober im Reaktor. Nicht nur mit ihr und ihrer Beschäftigung mit dem Verhalten des Menschen in und gegenüber der Natur komme “eine ziemliche Prise Ökofeminismus” ins Programm, sagte Bernhard Günther und verwies auf die in der Nähe von New York lebende neuseeländische Deep-Listening-Pionierin Annea Lockwood, die etwa im MAK die Klanginstallation “A Soundmap of the Danube” präsentiert, Resultat einer über viele Etappen unternommenen Donaureise vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer: “Setzen Sie sich ins MAK und hören der Donau eine Weile zu!” Man solle aber unbedingt auch ins Otto Wagner Areal pilgern, wo Lockwood in Fortsetzung eines 1969 von ihr erstmals umgesetzten Projekts einen “Piano Garden” gepflanzt hat.
Wer am 7. November zur städtischen Deponie Rautenweg pilgert, kann mit Katrin Hornek, Judith Unterpertinger und einem 120-stimmigen Chor eine Gipfelwanderung unternehmen, wer am 6., 7. oder 8. November in die Zacherlfabrik kommt, hört, initiiert von Jean-Luc Hervé, Insektenklänge an einem Ort, an dem einst Insektengift hergestellt wurde. Und das Kollektiv Points of Listening bringt mit der zweitägigen immersiven Klanginstallation “hutan (forest)” (28./29. November) den Regenwald von Borneo ins Tanzquartier. Für Bernhard Günther handelt es sich dabei um “eine der Ohren öffnenden Produktionen heuer”. Und darum gehe es doch letztlich, nämlich “um die Wichtigkeit, gut zuzuhören und die Freude, die sich daraus gewinnen lässt”.
(S E R V I C E – Wien Modern 39: 30.10.-30.11, )