Festwochen debattierten “Dark Enlightenment” und Peter Thiel

Die für 7. Juni angekündigte Debatte zwischen Peter Thiel, Wolfgang Palaver und Milo Rau über “Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik” ist von den Wiener Festwochen kurzfristig abgesagt worden. Nicht persönlich anwesend, aber doch im Mittelpunkt war Tech-Milliardär Thiel vier Tage später bei einem Gespräch im als “Haus der Republik” dienenden Badeschiff: Palaver und die Kulturwissenschafterin Christina von Braun diskutierten über “Dark Enlightenment”.
“Die hier Beteiligten hätten gern mit Peter Thiel gesprochen, es hat nicht sollen sein”, eröffnete Haiko Pfost, Kurator der Festwochen-Reihe “Holy Spring”, in der “neue Denk- und Glaubensmodelle erkundet” werden sollen, am Donnerstag die ausverkaufte Veranstaltung. Doch Thiels Name fiel an dem von Johannes Kaup moderierten Abend mehrere Dutzend Male. Dabei wurde dem PayPal- und Palantir-Gründer die Ehre zuteil, als Philosoph behandelt zu werden.
Damals in Stanford …
Der Theologe Wolfgang Palaver, der Thiel seit 30 Jahren kennt, seine Texte studiert hat und sich offenbar regelmäßig mit ihm austauscht, verteidigte Thiel gegen Vorwürfe von Kritikern, es handle sich bei ihm um einen Hobby-Philosophen. Die beiden kennen einander aus Stanford, Thiels 2004 erschienener Aufsatz “Straussian Moment”, in der sich Thiel Bezug nehmend auf den deutschen Staats- und Völkerrechtler Carl Schmitt (1888-1985) und den deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss (1899-1973) im Nachgang von 9/11 auch mit dem Begriff der Aufklärung auseinandersetze, sei absolut lesenswert.
Auch um den damals in Stanford lehrenden französischen Literaturwissenschafter, Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard (1923-2015) ging es und um den 1973 geborenen US-Softwareentwickler Curtis Yarvin, der als Demokratiefeind und einer der Proponenten einer “Dunklen Aufklärung” gilt. Dieser Begriff sei ihr ein Rätsel, sagte die Autorin, Filmemacherin und Wissenschafterin Christina von Braun. Die “Dialektik der Aufklärung” von Adorno und Horkheimer, die sich kritisch mit der Hinwendung des Menschen zu Technik und Kapital beschäftigt hätten, erhalte nun andere Vorzeichen: “Hier wird, was sie als Entsetzen beschrieben haben, zu einer neuen Bejubelung gemacht.”
Libertär oder elitär?
Welche konkreten politischen Konzepte aus den kruden Theoriegebäuden entwickelt werden, darüber verschaffte der Abend wenig Klarheit. “Es steht keine Vorstellung dahinter, was eine libertäre Gesellschaft sein soll”, glaubte von Braun, während sich der Eindruck verfestigte, es handle sich weniger um libertäre denn um elitäre Gesellschaftskonzepte, die von jenen propagiert werden, die über JD Vance direkten Einfluss auf die gegenwärtige US-Politik erhalten haben.
Die Religion des Silicon Valley sei “eine Beherrschungsreligion”, meinte Palaver. “Auch Diktatoren setzen alle nur auf Glauben, nie auf Vertrauen.” Dass Thiel den “faustischen” Menschen propagiere, sehe er kritisch. Das Landgewinnungsprojekt von “Faust II” werde rücksichtslos durchgezogen. “Zu Philemon und Baucis als Kollateralschäden sagt Thiel nichts. Das ist ethisch nicht vertretbar.”
Wernher von Brauns “Marsprojekt”
Moderator Kaup fragte bei seinen Gästen in Zusammenhang mit Thiel viele Themen und Begriffe ab, von Antichrist und Armageddon bis zu Transhumanismus. Schmunzeln konnte das Publikum dabei nur, als es um Reproduktionstechniken und Weltraumbesiedlungspläne ging. “Musk würde am liebsten den ganzen Mars mit seinem Samen besiedeln”, meinte von Braun und erzählte von dem “in furchtbarem Stil geschriebenen” einzigen Roman ihres Onkels, des Raketenpioniers Wernher von Braun. In dem 1949 geschriebenen Buch “Das Marsprojekt” trage der Herrscher des Mars ausgerechnet den heute prophetisch klingenden Namen Elon.
Christina von Braun jedenfalls hat vor dem “Dark Enlightenment” der Tech-Bros keine Angst. “Für mich ist vorprogrammiert, dass das zusammenbricht. Darauf müssen wir leider noch ein bisschen warten.”
Eine andere Festwochen-Diskussion am Badeschiff ist indes laut “Kurier” abgesagt worden. Am Samstag hätte das Thema “Boycott Israel?” lauten sollen. “Es war leider unmöglich, dieses wichtige Panel ausgewogen und sinnvoll zu besetzen – die Gräben sind leider (noch) zu tief”, wird Festwochen-Intendant Milo Rau in dem Bericht zitiert.