Griechische “Iphigenie in Aulis” beeindruckte in Carnuntum

Beim Welttheater-Festival Art Carnuntum im Amphitheater von Petronell hat am Freitag die griechische Theatergruppe Point Zero mit “Iphigenie in Aulis” nach Euripides eine dichte, stimmige Version des antiken Stoffes gezeigt. Ihre tragödische Reflexion über Krieg, Macht und moralische Abgründe ergab einen beeindruckenden Abend.
Nach den erfolgreichen Produktionen “Die Perser” und “Antigone” kehrt Regisseur Savvas Stroumpos ein weiteres Mal nach Österreich zurück. Sein Inszenierungsansatz gründet auf der Terzopoulos-Methode, die statt herkömmlicher Schauspieltechnik auf rituellen Formen einer dionysischen Bühnensprache beruht. Die Bühne selbst wirkt reduziert mit einem Kreis aus roten und weißen Wimpeln. Die Auftritte der Mitwirkenden sind von markanter, bisweilen posierender Körperlichkeit geprägt, auch Stimme und Atem werden in ungewohnter Weise eingesetzt. Immer wieder erklingen Geräusche wie von aufeinander schlagenden Schwertern. Insgesamt entsteht der faszinierende Eindruck archaischen Geschehens jenseits gewohnter psychologisierender Darstellungsweisen, dafür in holzschnittartiger Schärfe.
Deutlich wird die Grausamkeit der Geschichte von Agamemnon, der seine Tochter der Göttin Artemis opfert, um günstigen Wind für seine Kriegsflotte zu erbitten. Es ist eine Grausamkeit, die ja nicht bloß einem antiken Mythos zugehört, sondern die bis in die unmittelbare Gegenwart anhält: Kriegsherren, die von der Opferbereitschaft ihrer Untertanen abhängig sind, wachsende Gewalt und moralischer Verfall, der selbst freundschaftliche und familiäre Beziehungen zerstört.
Übersetzung läuft mit
Dass die Übersetzung aus dem Griechischen ins Englische und Deutsche links und rechts der Bühne mitläuft, ist hilfreich, zwingt aber zur Entscheidung, wohin man schauen soll. Alle sechs Personen sind permanent auf der Bühne präsent. Agamemnon (Nikos Ntasis) sitzt meist im Vordergrund, stiert vor sich hin, manchmal lacht er auf wie ein Wahnsinniger. Klytaimnestra (Elli Ingiliz) kämpft gegen erstarrende Verzweiflung an. Iphigenie (Myrto Rozaki) wandelt sich von der betrogenen Braut zur opferfreudigen, ihren Tod verklärenden Heldin – eine wahrlich verstörende Entwicklung.
Intendantin Constantina Bordin gelingt es jedenfalls, das Werk ihres Vaters fortzusetzen und veritable Theaterereignisse von internationalem Rang als Gastspiele nach Carnuntum zu bringen. Das hat nichts mit üblichem Sommertheater zu tun, sondern ist ein Solitär in der heimischen Kulturlandschaft. Die Fördergeber werden das hoffentlich wertzuschätzen wissen. Das Publikum weiß es sichtlich. Von 4. bis 6. September gastieren noch Lord Chamberlain’s Men mit Shakespeares “Othello”.
(Von Ewald Baringer/APA)
(S E R V I C E – Welttheaterfestival Art Carnuntum: “Iphigenie in Aulis”, nach Euripides, Regie: Savvas Stroumpos, weitere Aufführung im Amphitheater von Petronell am 29. August, 20 Uhr. www.artcarnuntum.com )