“Future of Fact Checking”: Medienbildung zum Wohlfühlen
Medienbildung steht angesichts von KI-Chatbots, einer Desinformationsflut und Hass im Netz hoch im Kurs. Die zum mittlerweile vierten Mal von der APA – Austria Presse Agentur in Wien abgehaltene Konferenz “Future of Fact Checking” befasste sich am Dienstag damit, warum Menschen für Desinformation anfällig sind, welche Tools zur Abwehr zur Verfügung stehen und wie Medienbildung gegenwärtig in der Praxis funktioniert.
APA-Geschäftsführerin Maria Scholl bezeichnete das Motto “Demokratie braucht Medienbildung” in einer Zeit, in der Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) Medien und Bildung auf den Kopf stellen, in ihren Grußworten als “logisch”. Ihre Kinder seien mittlerweile “wahnsinnig skeptisch” und würden regelmäßig nach der Quelle fragen. “Wir brauchen Skepsis. Aber dringender brauchen wir Journalismus. Und noch dringender brauchen wir Vertrauen, das sich nach ein bisschen gesunder Skepsis einstellt”, mahnte Scholl. Die Gesellschaft sei auf Geschichten, die auf Fakten basieren, auf Meinungen, die auseinandergehen, aber im Kern auf einer gemeinsamen Realität basieren, und auf unmittelbare Zeugenschaft von Dingen angewiesen. In den vergangenen 20 Jahren sei in Österreich aber in etwa ein Drittel der journalistischen Arbeitsplätze verloren gegangen. “Um das zu kompensieren, brauchen wir breite Allianzen”, so Scholl.
Buchegger: “Generationen zusammenbringen”
Bei einem Panel zum Thema “Warum Medienbildung?” bestätigte Barbara Buchegger, Leiterin Research & Innovation am österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT), dass Kinder heutzutage skeptisch seien und Kompetenz darin hätten, Dinge zu ignorieren. Sie hätten aber keine Kompetenz darin zu wissen, wo man nachschauen oder nachfragen kann, um etwas zu überprüfen. Anderen Generationen fehle dagegen mitunter das Bauchgefühl dafür, ein möglicherweise manipuliertes Bild richtig einzuschätzen, weil sie gelernt hätten, dass es sich um einen Beweis handle. “Wir müssen die Generationen zusammenbringen”, sagte Buchegger.
Manuela Grünangerl, Kommunikationswissenschafterin an der Uni Salzburg, sprach von einem “hohen Bewusstsein für Desinformation” in der Bevölkerung. Aber das bedeute nicht, dass alle gut darin seien, Fake News auch zu erkennen. Es gebe jedenfalls nicht die eine Gruppe, die besonders gut damit zurechtkomme.
Qualitätsjournalismus für das psychische Wohlbefinden
Warum aber ist man überhaupt so anfällig für Desinformation? Menschen seien bequem und würden nur hinter die Kulissen blicken, wenn sie die Ressourcen und Kompetenz dafür hätten, erklärte der Psychologe Oliver Scheibenbogen (Sigmund Freud Privatuniversität). Interessanterweise habe Qualitätsjournalismus einen leicht positiven Effekt auf das psychische Wohlbefinden – selbst im Falle negativer Nachrichten. Auf Social Media mit den dort ansässigen Influencern sei das nicht der Fall. Dort bestehe viel seltener Wahlfreiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden, erklärte Scheibenbogen. Dass Leute dennoch stundenlang auf Social Media scrollen und ihr Wohlbefinden dadurch gefährden, hänge mit den dahinterstehenden Algorithmen zusammen.
Medienkompetenzplattform “CheckBar”
Bei der Konferenz wurde auch die APA-Medienkompetenzplattform “CheckBar” vorgestellt. Diese richtet sich primär an Jugendliche sowie Lehrende und ist gratis zugänglich. Der Grundgedanke: “Alles ist checkbar, und jeder kann lernen, Fake News zu enttarnen”, erklärte Tina Schwaha vom APA-Faktencheckteam. Die Plattform wartet mit mehreren Modulen – von der Einführung in Journalismusgrundlagen bis hin zu Übungen zum Umgang mit nützlichen Werkzeugen zur Erkennung von KI-Inhalten – auf. Auch Unterrichtseinheiten stehen auf der Lernplattform bereit.
