Historikerin skeptisch bezüglich “Sniper-Touren” in Sarajevo

30.08.2026 • 06:00 Uhr

Im Rahmen sogenannter “Sniper-Touren” sollen ausländische Männer bei der Belagerung von Sarajevo dafür bezahlt haben, auf Menschen in der Stadt zu schießen. Für die Existenz dieser “Touren” gibt es nach Einschätzung der Historikerin Sabina Ferhadbegović bisher keine belastbaren Belege. “Wenn es solche Fälle gab, waren sie vermutlich vereinzelt”, sagte sie zur APA. Demgegenüber passe der Medienrummel in problematische Traditionen westlicher Berichterstattung zum Bosnienkrieg.

Begonnen hatte die Diskussion um dieses Thema durch das am 17. März veröffentlichte Buch “Cecchini del Weekend” (“Scharfschützen des Wochenendes”) von Ezio Gavazzeni. Vier Jahre lang wurden laut dem Mailänder Autor an jedem Wochenende Reisen für sogenannte Scharfschützen-Touristen organisiert, die sich in den Hügeln Sarajevos den bosnisch-serbischen Truppen anschlossen, um auf Zivilisten zu schießen. Schon 1995 hatten zwei italienische Tageszeitungen über diese vermeintlichen Touristen-Scharfschützen berichtet, 2022 erschien ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Sarajevo Safari”. Ermittlungsbehörden in mehreren europäischen Ländern, u.a. Italien und Österreich, beschäftigen sich derzeit mit den Vorwürfen.

Seit der Veröffentlichung des Buches wurden Zweifel an der Existenz solcher “Touren” geäußert: So schrieb etwa der Journalist Michael Martens in der “FAZ” vom “Märchen von der Menschenjagd” und auch Untersuchungen des “BIRN” (“Balkan Investigative Reporting Network”) konnten Quellen nicht verifizieren bzw. Widersprüche nicht auflösen. Zwar bleibe in der Geschichtsforschung eine gewisse Unsicherheit bestehen, da Kriminelle meistens versuchen, ihre Spuren zu verschleiern – doch im Wesentlichen hält sie die Einschätzungen von Martens und BIRN für realistischer, so die Historikerin, deren Fachgebiet Genozid sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind und die im Wintersemester eine Gastprofessur an der Universität Wien innehat.

Möglichst dramatische westliche Berichterstattung

Für Ferhadbegović sind für die Nachkriegsgesellschaft in Bosnien-Herzegowina andere Fragen zentral: “Was bedeutet das eigentlich, dass sich diese Geschichte dieser Scharfschützen jetzt erstmals so stark im Westen ausgebreitet hat? Und warum ist die große Mehrheit der Menschen, die sich tatsächlich an der Belagerung von Sarajevo beteiligt hat, nie verantwortlich gemacht worden?” Dies sei auch für die internationale Gemeinschaft relevant, die sich seit 30 Jahren an der Friedenssicherung beteiligt.

Die jüngsten Berichte über die “Sniper-Touren” schließen an die Tradition der westlichen Medienberichterstattung aus Sarajevo während des von 1992 bis 1995 andauernden Bosnienkrieges an, so die Einschätzung von Ferhadbegović. “Ein Teil der westlichen Berichterstattung war stark auf dramatische Bilder und sichtbares Leid ausgerichtet, weil sich damit Aufmerksamkeit erzeugen ließ. Ich finde, ‘War-Porn’ (dt. sinngemäß: ‘Kriegs-Porno’, Anm.) ist ein problematischer Begriff. Er bringt aber ein Problem auf den Punkt: eine Berichterstattung, die das Leiden von Menschen spektakularisiert und dabei deren eigene Perspektive aus dem Blick verliert”, sagte sie.

Fehlende Aufarbeitung

Sarajevo stand als Symbol für ein Nebeneinander unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, das die serbischen politischen und militärischen Führer zerstören wollten. “Dieser Krieg, der im Westen oft als Bürgerkrieg dargestellt wurde, war ein Krieg gegen Zivilistinnen und Zivilisten – ein Krieg, getragen von Projekten ethnischer Homogenisierung, die in genozidale Gewalt mündeten”, so Ferhadbegović weiter. “Es ging darum, Territorien zu besetzen, die nicht-serbische Bevölkerung zu vertreiben und zu ermorden und die Bevölkerungsstruktur gezielt zu verändern – und so die Unmöglichkeit des Zusammenlebens zu demonstrieren.”

In der Republika Srpska, der kleineren Entität von Bosnien-Herzegowina, sei das 30 Jahre später immer noch nicht aufgearbeitet worden. Auch im Westen wurde kaum thematisiert, in welchem Ausmaß Freiwillige und andere Unterstützer aus den eigenen Gesellschaften an dem Krieg beteiligt waren. Darüber hinaus habe man sich nicht ausreichend mit dem Versagen der UNO-Blauhelme während des Genozids von Srebrenica im Jahr 1995 und der mangelnden Hilfeleistung während des Krieges beschäftigt.

Gleichzeitig seien in der EU nationalistische Vorstellungen zurückgekehrt, die im Rahmen der Internationalisierung der 1990er-Jahre sehr weit entfernt wirkten. “In der Debatte zum 30. Jahrestag des Genozids von Srebrenica im deutschen Bundestag argumentierte der AfD-Abgeordnete Martin Sichert sinngemäß, gesellschaftliche Vielfalt führe zu Spaltung und letztlich zu Massakern”, so Ferhadbegović. “Aus der Forschung wissen wir vielmehr, dass extreme nationalistische Politik eine zentrale Voraussetzung für genozidale Gewalt schaffen kann.”

(Das Gespräch führte Clemens Zimmermann/APA.)