Harald Sicheritz: “Man muss eine neue Sprache finden”

29.09.2026 • 06:35 Uhr
Harald Sicheritz: "Man muss eine neue Sprache finden"

Harald Sicheritz (68) hat mit Filmen wie “Muttertag” (1993) und “Hinterholz 8” (1998) sowie mit Serien wie “MA 2412” und “Vorstadtweiber” österreichische Film- und Fernsehgeschichte mitgeschrieben. Nun legt er mit “Bruno – Der junge Kreisky” einen Film vor, der sich einer Ikone der heimischen Sozialdemokratie und der Ersten Republik widmet. Im APA-Interview erklärt er persönliche und historische Hintergründe.

APA: Herr Sicheritz, Sie haben einen Film über “den jungen Kreisky” gedreht. Welche Rolle hat “der alte Kreisky” in Ihrem Leben gespielt?

Harald Sicheritz: Als er 1970 Bundeskanzler wurde, war ich in der zweiten Klasse Gymnasium. Als wir dann aus den Sommerferien wiederkamen, waren die alten Nazi-Damen und Nazi-Herren aus dem Lehrkörper weg – in Pension. Auch der Direktor, der kein Mensch mit ganz sauberer Vergangenheit war, war nicht mehr da. Stattdessen saß dort ein liebenswerter Mathematikprofessor roter Couleur, der nie daran gedacht hätte, jemals Direktor zu werden. Die Demokratisierung der Schule war massiv merkbar – Stichwort “Schulparlament”. Die Geisteshaltung und die Herkunft meiner Eltern war zwar nicht ausgeprägt proletarisch, aber es war nicht vorgesehen, dass eines von uns drei Kindern studiert. Ich war dann der Erste. Der “alte Kreisky” war also tatsächlich lebensverändernd.

“Veränderung und Verklärung – es stimmt wohl beides”

APA: Den Künstlern und Kulturschaffenden wurde damals ein Angebot gemacht: Lasst uns ein Stück des Weges gemeinsam gehen! Kreisky hat sich auch immer wieder mit Literaten getroffen und ihnen zugehört. Wird das heute nicht auch ein wenig verklärt?

Sicheritz: Positive Veränderung und Verklärung – es stimmt wohl beides. Jedenfalls haben wir an der Universität eine Ahnung davon gekriegt, was im Leben wichtig sein könnte. Eine klare Haltung anzustreben, zu den Verhältnissen rundherum, ist heute ins Hintertreffen geraten. Die jungen Menschen im Film haben dagegen diese klare Haltung und riskieren auch viel dafür, um für so zeitlos wertvolle Dinge wie Freiheit und Demokratie zu kämpfen.

APA: Wir leben in Österreich zwar in manchen Bereichen noch immer in einem Parteienstaat, aber die vormaligen Großparteien erodieren und haben große Nachwuchsprobleme. Was lässt sich dagegen tun?

Sicheritz: Man muss eine neue Sprache, einen neuen Umgang finden und die direkte Kommunikation intensivieren. Ich wurde in letzter Zeit öfter gefragt, warum wir nicht mehr solche Politikerinnen und Politiker haben wie Bruno Kreisky. Nun, er war immer eine Ausnahmeerscheinung, und die Zeiten haben sich massiv verändert. Man muss im Zeitalter sozialer Medien anders kommunizieren. Aber deutliche Antworten brauchen wir heute wie damals.

Film über den alten Kreisky zwei Mal abgelehnt

APA: Wie kommt man heute auf die Idee, einen Film über die Jugend eines Politikers zu drehen, der den heutigen Menschen kaum mehr etwas sagt?

Sicheritz: Ich habe über die Jahrzehnte zweimal ernsthaft versucht, einen Spielfilm zu machen, der in der Ersten Republik angesiedelt war. Das ist beide Male gescheitert, doch das Thema blieb mir präsent. Und zweimal wurde ich gefragt, ob ich einen Film über den alten Kreisky machen möchte, und ich habe beide Male abgelehnt. Als dann mein alter Bekannter Fritz Schindlecker mit der Idee kam, die Jugend des wohl wichtigsten österreichischen Nachkriegspolitikers zu erzählen, wurde uns rasch klar, dass man damit ja eigentlich auch die Geschichte der Ersten Republik erzählt. Und so entstand nach jahrelangen (Finanzierungs-)Mühen der Film “Bruno – Der junge Kreisky”.

APA: Sie haben ins Drehbuchteam noch Helene Maimann dazu genommen, die mit ihren großen Sozialdemokratie-Ausstellungen Geschichte geschrieben hat. Sieht man den Film, hat man aber das Gefühl, Dichtung und Wahrheit halten sich die Waage.

Sicheritz: Das täuscht. Die bis ins Detail wahre Geschichte vom jungen Kreisky ist so abenteuerlich, dass wir – unter der ideenreichen und strengen Aufsicht von Helene Maimann – eher weggelassen als dazuerfunden haben. Einzig bei manchen Figuren wie seiner großen Liebe Adele, der Arbeiterin Sissi und seinem Widersacher Sepp haben wir uns dramaturgische Verdichtungen erlaubt. Aber ansonsten ist das, was in diesem Spielfilm passiert, nicht nur inspiriert von seinem Leben, sondern eins zu eins das, was die Quellen sagen. Und davon gibt es viele. Bruno Kreisky ist, denke ich, der bestdokumentierte Österreicher des 20. Jahrhunderts – allerdings nur in der Fachliteratur und nicht im Film.

