Grüne Energieversorgung bleibt von Rohstoffimporten abhängig

Bisher ist es für Europa ein strategisches Problem, für die Energieversorgung von Erdöl- und Erdgasimporten abhängig zu sein. Aber auch nach dem Umstieg auf eine Strom-getriebene “grüne” Energieversorgung bleibt Europa auf Rohstoffimporte angewiesen, für zahlreiche, früher wenig beachtete Bergbauprodukte. Beim Großteil davon wird die Importabhängigkeit wohl dauerhaft sein, erwartet Frank Melcher, Professor für Geologie und Lagerstättenlehre an der Montanuniversität Leoben.
Das habe allerdings vor allem wirtschaftliche und soziale Ursachen. “Aus geologischen Gründen fällt mir kein mineralischer Rohstoff ein, den wir in Europa nicht in ausreichender Menge hätten”, sagte Melcher im Gespräch mit der APA. Derzeit seien die Rohstoffe aber noch viel zu billig für die Förderung in Europa.
Außerdem müsste die Akzeptanz des Bergbaus in der Gesellschaft steigen. Schon jetzt gebe es einige Vorkommen, insbesondere in Skandinavien, deren Abbau sich rechnen würde, die aber wegen Widerstands in der lokalen Bevölkerung nicht aufgeschlossen werden. “Dass wir diese Rohstoffe in unserer europäischen Geologie nicht haben, ist ein absoluter Quatsch. Die Frage ist, können wir sie wirtschaftlich gewinnen? Und dürfen wir es, und wollen wir es? Und ich glaube, am wollen scheitert es ein bisschen.”
10 Prozent Selbstversorgung schon ambitioniert
Die EU hat das Ziel ausgerufen, bis 2030 bei einigen Dutzend kritischen und strategischen Rohstoffen eine zehnprozentige Eigenversorgung zu erreichen. Das sei ambitioniert und mittel- bis langfristig erreichbar, jedoch in den meisten Fällen nicht in dieser sehr kurzen Zeit, meint Melcher. Man müsse bedenken, dass Bergbauprojekte in Europe meist 20 bis 30 Jahre Vorlaufzeit haben.
Zu den von der EU als kritisch beziehungsweise strategisch definierten Rohstoffen gehören das inzwischen allgemein bekannte Lithium, einige der 17 als “seltene Erden” zusammengefassten chemischen Stoffe, aber auch weniger bekannte Elemente wie Gallium, Germanium oder das als Gift in die Literatur eingegangene Arsen. Dieses ist für die Halbleiterproduktion wichtig, erinnert Melcher.
Bei Lithium, das wegen seiner Nutzung in Batterien viel diskutiert wird, könnte Europa wenigstens die zehn Prozent Selbstversorgung “gerade so” schaffen, wenn die fünf derzeit am weitesten fortgeschrittenen Abbauprojekte tatsächlich realisiert werden, sagt Melcher.
Bei Kupfer sei das Ziel dank großer Investitionen in Polen bereits erreicht. Bei Graphit sei es möglich, bei Platin “vielleicht”, bei anderen Rohstoffen wie Kobalt oder Nickel sehr wahrscheinlich nicht. Dabei gehe es bei manchen Stoffen weltweit um kleine absolute Mengen, teils nur um “ein paar Hundert oder ein paar Tausend Tonnen” jährlich. Könne man ein oder zwei Bergwerke eröffnen, sei man da rasch gut dabei.
Wahres Potential Europas nicht erhoben
Allerdings wisse man in Europa nicht genau, welche Rohstoffe in welchen Mengen vorhanden wären. Oft seien nur alte Daten über Reserven – also wirtschaftlich und technisch abbaubare Vorkommen – vorhanden. Eine von der EU zusammengetragene Karte der Ressourcen sei unvollständig, weil nicht alle Mitgliedsländer ihr Potential in gleichem Ausmaß bekanntgegeben haben.
Spätestens seit dem zweiten Weltkrieg habe sich Europa aus der Erzgewinnung stark zurückgezogen. Man könne durchaus sagen, Europa habe die Entwicklung mit dem Bedeutungsgewinn von Rohstoffen verschlafen. Als er in den 1990er-Jahren ins Berufsleben eingestiegen sei, seien zwar Minen in Afrika und Südamerika erkundet worden, am Abbau in Europa habe es aber kein Interesse mehr gegeben. Auch hätten sich europäische Firmen zunehmend aus der Rohstoffproduktion zurückgezogen. Man habe die großen Mengen an Abraum und Aufbereitungsrückständen lieber in anderen Ländern gelassen und sich auf den Import der aufbereiteten Rohstoffe konzentriert.
Das habe dazu geführt, dass auch das Know-how für bestimmte Aufbereitungs- und metallurgische Verfahren ins Ausland abgewandert sei – insbesondere nach China. Bis Europa also unabhängiger werden kann, seien nicht nur die Vorlaufzeiten von 20 bis 30 Jahren für Minenprojekte zu bedenken, sondern auch die fehlenden Kapazitäten zur Weiterverarbeitung. Melcher zeigt in dem Zusammenhang auf Grönland, wo große Rohstoffvorkommen schlummern und das von US-Präsident Donald Trump beansprucht wird: “Erstens wird es mindestens 20 bis 30 Jahre dauern, bis dort Seltene Erden abgebaut werden, und dann wird es trotzdem nach China verschifft werden müssen, weil sie die Technologie und die Patente zur Veredelung haben.”