“Herr Teufel Faust”: Ein manischer Auftakt in Carnuntum

Ein Theater mitten in der Natur kann atmosphärisch sein, bringt aber gelegentlich Probleme mit sich. So musste der Auftakt zum diesjährigen Theaterfestival “Art Carnuntum” um einen Tag verschoben werden, weil die starken Unwetter in Niederösterreich auch durch die Spielstätte im römischen Amphitheater gezogen waren. Samstagabend konnte das Festival dann aber mit einer “Faust”-Inszenierung des Berliner Regisseurs Torsten Fischer trocken losstarten.
Die Interpretation des deutschen Literaturklassikers selbst kam dann alles andere als trocken daher, nimmt sich der unter anderem aus dem “Tatort” bekannte Dominique Horwitz als Alleindarsteller der alten Textpassagen doch in ausdrucksstarker Manier an. Mit flamboyanter Schminke, teils abstrusen Kostümen und einer überhöhten Gestik spielt er nicht nur Titelfigur Faust, sondern übernimmt auch Bestandteile des Mephisto und stellt selbst die Gretchenfrage.
Ist das noch Faust?
Anfangs mag es befremdlich wirken, wenn der Schauspieler sperrige Goethe-Texte ganz nah am Publikum und lauthals von sich gibt, während er sich mehr als nur einmal entkleidet. Allerdings schafft er es dann, auf eine sehr rohe Art gekonnt, innere Konflikte herauszuarbeiten. Faust gibt sich hier wie im Delirium, mit geradezu wahnhaften Gefühlsschwankungen. Mit einer geplagten Mimik und teils spöttischer Gestik bringt der Darsteller die gepeinigte Psyche der Charaktere ungewöhnlich, aber eindringlich zur Schau.
Tatsächlich funktioniert sein Schauspiel unabhängig vom Stoff, ist der Abend selbst doch etwas konfus. Es ist ein Schnelldurchlauf des Dramas, der ohne Grundwissen nur schwer verständlich sein dürfte. Einmal mehr zeigt sich der von Wissensgier besessene Faust zutiefst vom Leben enttäuscht, weshalb er den Pakt mit dem Teufel eingeht. Seine geliebte Gretchen zahlt mit dem Leben. Horwitz springt dabei von einem historischen Goethe-Monolog zum nächsten und wechselt unangekündigt die Figuren, während das minimalistische Bühnenbild kaum Orientierung schafft. Es geht um die Performance.
Ein Schauspieler allein auf der Wiese
Das Stück ist auf Horwitz zugeschnitten, und der 69-Jährige trägt es auch. In Carnuntum verstärkte das Ambiente diesen Fokus auf das reine Schauspiel dann noch mehr. Unter freiem Himmel inmitten der römischen Ruine blieb das Bühnenbild nämlich stark reduziert. War anfangs noch ein Stuhl auf der Wiese, wich auch dieser im zweiten Part. Horwitz konnte durch das Setting nicht nur direkt zum Publikum, sondern auch die Wiese bis zum Hügel hinter den Mauern des Amphitheaters für sich nutzen.
Gelegentlich wurden Nebelmaschinen aktiviert, Bäume beleuchtet oder dem Schauspieler kleine Requisiten und ein Mikrofon zur Verfügung gestellt. Daneben waren es Musikeinspielungen und Geräusche, die die Dynamik des Stücks per Technik dezent hervorhoben. So gab es für den alleinigen Performer am Ende viele Standing Ovations, auch wenn die Erzählung selbst kurzzeitig für Fragezeichen gesorgt haben könnte.
(Von Klaus Kainz/APA)
(S E R V I C E – “Herr Teufel Faust” beim Welttheater-Festival – Art Carnuntum im Römischen Amphitheater Petronell Carnuntum mit Dominique Horwitz, Regie: Torsten Fischer, Bühnenbild und Kostüme: Vasilis Triantafillopoulos/Herbert Schäfer. )