In einer Adolf-Loos-Wohnung gedreht

APA: Wie sind Sie auf Nils Arztmann als Besetzung für die Hauptrolle gekommen?

Sicheritz: Nils war einer der Letzten, die in unseren Fokus gerieten. Weil er Nils Arztmann heißt, war ich mir sicher, dass er Deutscher ist. Er ist aber ein Wiener. Und weil es nicht primär um die Suche nach einem Lookalike ging, sondern darum, jemanden zu verstehen und zu verkörpern, hat Nils mich überzeugt.

APA: Kreiskys Herkunft war großbürgerlich, nicht proletarisch. Die Wohnung, in der Sie die Szenen mit seinen Eltern gedreht haben, ist beeindruckend.

Sicheritz: Die Kreiskys hatten immer einiges Dienstpersonal, da haben wir eher untertrieben. Wir durften in einer weitgehend unbekannten Adolf-Loos-Wohnung drehen. Der dort ansässige Wiener Bridge Club hat uns dabei geduldig unterstützt.

APA: Bei manchen historischen Szenen wie dem Justizpalastbrand, der ganz zentral war für das politische Erwachen dieses eigentlich sehr bürgerlich aufwachsenden jungen Mannes, arbeiten Sie mit Entfärbungen und starker Verdichtung, anstatt mit historischem Material. Warum?

Sicheritz: Weil diese von uns “Flashes” genannten Erinnerungen mehr sind als etwas Dokumentarisches. Es sind Eindrücke, mit denen Inhalte auf die darunterliegende Emotion zurückgeführt werden. Kameramann Thomas Kürzl und ich wollten, dass die visuelle Erzählform dort anders ist als im restlichen Film. Und es gibt auch ein paar Mal ganz kurze Momente, wo man ahnt, was den handelnden Personen noch passieren wird. Proschat Madani hat dazu diesen wunderbaren Satz gesagt: “Das macht die Geschichte, die du erzählst, unausweichlich – ein bisschen so, wie ein Schicksal, das sich erfüllen muss.”

Bewunderung für Otto Bauer

APA: Umgekehrt malen Sie eine Begegnung des jungen Kreisky mit dem Parteiführer Otto Bauer, gespielt von Johannes Silberschneider, geradezu pittoresk gemütlich aus – was befremdet, ist er doch eine hoch umstrittene Figur.

Sicheritz: Das mehrfache Aufeinandertreffen der beiden ist verbrieft. Die Geschichte, dass dabei Otto Bauer dem jungen Bruno geraten hat, nicht Medizin, sondern Jus zu studieren, weil die Partei gute Anwälte brauche, hat Kreisky öfter erzählt. Er hat sich – wie im Film zu sehen – ziemliche Schwierigkeiten mit seinen Genossinnen und Genossen eingehandelt, weil er ein so überzeugter Gefolgsmann von Otto Bauer war. Aus historischer Distanz lässt sich schlüssig behaupten, dass Bauer mit Fehlentscheidungen und Nicht-Entscheidungen der Partei geschadet hat. Was aber nichts daran ändert, dass Kreisky ihn als Visionär und als Theoretiker bewundert hat.

APA: Sie haben auch ein Buch zum Film herausgegeben. Sie sehen das Projekt offenbar als umfassendes Bildungsangebot?

Sicheritz: In dem Buch ist neben Fotos und Drehbuchauszügen zum Beispiel auch Material zur Entstehung der Kostüme enthalten. Ich freue mich zudem sehr, dass ich bereits die Unterlagen für Lehrer und Schüler, welche diesen Film als Unterrichtsmittel begleiten, sehen konnte.

“Man muss entschlossen auftreten”

APA: Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) hat den Film bereits gesehen. Sie sind unter den 100 Filmschaffenden, die ihn auf den unterschiedlichsten Kanälen an sein Versprechen, eine Streamingabgabe einzuführen, erinnern.

Sicheritz: Jaja, es ist das Bohren harter Bretter. Aber die wenigen Erfolge, die es bis jetzt gegen die Streamingmultis gab, entstanden daraus, dass bewundernswerte Menschen lästig geblieben sind, bis die Konzerne irgendwann mal sagten, “Okay, dann geben wir denen halt was ab.” Man muss entschlossen auftreten. Und immer wieder kundtun, dass es so, wie es im Moment ist, nicht bleiben kann. Nur so verändert man etwas. Auch das lernen wir aus der Geschichte, die der Film “Bruno – Der junge Kreisky” erzählt.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – “Bruno – Der junge Kreisky”, Premiere am Dienstag, 29. September, 20 Uhr, im Wiener Gartenbaukino, Österreich-Start am 2. Oktober. Das Buch zum Film: Harald Sicheritz (Hg); “Bruno – Der junge Kreisky”, Edition Platin, 224 Seiten mit ca. 150 Abbildungen, 26,50 Euro, ISBN: 978-3-903538-34-4 )