Frauen wird oft spät zu HIV-Test geraten

31.08.2026 • 05:00 Uhr
Frauen wird oft spät zu HIV-Test geraten

Frauen wird oft erst spät zu einem HIV-Test geraten. Ärztinnen und Ärzte würden bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) oder Drogen nehmen, früher an die Möglichkeit einer Infektion mit dem HI-Virus denken. Frauen seien häufig schon krank oder zuvor der Partner positiv getestet, wenn sie einen Test angeboten bekommen, berichteten die Medizinerin Katharina Grabmeier-Pfistershammer und Aids-Hilfe-Wien-Geschäftsführerin Andrea Brunner. Sie forderten mehr Bewusstsein dafür.

Der Grund, warum Frauen in der Gruppe der späten Diagnosen dennoch “nicht so aufploppen”, ist, weil ein HIV-Test in der Schwangerschaft im Eltern-Kind-Pass enthalten ist. Ungefähr ein Viertel der Frauen, die mit HIV leben, haben ihre Diagnose in der Schwangerschaft erhalten. “Durch dieses Screening werden Frauen mit HIV, die aber noch keine Symptome einer HIV-Infektion haben, entdeckt”, betonte Grabmeier-Pfistershammer. “Aber wenn eine Frau aus dieser Lebensphase heraußen ist, dann hat sie wirklich keine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, einen HIV-Test angeboten zu bekommen.” Infizierte Frauen finden zudem weniger ebenfalls betroffene Frauen zum Reden, als beispielsweise homosexuelle Männer, erläuterte sie in dem vom Pharmaunternehmen Gilead initiierten Gespräch mit der APA. Am 4. September ist Welttag der sexuellen Gesundheit.

“Normalisiert darüber sprechen”

Bestimmte Risikogruppen von Frauen, etwa aus Subsahara-Afrika, seien schwer zu erreichen, erläuterte Grabmeier-Pfistershammer, die am AKH/MedUni Wien tätig ist. Unter ihnen sei das Stigma einer HIV-Infektion noch höher als bei anderen Menschen. Frauen und Männer aus diesen Communitys müssten in Österreich besser mit Präventions- und Informationsmaßnahmen versorgt werden. “Es funktioniert zum Teil”, ergänzte Brunner. Es gebe Pastoren in den Kirchen der Communitys, die zulassen, dass Experten dort hinkommen, Informationsmaterial auflegen und in den Sprachen der Betroffenen verständlich kommunizieren.

Allgemein müssten die Kanäle, wo Menschen bereits medizinisch angebunden sind, besser genutzt werden, empfahl Grabmeier-Pfistershammer. Bei Frauen seien das am ehesten die Gynäkologinnen und Gynäkologen. Das Reden über sexuelle Gesundheit ist insgesamt wichtig, sagte Brunner. Es gehe darum, “normalisiert darüber zu sprechen, dann normalisiert man auch das Leben damit”. Zudem brauche es niederschwellige und wenig stigmatisierte Zugänge zu Testmöglichkeiten, forderte die Aids-Hilfe-Wien-Geschäftsführerin.

417 Neudiagnosen im Vorjahr

Generell ist das Durchschnittsalter der Menschen bei ihrer Erstdiagnose mit HIV in Österreich über die Jahrzehnte gestiegen. 417 Neudiagnosen gab es im Vorjahr. Teils wird die Infektion erst spät entdeckt. Ältere Menschen seien aber auch sexuell aktiver als früher. “Die Gesellschaft lebt Sexualität heute anders als vor 50 Jahren, es wird nur nicht darüber geredet”, sagte Grabmeier-Pfistershammer. Es gebe auch Cluster von sexuell übertragbaren Krankheiten in Pflegeheimen, erläuterte Brunner.

Eine rechtzeitige Diagnose einer HIV-Infektion und deren Behandlung kann heutzutage verhindern, dass eine daraus resultierende Aids-Erkrankung ausbricht. “Ein Mensch, der erfolgreich therapiert ist, gibt seine Infektion nicht weiter”, hielt Grabmeier-Pfistershammer fest. Bei behandelten Personen ist das Virus nicht mehr nachweisbar und dann auch nicht übertragbar. Menschen mit HIV, die frühzeitig behandelt werden, haben nahezu die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen.

Mit HIV lebende Menschen immer älter

Das trägt dazu bei, dass das mittlere Alter der mit HIV in Behandlung lebenden Personen in Österreich deutlich gestiegen ist. Waren es 2002 noch 39,2 Jahre, so wurden im Vorjahr 51,1 Jahre erreicht, zeigt die österreichische HIV-Kohortenstudie. Bei Frauen gab es einen Anstieg von 37,1 auf 50,1 Jahre. Beide Geschlechter zusammengenommen sind 26,4 Prozent der Behandelten 60 Jahre oder älter und 3,5 Prozent 75 Jahre oder älter. In Österreich leben knapp 9.000 Personen mit HIV, zeigt die Kohortenstudie-Schätzung.

Die Zahlen von sexuell übertragbaren Krankheiten steigen europaweit an. Junge Menschen würden bereits beim ersten Sex öfter nicht mit Kondom verhüten, warnte Brunner. Laut Grabmeier-Pfistershammer hat sich aber auch die Diagnosemöglichkeit verbessert, beispielsweise bei Gonorrhö, was ebenso die Zahlen steigen ließ, wie regelmäßige HIV-Tests bei Risikopersonen, die in Österreich die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zur Vorbeugung einer Ansteckung erhalten.

“Infektionen sind Grenzen egal”

Dass international die HIV-Zahlen steigen, liege vor allem an Kürzungen internationaler AIDS-Hilfe-Programme, vor allem durch die USA, sagte Grabmeier-Pfistershammer. Das treffe zunächst Länder, die die Krankheitslast besonders tragen. Es sei aber nichts, wo man in Österreich sagen könne, “das geht mich nichts an”, betonte die Medizinerin. “Das haben wir in diesem Jahrzehnt lernen müssen: Infektionskrankheiten sind Grenzen ziemlich egal und irgendwann schwappt das Ganze über”, warnte sie.

(S E R V I C E – Aids Hilfe Wien: – Straßenfest am Welttag der sexuellen Gesundheit vor dem Aids-Hilfe-Haus am Mariahilfer Gürtel: – HIV-Kohortenstudie: )