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Zwischen Taliban und Kannibalen: Ein Emser auf Weltreise

24.07.2026 • 18:00 Uhr
Zwischen Taliban und Kannibalen: Ein Emser auf Weltreise
Kevin Köstenbaumer schilderte seine Eindrücke aus Indien. Köstenbaumer

Kevin Köstenbaumer (33) aus Hohenems nahm ein Bad im Ganges, traf indische „Kannibalen“ und machte sich vom Terrorregime der Taliban in Afghanistan sein eigenes Bild. 

Wer mit Kevin Köstenbaumer über Afghanistan spricht, merkt schnell, dass ihn nicht die spektakulären Erlebnisse am meisten beschäftigen. Nachhaltiger wirken die vielen Begegnungen mit Einheimischen nach. Fast täglich sei er zum Tee oder Essen eingeladen worden. Dabei hätten viele Familien selbst kaum etwas besessen.

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„Die Menschen verdienen oft zwischen 100 und 300 Euro im Monat und trotzdem wollten sie mit mir teilen, was sie hatten“, erzählt er.

Mensch und Regime

Gerade dieser Widerspruch habe ihn tief beeindruckt. Auf der einen Seite ein Land, das seit Jahrzehnten von Kriegen und politischen Umbrüchen geprägt ist. Auf der anderen Seite Menschen, die einem Fremden mit großer Offenheit begegnen.

Köstenbaumer betont dabei immer wieder, dass er strikt zwischen der Bevölkerung und dem Taliban-Regime unterscheidet. Er wolle nichts beschönigen und schon gar nichts verherrlichen: „Ich lehne viele Dinge, die unter den Taliban passieren, ganz klar ab.“

Kevin Köstenbaumer Reisen
Die Reise durch Afghanistan war besonders herausfordernd. Köstenbaumer

Besonders bewegt habe ihn die Situation der Frauen. Während seiner Reise sei ihm erklärt worden, dass Mädchen ab etwa der siebten Schulstufe keine reguläre Schule mehr besuchen dürfen. Viele Frauen dürften zahlreiche Sportarten nicht ausüben und seien in ihrem Alltag erheblich eingeschränkt. Während seiner gesamten Reise habe er lediglich eine Frau gesehen, die selbst Auto fuhr. Auch das Straßenbild sei auffällig gewesen. Je nach Region habe er fast ausschließlich Männer gesehen.

Kevin Köstenbaumer Reisen
Viele Begegnungen, die den Emser berührt haben. Köstenbaumer

„Ich hatte oft einfach das Gefühl, dass es vielen Frauen nicht gut geht.“

Dabei unterstreicht der Hohenemser ausdrücklich, dass er ausschließlich seine persönlichen Eindrücke schildert. Er sei weder Journalist noch Afghanistan Experte. Er könne nur erzählen, was er selbst gesehen und von den Menschen vor Ort erfahren habe.

Kevin Köstenbaumer Reisen
Pakistan zählte ebenfalls zu den Reisezielen des Weltenbummlers. Köstenbaumer

Eindrücklich blieb ihm ein langes Gespräch mit seinem Guide in Erinnerung. Gemeinsam blickten sie über Kabul und sprachen stundenlang über das Leben im Land. Der Guide habe offen erzählt, dass auch er viele Entwicklungen kritisch sehe. Gleichzeitig habe er erklärt, dass zahlreiche Menschen nach Jahrzehnten des Krieges vor allem Sicherheit suchten. Auch bei den Taliban selbst erlebte er Situationen, die nicht seinem ursprünglichen Bild entsprachen. So wurde er einmal sogar auf einen Tee eingeladen. Er lehnte höflich ab, seine Entscheidung sei ohne Diskussion akzeptiert worden. Solche Begegnungen änderten für ihn jedoch nichts an seiner grundsätzlichen Haltung gegenüber dem Regime. Überraschend sei für ihn gewesen, dass die größte Anspannung oft gar nicht im Land selbst entstand. Nervös werde er meistens bereits an Flughäfen oder Grenzübergängen. „Da frage ich mich jedes Mal, ob alles gut geht“, informiert Köstenbaumer im Gespräch mit der NEUE am Sonntag.