Vanessa Bitter von der Nachrichtenkompetenz-Initiative “UseTheNews” merkte an, dass es viele verschiedene Angebote gebe, was für “große Orientierungslosigkeit” bei Lehrkräften sorge. Sie müssten zusammengeführt und gut aufbereitet zur Verfügung gestellt werden. Zudem müsse man bei Medienkompetenz fächerübergreifend denken – und nicht nur in einem Schulfach. Dass es sich um eine interdisziplinäre Angelegenheit handelt, sieht auch Johannes Knierzinger, Geschäftsführer des Forums Medienbildung und Lehrer für das junge Fach Digitale Grundbildung, so. Dennoch brauche es unbedingt ein eigenes Fach mit ausreichend Ressourcen und Lehrkräften, die darauf spezialisiert seien. Er betonte, dass Medienunterricht niemals in “Produktschulungen” enden dürfe – wie gegenwärtig vielfach bei Digitale Grundbildung der Fall.
Führerschein gegen das Social-Media-Verbot
Bettina Emmerling, Wiener Vizebürgermeisterin und Bildungsstadträtin (NEOS), zeigte sich froh, dass zuletzt Bewegung in Sachen Unterrichtsfach Medienbildung und Demokratie gekommen sei. Ab 2027/28 soll es in AHS-Oberstufen unterrichtet werden. Dass Digitale Grundbildung sehr “informatiklastig” sei, stimme zwar, das Fach befinde sich aber im Wandel, meinte sie. Und es gebe auch Lehrende, die nicht nach “Microsoftlogik” unterrichten würden, sondern engagiert mehr in den Unterricht hineinnehmen würden.
Das geplante Social-Media-Verbot erachtet Emmerling als wichtig. Schließlich fördern die Plattformen “enormes Suchtverhalten”. Dass sich junge Menschen mittlerweile vorrangig über Social Media informieren – wie Bitter anmerkte -, dürfe kein Grund sein, auf das Verbot zu verzichten. “Informationsbeschaffung kann online auch gut über andere Wege erfolgen”, sagte die Bildungsstadträtin. Florian Schmidt, Leiter des APA-Faktencheck-Teams, regte eine Art Führerschein an, der bei Erwerb erlaube, Social Media früher zu verwenden.
Puntigam: Kinder erreichen, bevor sie Globuli bekommen
Die von Scholl angesprochenen Allianzen können neben dem Bildungs- und Wissenschaftsbereich bis in den Kabarettbereich reichen. Martin Puntigam beschäftigt sich mit den “Science Busters” seit Jahrzehnten damit, wissenschaftliche Fakten mit Humor zu vermitteln. Wie erzählt man aber von Fakten und Wissenschaft, wenn “Irrationalität, Irrsinn und Brutalität Status quo an vielen Orten sind?”, fragte er sich im Rahmen einer Keynote. Eine Möglichkeit von vielen: “Die Kinder erreichen, bevor sie das erste Mal von den Eltern Globuli bekommen”, sagte Puntigam mit Blick auf das Format “Pezi und die Science Busters” in der Wiener Urania.
Er stützt sich prinzipiell gerne auf die “3-V-Regel”: “Vereinfachen, verkleiden, verköstigen”. Wissenschaftliche Studien vereinfachen sei nötig, aber eine schwierige Aufgabe. Man müsse bremsen, bevor es beginnt, falsch zu werden, so Puntigam über die Gratwanderung. Mit Schaueffekten und Kostümen lasse sich alles besser vermitteln – also gerne mal eine Rakete starten oder Popcorn rauchen. Wichtig sei auch, nicht nur von der Kanzel zu predigen, sondern zu schauen, was die Leute eigentlich wissen wollen. Am besten funktioniere das bei einem “kosmischen Cocktail” oder einer “Universum-Untergangsschokolade” im Verköstigungsteil.
(S E R V I C E – )