Kultur

Die Göttin des Rausches wird ausgebeutet

14.08.2026 • 06:00 Uhr
Bregenz, am 08.08.2026
Dionysos (Lisa Schrammel) klagt: „Ich bin der Rausch, der stets in euren Herzen pulsiert. Ich habt mich ausgenutzt, um das System auszuhalten, aufrecht zu erhalten“.
Festspiele/Mathis

Schauspielstück „unter the influence“ von Natalie Baudy feierte im Theater Kosmos Uraufführung.

Karl Marx und Friedrich Engels waren regelrecht berauscht vom historischen Optimismus, als sie 1848, noch keine 30 Jahre alt, ihr Manifest der Kommunistischen Partei veröffentlichten. Sie schwärmen in einer der bekanntesten Passagen der Schrift vom aufklärerischen Potenzial des Kapitalismus, wie es heutzutage niemand könnte: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Preisverleihung Theaterallianz an Natalie Baudy
Autorin Baudy im blauen Kleid, rechts von ihr Regisseur Krasanovsky. Mistura

Hätten die berühmten Bartträger recht behalten, hätte Natalie Baudy ihr famoses Stück „under the influence“ nie schreiben können. Es zeugt von der gemeinschaftsbildenden wie auch zerstörerischen Kraft des Alkohols, einem Systemerhalter sondergleichen.

Motto: Feiern gegen den Abgrund

Die 1990 in der Nähe von Augsburg geborene Autorin bewarb sich mit dem Stück um den heurigen Preis der Österreichischen Theaterallianz für zeitgenössische Dramatik, der dieses Jahr unter dem Motto „Tanz auf dem Vulkan – Feiern gegen den Abgrund“ stand. Neben der beachtlichen Summe von 13.000 Euro Preisgeld wird das Schauspiel in den bundesweit verteilten Spielstätten besagter Allianz aufgeführt, wobei dem Theater Kosmos in Bregenz die Ehre der Uraufführung zuteilwurde. Mehr noch, mit dem zukünftigen Leiter des Hauses, Josef Maria Krasanovsky, führte der letzte Preisträger des Bewerbs Regie. Die Produktion ist gleichzeitig Teil der Bregenzer Festspiele, kann aber noch bis zum 27. September in Bregenz erlebt werden.

Fotoprobe „under the influence”
Damit sich die drei Nachbarn Lieselott (Roswitha Soukup), Ems (Johanna Hainz) und Anja (Claudia Carus) kennenlernen, musste es erst Blut vom Himmel regnen. Festspiele/Mathis

Lösungsmittel

Wer am Mittwoch im Kosmos dabei war, konnte nicht ahnen, was für Wendungen der Abend nehmen würde. Ausgangspunkt der Handlung sind die drei Frauen Ems (Johanna Hainz), Lieselott (Roswitha Soukup) und Anja (Claudia Carus), deren Innenhof von biblischen Plagen heimgesucht wird. Doch hier wohnt weder ein Pharao, geschweige denn ein auserwähltes Volk, das von Gott befreit wird. Stattdessen schrubbt und putzt Dionysos, der griechische Gott des Rausches, und hier als Frau, das Haus. Sie bringt aber auch die Plagen und beseitigt sie wieder. So wie Homer (Simpson) über den Alkohol spricht, markiert auch sie den Ursprung und die Lösung aller Probleme, jedenfalls scheint es zunächst so.

Fotoprobe „under the influence”
Festspiele/Mathis

Schluck für Schluck

Die Türrahmen des Bühnenbilds stehen symbolisch für die privaten Räume der drei Frauen. Es musste erst Blut vom Himmel regnen, damit sich die Nachbarinnen kennenlernen. Während die junge Ems als Social-Media-Junkie nach Klicks giert, aber vor allem Spontanität und Nähe vermisst, ist Anja keck wie hart. Eindrucksvoll erzählt sie, wie sie in einer machistischen Wirtschaftswelt Karriere machte und dabei den Draht zu ihrer Tochter verlor. Lieselott repräsentiert die älteste der drei Generationen. Der Mann mag unter der Erde liegen, die Kinder sind längst ausgezogen, doch über die Jahre hat sie die Kraft, den eigenen Träumen endlich nach zugehen, verloren.

Bregenz, am 08.08.2026
Festspiele/Mathis

Stück für Stück, besser gesagt Schluck für Schluck, begreifen sie ihre Gemeinsamkeiten. Doch erst als die Kanister bis zum letzten Tropfen ausgesoffen sind, beginnen sie mit dem gemeinsamen Versuch, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Damit setzt eine komplett wahnwitzige Wendung ein, die hier nicht vorweggenommen werden sollte. Nur so viel: Es geht göttlich zur Sache, nicht unbedingt menschlich.

Bregenz, am 08.08.2026
Festspiele/Mathis

Das Stück „under the influence“ besticht mit einem vielschichtigen Blick auf die Themen Rausch, Sucht, Mythos und Glück. Auch wenn manche Passagen redundant oder in die Länge gezogen erscheinen, ist es eine Wonne, den großartigen Schauspielerinnen beizuwohnen.