Frühgeschichte der Bantu-Sprachfamilie erforscht
Die rund 500 Sprachen umfassende Bantu-Sprachfamilie wird in Subsahara-Afrika von Hunderten Millionen Menschen gesprochen. Ein Forschungsteam aus Österreich und Italien hat nun mit aus der Genetik stammenden Methoden versucht, die Frühgeschichte der Sprachfamilie zu entschlüsseln – wobei erstmals statistisch Sprachkontakte berücksichtigt wurden. Wie sie im Fachblatt “PNAS” berichten, scheiterten sie mit diesem Ziel, konnten aber dennoch wertvolle Erkenntnisse gewinnen.
Für Igor Yanovich vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien haben Sprachen ähnlich wie Menschen Familien: “Deutsche Dialekte sind wie Geschwister verwandt, Englisch oder Niederländisch sind dagegen entferntere Verwandte des Deutschen und selbst Albanisch oder Hindi sind über viele Ecken mit dem Deutschen verwandt”, erklärte der Sprachwissenschafter gegenüber der APA. Dagegen gehören etwa Türkisch, Ungarisch oder Japanisch zu anderen Sprachfamilien. Um zu verstehen, warum sich einige Sprachfamilien wie etwa die indoeuropäische (zu der auch das Deutsche gehört) weit verbreiten, während andere lokal begrenzt bleiben, sei es notwendig, ihre Frühgeschichte zu verstehen.
Interessant auch für Archäologie und Humangenetik
Die mehreren hundert Bantu-Sprachen, die von Kamerun über Somalia bis Südafrika gesprochen werden, weisen viele Gemeinsamkeiten auf. Sprachhistoriker gehen davon aus, dass diese Sprachfamilie erst mehrere tausend Jahre alt ist. Die große Verbreitung der Sprachfamilie deute auf einen großräumigen Expansionsprozess hin, schreiben die Forscherinnen und Forscher in ihrer Arbeit. Wie diese Expansion ablief, ist nicht nur für die Sprachwissenschaft interessant, sondern auch für die Archäologie oder die Humangenetik relevant.
Um mehr über die Anfangsphasen der sprachlichen Ausbreitung der Bantu zu erfahren, hat Yanovich gemeinsam mit Genetikerinnen und Genetikern der Universität Ferrara (Italien) versucht herauszufinden, in welche Zweige die Bantu-Sprachfamilie ursprünglich unterteilt war – so wie es in der indoeuropäischen Sprachfamilie etwa germanische, romanische oder iranische Zweige gibt. Dabei stand das Forschungsteam vor mehreren Problemen: So ist der Wissensstand über afrikanische Sprachen vergleichsweise gering: “Für manche Bantu-Sprachen besteht die einzige Information, die wir haben, lediglich aus einer kurzen Liste mit der Aussprache von etwa hundert oder zweihundert Wörtern”, so Yanovich.
Bantu-Sprachzweige dürften Kontakt nie verloren haben
Ein weiteres Problem betreffe speziell Bantu: Bei der Aufspaltung einer Sprachfamilie können Zweige etwa aufgrund großer geografischer Entfernung sozial weitgehend voneinander getrennt bleiben. Aufgrund unterschiedlicher Prozesse des Sprachwandels im Laufe der Jahrhunderte führt dies zu unterschiedlichen Grammatiken und Wortschätzen. “So kam es, dass sich das Deutsche im Laufe mehrerer tausend Jahre deutlich von Verwandten wie dem Armenischen oder Griechischen unterschied”, erklärte der Sprachwissenschafter. Bei den Bantu-Sprachen dürften aber die verschiedenen Zweige den Kontakt nie ganz verloren haben, und einzelne Wörter und grammatikalische Eigenschaften wurden zwischen den verschiedenen Zweigen ausgetauscht.
Für die Erstellung eines Stammbaums der Sprachfamilie macht es all das schwierig zu unterscheiden, welche Eigenschaften der heutigen Bantu-Sprachen auf eine mögliche Zugehörigkeit zum selben ursprünglichen Zweig zurückzuführen sind und welche auf Sprachkontakte. Die in den vergangenen Jahren angewendeten statistischen Methoden zur Untersuchung der Struktur von Sprachfamilien, die auf Methoden zur Analyse der Geschichte biologischer Arten anhand genetischer Daten aufbauen, würden allerdings davon ausgehen, dass nach den ursprünglichen Aufspaltungen von Sprachzweigen keine späteren Sprachkontakte stattfänden.
Sprachkontakte als Regel
Yanovich und sein Team haben für ihre Untersuchung mathematische Theorien aus der Genetik herangezogen, die in dieser Weise bisher noch nicht auf Sprachwandel angewendet wurden. “Dabei behandelten wir Sprachkontakte nicht als Ausnahme, sondern als Regel”, betonte der Sprachwissenschafter. Das Ergebnis klingt vordergründig wie ein Scheitern: “Wir können aus den verfügbaren Daten nicht ableiten, welche anfänglichen Spaltungen die Bantu-Sprachfamilie durchlaufen hat”, so Yanovich.
Das Forschungsteam sieht darin dennoch ein “positives Ergebnis, weil wir auch den Grund dafür herausgefunden haben”. So konnten die Forscher präzise die Rate der sogenannten lexikalischen Innovationen (sie gibt an, wie viele Wörter alte ersetzen) ebenso abschätzen wie die Raten des Sprachkontakts. In Summe seien beide so hoch, dass sie die meisten Anzeichen der ursprünglichen Aufspaltung in separate Zweige ausgelöscht haben.
Yanovich ist zuversichtlich, dass sich mit mehr Primärforschung in Afrika bessere Daten gewinnen lassen und es dann möglich sein könnte, Fragen zur Vorgeschichte der Sprachfamilie zu klären. So wäre etwa eine fundierte Rekonstruktion der historischen Phonologie, also der allmählichen Änderung von Lauten in den verschiedenen Bantu-Zweigen, notwendig, die bisher weitgehend fehle. Zudem sei ein besseres Verständnis von verschiedenen Arten von Sprachkontakten notwendig. So wisse man bereits, dass Sprachkontakte in verschiedenen Gesellschaften auf der Welt ganz unterschiedlich ablaufen, “doch wir beginnen erst, diese Unterschiede zu verstehen”.
(S E R V I C E – Link zur Studie: )