Hightech-Checks an Frühmenschenknochen aus Austro-Grabungen

Unter Extrembedingungen haben Forschende unter der Leitung des Ende 2025 verstorbenen Wiener Anthropologen Horst Seidler in den Jahren 2000 bis 2009 Überreste von Urahnen des modernen Menschen entdeckt. Nun kamen die Zähne und Knochen erstmals von Äthiopien nach Wien, um hier mit modernsten Methoden untersucht zu werden. Für die Expertinnen und Experten hält dieses Stück österreichische Wissenschaftsgeschichte noch viele Geheimnisse bereit, die es zu enthüllen gilt.
Es waren mühsame, aber lohnende Kampagnen, die das Team in der Afar-Region im Osten Äthiopiens im Jahr 2009 abgeschlossen hat, wie sich mehrere Mitglieder der einstigen Expeditionen vor Journalisten am Biologiezentrum der Universität Wien in Wien-Landstraße erinnerten. Die zwischen etwas über fünf und rund drei Millionen Jahre alten Funde erzählen jetzt aber ein höchst spannendes Kapitel über die “Anfänge der Menschheit”, sagte Gerhard Weber vom Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien.
Nach Wien zur mikro-computertomographischen Analyse
Seit über einem halben Jahr hat er sich zusammen mit dem Kurator Sahleselasie Melaku Azene vom National Museum Äthiopiens darum bemüht, die Funde nach Wien zu holen. Dies sind insgesamt zehn Zähne, ein gut erhaltener Teil eines Oberschenkels – laut Weber das “Starfossil” -, ein Teil eines kindlichen Oberarms sowie ein Mittelfußknochen. Dafür brauchte man sogar das Okay des zuständigen Ministers und viel Hilfe seitens der österreichischen Botschaft, wie der Kurator erklärte, der auch die versicherungstechnisch heikle Reise mit einer markanten Box mit uraltem Inhalt antrat.
Acht Tage lang hatte man nun Zeit, die Funde hier vor allem mikro-computertomographisch zu vermessen. Das kann man in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba nicht. Wien hingegen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der Zentren der anthropologischen Forschung gemausert. Als Dach fungiert der Forschungsverbund “Human Evolution & Archeological Sciences” (HEAS).
“Zusammenkehren der Wüste”
Das “Hineinschauen in die Funde ist wichtig”, so Weber über die Überreste, die in Kleinarbeit unter teils schwierigen Sicherheitsbedingungen nahe dem Mount Galili in wüstenartigen Sedimenten genommen wurden. Teils wurden die Artefakte an der Oberfläche beim “Zusammenkehren der Wüste” gefunden, teils hieß es zu graben – und zwar bei Temperaturen bis um die 40 Grad Celsius. “Wir waren zehn Jahre im Feld und haben als erste österreichische Expedition überhaupt in Ostafrika solche Funde gemacht”, so Weber.
Mit den Überresten kann man nun eine besonders interessante Zeit fassen und “der Evolution in einem kleinen Gebiet zuschauen”. Aus Ardipithecus ramidus, einem schimpansen-ähnlichen Menschenaffen, der schon den Weg in Richtung Frühmensch eingeschlagen hatte, wurde in dem Zeitraum Australopithecus afarensis. Damals lichtete sich die Region klimaveränderungsbedingt. Es wurde kühler und trockener und der dichte Wald lockerte auf. Die Menschaffen mussten mit der Veränderung umgehen und waren mehr und mehr auf zwei Beinen und weniger in den Bäumen unterwegs.
Einblicke in Umwelt, Diät und Klima
Wie sich das Gangbild weiterentwickelt hat, lässt sich anhand der erhaltenen inneren Knochenstruktur nachvollziehen, die die Scans zeigen, ohne dass der Knochen zerstört wird. Auch die Muskelansätze auf der Oberfläche verraten viel, erklärte Bence Viola, einst Expeditionsmitglied und heute an der Uni Toronto (Kanada) tätig.
In den Zähnen steckt sehr viel Information: So wurde in der Zeit zwischen fünf und drei Mio. Jahren der Zahnschmelz markant dicker. Unsere Vorfahren hatten also ihre Ernährung auf Kost umstellen müssen, die die Zähne viel mehr forderte und den Abrieb erhöhte. Übrigens waren die 30 bis 50 Kilogramm schweren “Schimpansen, die aufrechter gehen”, bei weitem noch keine Jäger: Bis auf vermutlich etwa Aas ernährten sie sich pflanzlich. Wie und wo der Zahnschmelz ausgeprägt und abgenutzt war, sagt schon einiges über die Lebensumstände aus. Mit Kolleginnen und Kollegen von der Harvard University (USA) und vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam untersucht man aber auch noch die Isotopenzusammensetzung in Zahnproben. Daraus lässt sich die einstige Diät und das frühere Klima ableiten, so die Expertinnen und Experten.
Auf dem Weg Richtung Menschwerdung
Insgesamt hatten die Menschenvorfahren kein leichtes Leben: Laut Weber waren sie weder schnell zu Fuß, noch konnten sie so gut klettern wie noch ihre Vorgänger. Ebenso hatten sie keine wehrhaften Eckzähne. Um sich in der von Löwen oder Leoparden geprägten Umwelt durchzusetzen, mussten sie anderwärtig aufstocken: So hatten die Australopithecinen vermutlich schon etwas größere Gehirne als heutige Schimpansen und lernten, besser zusammenzuarbeiten. Ebenso gibt es Belege für ersten Werkzeuggebrauch in der Zeit vor um die drei Mio. Jahre. Man befinde sich hier also tatsächlich in einer sehr wichtigen Zeit der Menschwerdung.
Bei den nunmehrigen Untersuchungen in Wien wolle man den Steuerzahlern als Unterstützer der Forschung die Chance bieten, mittelbar über die Medien “live dabei zu sein, wie Wissenschaft entsteht”, so Weber. Um die uralten Funde digital zu durchleuchten, müsse man jedenfalls viele Tricks anwenden. Dann geht es an die Analyse und Interpretation und im kommenden Jahr soll eine wissenschaftliche Publikation folgen.
“Sehnsucht nach Äthiopien”
Was eher nicht kommen wird, ist eine weitere Expedition in die Afar-Region in absehbarer Zeit. Das liegt aber nicht daran, dass dort nichts mehr zu finden wäre, erklärten auch die “Fossilienjägerinnen” Andrea Stadlmayr vom Naturhistorischen Museum (NHM) Wien und Katrin Schäfer von der Uni Wien. In der Region driften zwei tektonische Platten auseinander und geben genau jene interessanten Bodenschichten frei, die so tief in die beginnende Menschen-Evolution blicken lassen. Doch leider sei es dort immer gefährlicher geworden. Schon vor über 15 Jahren wurde das Team Zeuge von Schießereien – ohne ortskundige und bewaffnete Guides ging nichts. Mittlerweile spreche das Risiko eindeutig gegen Arbeiten im Feld. Die “Sehnsucht nach Äthiopien” sei ihr aber geblieben, sagte Schäfer. Nicht vergessen sollte man auch, dass das Team um Horst Seidler in den Dörfern des ansässigen Issa-Clans einiges angestoßen habe, wie etwa das Graben von Brunnen. Manche der Verbindungen haben noch lange fortbestanden, und würden einer Reaktivierung harren, so das Forschungsteam.
(S E R V I C E – )