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Im Herzen Indiens. Vor Afghanistan stand beim Hohenemser Globetrotter Indien auf dem Plan. Das bevölkerungsreichste Land der Welt beschreibt er als permanente Reizüberflutung. Menschenmassen, dichter Verkehr, Hitze und ständiger Lärm hätten ihn ebenso gefordert wie die sichtbare Armut.

Kannibalenkult

Eine besondere Bedeutung hatte für ihn Varanasi. Nach einer schweren Panikattacke zuvor wollte er sich dort bewusst mit dem Thema Vergänglichkeit auseinandersetzen. Die traditionellen Feuerbestattungen am Ganges erlebte er aus nächster Nähe. Außerdem sprach er mit einem Angehörigen der Aghori, einer asketischen hinduistischen Glaubensgemeinschaft, die im Westen häufig missverstanden werde. Vielleicht auch, weil sie auch heute noch in Verdacht steht, kannibalische Rituale durchzuführen. Auch ein Bad im Ganges gehörte zu seinen persönlichen Erfahrungen. „Solche Erlebnisse und Erfahrungen verändern den Blick auf das Leben“, führt der Weltenbummler weiter aus.

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Neben den bewegenden Momenten gab es auch skurrile Situationen. In Delhi bildete sich innerhalb kurzer Zeit eine Menschentraube um den Vorarlberger. Rund 40 Menschen wollten wissen, wer der ausländische Besucher war. Solche Begegnungen habe er eher mit Humor genommen.

Ganz ohne Schwierigkeiten verlief die Indien Reise allerdings nicht. Nach einer Rikschafahrt sollte er ein Vielfaches des üblichen Fahrpreises bezahlen. Den Preis konnte er zwar noch deutlich reduzieren, betrachtet den Vorfall aber als eigene Unachtsamkeit. Der chaotische Straßenverkehr habe ihn mindestens ebenso gefordert.

Kevin Köstenbaumer Reisen
Ein Treffen mit einem Fotograf und einem etwas älteren Modell. Köstenbaumer

Keine Reisetipps

Mit seinen Videos auf Instagram erreicht Köstenbaumer mittlerweile viele Menschen. Gerade deshalb sieht er sich in einer besonderen Verantwortung. Er wolle auf keinen Fall den Eindruck vermitteln, Reisen in Krisengebiete seien ein Abenteuer für jedermann.

„Ich werde niemandem Tipps geben, nach Afghanistan zu reisen.“ Wer solche Länder bereisen wolle, brauche nicht nur Erfahrung, sondern auch Respekt, Geduld und ein gutes Gespür für Situationen. Selbst dann bleibe immer ein Restrisiko.

Trotz aller Erlebnisse würde der Hohenemser keines seiner bisherigen Reiseziele von seiner persönlichen Landkarte streichen. Für ihn verdiene jedes Land eine faire Chance. Oft seien es die Menschen und nicht die Sehenswürdigkeiten, die eine Reise unvergesslich machten.

Kevin Köstenbaumer Reisen
Eine Fahrt am Ganges. Köstenbaumer

Schockmoment

Auf die Frage, was auf seiner viermonatigen Reise schlimmer gewesen sei, der Besuch bei den Taliban, das Bad im Ganges oder die Begegnung mit einem Aghori, lautet seine Antwort überraschend anders: „Keines von den dreien.“

Die größte Herausforderung wartete ausgerechnet in Afghanistan auf ihn. Mit Magenproblemen musste er bei großer Hitze eine einfache Latrine aufsuchen: „Im Nachhinein kann ich darüber lachen. Aber in diesem Moment war das wirklich der härteste Augenblick der ganzen Reise.“

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Zur Person

Kevin Köstenbaumer, 33, lebt in Hohenems und ist leidenschaftlicher Abenteurer. Der Verfasser von zwei Büchern hat bereits 54 Länder bereist und besucht dabei bewusst auch Destinationen, die viele Menschen meiden. Sein Ziel ist es, alle Länder der Welt kennenzulernen. Dabei ist ihm wichtig, sich selbst ein Bild von Menschen, Ländern und Kulturen zu machen. Sein Motto lautet: „Die Welt versteht man nicht aus Büchern, sondern indem man sie bereist.“

(NEUE am Sonntag)