Hälfte der Notarzteinsätze nicht notwendig

11.06.2026 • 13:32 Uhr
Hälfte der Notarzteinsätze nicht notwendig

In rund 20 Prozent der Notarzteinsätze in Österreich ist keine notärztliche Maßnahme erforderlich und in mehr als 50 Prozent nicht einmal eine andere ärztliche Maßnahme. Aufgrund dieser Studienlage und wiederkehrender Berichte, Notärzte würden zu spät kommen, hat die Plattform Notfallmedizin am Donnerstag die Erneuerung des Sanitätergesetzes (SanG) gefordert. “Notärzte müssen dort verfügbar sein, wo Menschen wirklich um ihr Leben kämpfen”, hieß es bei der Pressekonferenz.

Die Plattform Notfallmedizin vernetzt notärztliche Organisationen in Österreich. Mitwirkende Gesellschaften sind die ÖGARI (Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin), die AGN (Arbeitsgemeinschaft Notfallmedizin Steiermark), die ÖNK (Österreichische Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin), die INO (Interessengemeinschaft Notärztinnen und Notärzte Oberösterreich), sowie die IGNI (Interessengemeinschaft Notfallmedizin Innsbruck).

Hoher Versorgungsgrad

“Wir haben derzeit 120 Notarztfahrzeuge im Dienst, die 24/7 besetzt sind”, sagte Helmut Trimmel von der ÖGARI. Hinzu kommen je nach Jahreszeit 29 bis 40 Notarzthubschrauber, berichtete der Mediziner von einer im internationalen Vergleich hohen Versorgung in Österreich. Gleichzeitig gebe es einen Mangel an Notärztinnen und Notärzten in vielen Regionen und “heftige Diskussionen” darüber, dass Notärzte zu spät kämen. Offensichtlich sei der Notarzt “mit anderen Dingen beschäftigt, als das, wofür er eigentlich ausgebildet ist”, verwies er auf wissenschaftliche Studien.

So wurden von der ÖGARI an einem Tag im Oktober 2024 alle Notarzteinsätze in Österreich erfasst und analysiert. Notärztliche Maßnahmen waren dabei sehr selten. Beispielsweise brauchten nur 3,3 Prozent der Patientinnen und Patienten eine Intubation, ebenso viele eine Reanimation und nur vier Prozent eine Schockbehandlung. Österreich habe ein “hoch qualifiziertes Notarztsystem”, aber viele Einsätze, für die es keine Notärzte brauche, betonte Trimmel. “50 Prozent der Einsätze, die wir mit einem Notarzt beschicken, brauchen keinen Notarzt.”

Sanitätsausbildung verbessern

“Wenn wir diese 50 Prozent von Sanitäterinnen und Sanitätern betreuen lassen wollen, brauchen wir eine verbesserte Ausbildung der Sanitäter und deshalb ist eine Reform des Sanitätergesetzes ganz dringend erforderlich”, sagte Mario Krammel, ÖNK-Präsident und Chefarzt der Berufsrettung Wien. In Graz gibt es ein abgestuftes System mit einem sogenannten Notfallwagen mit speziell ausgebildeten Sanitätern als Zwischenstufe nach dem Rettungswagen und vor dem Notarztwagen, berichtete Gerhard Prause von der AGN. Graz habe damit – gemessen an der Einwohnerzahl – nur etwa ein Drittel der Notarzteinsätze im Vergleich zum Wert von Gesamtösterreich, nannte er ein Modell mit mehr Effektivität und weniger Kosten.

Auch die Sanitäterinnen und Sanitäter würden auf das neue Gesetz warten, erläuterte Clemens Kaltenberger, Präsident des Bundesverbands Rettungsdienst (BVRD). Das Sanitätergesetz erlaube derzeit nur Hilfstätigkeiten. Die Realität sehe aber anders aus. Es gebe in allen Bereichen “Kolleginnen und Kollegen, die mehr als das, was im Gesetz steht, leisten, die sich weiterbilden und auch für den Patienten ihre Freizeit aufbringen, um eine entsprechende Weiterqualifikation zu erreichen.”

Viel Fluktuation bei Sanitätern

In Österreich gibt es rund 50.000 Sanitäter, davon bräuchte es ungefähr 10.000, die eine höhere Ausbildung mitbringen, “um systemwirksam zu sein”, sagte Kaltenberger. Das bringe ein Einsparungspotenzial von über 800 Millionen Euro jährlich im Gesundheitssystem. Gleichzeitig verlassen rund 10.000 Sanitäter jährlich ihren Beruf, darunter seien zwar viele Zivildiener, dennoch müsse damit etwa alle fünf Jahre der gesamte Rettungsdienst in Österreich neu ausgebildet werden, rechnete Kaltenberger vor. Je höher Mitarbeiter im Rettungsdienst ausgebildet sind, desto länger bleiben sie, betonte er.

In den Nachbarländern ist eine dreijährige Notfallsanitäterausbildung “längst Standard”, oft im Rahmen eines Bachelorstudiums, berichtete Manuel Winkler von der IGNI. “Eine Reform in Österreich, die keine dreijährige Ausbildung vorsieht, wäre eine Reform in die Vergangenheit”, sagte er. Es gebe ein Commitment der Gesundheitssprecher aller Parlamentsparteien für eine Novellierung des mehr als 20 Jahre alten Sanitätergesetzes, erläuterte Trimmel. Der Weg dahin sei aber aufgrund des Föderalismus “sicherlich schwierig”.