Kultur

Bach, atmend und leuchtend

10.08.2026 • 11:25 Uhr
Bach Nirvana
Die kanadische Pianistin Hewitt ist seit früher Kindheit mit den Werken Bachs vertraut. Festspiele/Köhler

Angela Hewitt und Mikki Kunttu ließen die Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele mit „Bach Nirvana“ für 75 Minuten zum Zentrum einer außergewöhnlichen Verschmelzung von Musik und Ästhetik werden.

Ein schwarzer Raum, zwei Blöcke von Sitzreihen für das Publikum, in der Mitte ein Podium mit einem Konzertflügel, umgeben von einem netzartigen Gewebe: Mit der kanadischen Pianistin Angela Hewitt, dem finnischen Lichtkünstler Mikki Kunttu und dem Programm „Bach Nirvana“ wurde die Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele für 75 Minuten zum Zentrum für eine außergewöhnliche Verschmelzung von Musik und Ästhetik.

Bach Nirvana
Als bisher einzige Musikerin wurde Hewitt mit der Bach-Medaille der Stadt Leipzig geehrt. Festspiele/Köhler

Spirituelle Kraft

Ein „immersives Rezital“ wollte die Intendantin Lilli Paasikivi ermöglichen, einen Klavierabend also, in dem dank der Künstlerin die spirituelle Kraft der Musik Johann Sebastian Bachs erfahrbar wird, in dem sich sowohl die Pianistin mit ihrem wunderbar abgerundeten Spiel als auch das Publikum versenken können. Das ist schon allein durch Bachs Musik möglich, doch wie Mikki Kunttu der Musik nachlauscht, ihr einen Raum und eine Tiefendimension gibt, ohne sie zu bebildern oder zu erdrücken, zeugt von hoher Musikalität.

Licht- und Videokünstler Mikki Kunttu
Licht- und Videokünstler Mikki Kunttu. Malaska

Persönlicher Stil

Die Musik des Leipziger Thomaskantors begleitet Angela Hewitt seit frühester Kindheit, war doch ihr Vater Domorganist in Ottawa. Natürlich pflegt sie auch ein anderes, breites Repertoire, doch die Suiten und Partiten, die beiden Bände des Wohltemperierten Klaviers oder die Goldbergvariationen von Bach stehen sicher im Zentrum. Als bisher einzige Musikerin erhielt sie im Jahr 2020 die Bach-Medaille der Stadt Leipzig, das Festkonzert am Grabe Bachs in der Thomaskirche wurde coronabedingt ohne Publikum gestreamt und weltweit übertragen. Angela Hewitts Bachspiel ist stets rund, leuchtend, organisch, mit feinen Verzierungen und Trillern ausgeschmückt, warm im Klangbild und klar gemeißelt in den Fugen. Ob in den langsam fortschreitenden Sarabanden, den schwingenden Allemanden oder der harmonisch so reichen Chromatischen Fantasie, immer ist ihr Spiel getragen vom Atem. In den manchmal kaum merkbaren Verzögerungen und Beschleunigungen, die das sogenannte Rubato ausmachen, ist Hewitts so ganz persönlicher Stil eingefangen. Zur Eröffnung ihres Programms hat sie die Aria aus den Goldbergvariationen gewählt, gefolgt von Einzelsätzen aus dem weiten Kosmos von Bachs Tastenmusik. Wenn sie diese Aria auch an den Schluss setzt, hat man mit ihr, wie in den Variationen, musikalisch eine weite Reise zurückgelegt.

Bach Nirvana
Festspiele/Köhler

Wundersame Korrespondenz

Dem entsprechen auch die Farben und geometrischen Elemente, die Mikki Kunttu in dem Raum um die Pianistin herum entstehen lässt und die auf fast wundersame Weise mit der Musik korrespondieren. Hier öffnen sich Lichtbalken an den Rändern des schwarzen Kubus und schließen sich mit den letzten Tönen wieder, bis die Pianistin die Hände sinken lässt. Die klaren Strukturen, die vielen Stücken innewohnt, spiegeln sich in geometrischen Formen, Rhomben, Säulen. Manchmal entsteht ein höhlenartiges Gewölbe aus hintereinander gesetzten Lichtbögen, manchmal fliegen Blütenblätter oder bilden sich Wolken. Zu einem ruhig fließenden Stück bringt Kunttu grün-gelbe Farben, die an die skandinavischen Polarlichter erinnern, auch die gebündelte Energie einer Toccata scheint sich in den Farben zu spiegeln. Mikki Kunttu, der auch das Lichtdesign für Ballett, Theater, Zirkus und Oper gestaltet, kriecht hinein in Bachs Kosmos, unterstützt, vertieft und wirkt dabei doch eigenständig. Leider ist das Licht noch flüchtiger als die Musik, man kann es nicht festhalten – visuell orientierten Menschen mag es da anders gehen. Zusammen aber ermöglichen Kunst und Musik, Kunttu und Hewitt einen Zustand, der (vielleicht) dem Nirwana, dem Paradies, der Versenkung nahekommt.

Katharina von Glasenapp