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Ein Hund ist kein Kuscheltier

17.07.2026 • 16:29 Uhr
Ein Hund ist kein Kuscheltier
Wehingers Hundeschule „we.dog“ hat einen Schwerpunkt auf Verhaltensauffälligkeiten beziehungsweise Problemverhalten. Stiplosek

Folgenschwere Hundeattacke wie zuletzt im Stedepark Hard werfen Fragen auf: Warum greifen Hunde scheinbar aus dem Nichts an? Expertin Michelle Wehinger erklärt, welche Warnsignale Hunde zeigen und warum Missverständnisse oft zu Konflikten führen.

Warum haben Sie sich für die Arbeit mit Hunden entschieden?

Wehinger: Ich bin Hundeverhaltensberaterin und mit Hunden aufgewachsen, unter anderem mit Deutschen Schäferhunden. Schon als Kind und Jugendliche war ich viel mit Hunden unterwegs.
Mit zwölf wurde eine Schäferhündin meiner Familie einmal angegriffen. Ich war mit ihr unterwegs, als zwei unangeleinte Schäferhunde auf uns zugelaufen sind. Für ein Kind ist so eine Situation natürlich extrem. Die Leine hat sich nur noch geschwungen, und es war ein wildes Erlebnis. Es hat mich aber nicht traumatisiert, es hat mir eher gezeigt, wie wichtig es ist, Hunde lesen und Situationen einschätzen zu können. Das Verhalten der Tiere zu verstehen, zu hinterfragen und verändern zu wollen, hat mich zum Beruf gebracht.

Ein Hund ist kein Kuscheltier
Mischlingshund Theo stammt von Hütehunden ab. Stiplovsek

Woran merke ich bei einem Hund, dass eine Situation kritisch werden könnte?

Wehinger: Hunde zeigen meistens sehr viele kleine Zeichen, bevor etwas passiert. Ein typisches Warnsignal ist, wenn der Hund steif wird, angespannt daliegt oder steht und immer wieder in eine Richtung fixiert schaut. Wenn ein Hund nicht locker ist und eine Person oder einen anderen Hund dauerhaft beobachtet, ist das ein Hinweis: Er findet eine Annäherung beziehungsweise die Situation allgemein gerade nicht gut. Wichtig ist auch der Unterschied zwischen dem häuslichen Umfeld und draußen. Manche Hunde reagieren im eigenen, territorialen Bereich stärker. Bei anderen ist es draußen eher der Fall.
Man sollte auf Anspannung, Fixieren, Drohverhalten und auch Knurren achten. Knurren ist nicht gleichbedeutend mit: „Ich greife jetzt an.“ Es ist mehr die erste klare Ansage des Hundes: „Bitte halte Abstand.“ Problematisch wird es, wenn Menschen und andere Hunde solche Grenzen immer wieder überschreiten.

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Mischlingshündin Rani. Stiplovsek

Welche Grenzen werden im Alltag häufig überschritten?

Wehinger: Wir Menschen sind Hunden gegenüber oft sehr übergriffig. Viele wollen einen Hund streicheln, obwohl er ausweicht oder signalisiert, dass er das gerade nicht möchte. Der Hund macht dann noch nichts, was man als aggressiv bezeichnen würde, aber wenn man die frühen Zeichen ignoriert, kann es später schwierig werden. Ein Hund muss nicht automatisch gern gestreichelt werden. Man sieht im Alltag oft: Ein Hund akzeptiert Berührung zwar, aber er genießt sie nicht. Manche Hunde brauchen nicht so viel Körperkontakt.
Viele Menschen sehen den Hund aber leider als Kuscheltier, Kinderersatz oder kleinen Menschen. Das kann emotional nachvollziehbar sein, aber Erziehung und Umgang sollten trotzdem hundetypisch bleiben. Hunde drücken Zuneigung normalerweise nicht in erster Linie über ständigen Körperkontakt aus. Zwischen Hunden bedeutet Akzeptanz oft eher: Wir lassen einander in Ruhe.
Alles, was in Richtung Steifwerden, Zurückziehen oder Ausweichen geht, sollte man ernst nehmen. Aggression beginnt nicht erst beim Biss. Aggression ist im Grunde jede Kommunikation, mit der der Hund sagt: „Ich möchte das nicht.“ Davon gibt es viele Stufen.

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Wehinger mit Rhodesian Ridgeback Brave.

Manche Besitzer von kleineren Hunden haben Angst, in den Hundepark zu gehen oder vor Begegnungen mit größeren Hunden. Wie geht man am besten damit um?

Wehinger: Beim Thema Hundepark bin ich sehr vorsichtig. Ich würde nicht einfach mit meinem Hund hineinlaufen, wenn dort schon zehn andere Hunde sind. Zuerst schaue ich mir die Hunde am Zaun genau an: Kommen sie her? Gehen sie wieder weg? Wirken sie locker? Welche Signale geben mir beziehungsweise meinem Hund die anderen Hunde?
Ich bin grundsätzlich kein großer Fan von Hundeparks, weil viele Menschen ihre Hunde nicht gut lesen können. Vieles wird als Spiel interpretiert, obwohl es eher Jagen, Bedrängen oder Dominanzgerangel ist. Natürlich gehört Rangelei bis zu einem gewissen Grad zum Sozialverhalten, aber nicht alles ist harmloses Spiel.
Wenn ich mit einem kleinen Hund in einer schwierigen Situation bin, würde ich mit ihm gehen. Bei kleinen Hunden kann es sich auch anbieten, sie hochzunehmen, falls man dadurch besser aus der Situation kommt. So kann man den Hund am besten schützen. Ein kleiner, schneller Hund kann vielleicht noch ausweichen, aber wenn ein anderer Hund ernsthaft angreift, wird es schnell gefährlich.

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Wehinger ist selbst mit Schäferhunden aufgewachsen.

Was sollte man tun, wenn beim Spaziergang ein unangeleinter Hund entgegenkommt?

Wehinger: Bei einem unangeleinten Hund, der freundlich umherspaziert, kann man einfach einen Bogen um ihn machen oder an ihm vorbeigehen. Ist dies aber nicht der Fall und der Hund droht zu attackieren, nehme ich meinen Hund zurück, lasse ihn hinter mir warten, stelle mich nach vorne und bringe so viel Raum wie nur möglich zwischen die Tiere. Ich schirme meinen Hund aktiv ab, fast wie ein Türsteher. So vertrete ich meinen Hund und versuche zu verhindern, dass es zu einer direkten Konfrontation kommt.
Ich gehe dabei körpersprachlich klar nach vorne. Ich schreie nicht herum, aber ich zeige dem anderen Hund: Wenn du näherkommst, blocke ich dich. Ich halte diese Position, bis der andere Hund sich zurücknimmt. Erst dann bewege ich mich langsam wieder zurück.
Diesen Tipp gebe ich aber nicht jedem, weil man ihn gut umsetzen können muss. Wenn man unsicher ist oder es falsch macht, kann es die Situation verschärfen. Bei Hunden, die nicht mit ernster Absicht kommen, reicht manchmal auch lautes Auftreten. Bei ernsteren Situationen braucht es sehr klare Körpersprache und Ruhe.
Wenn ein kleiner Hund angegriffen wird, sollte man, sofern es im Moment sicher möglich ist, die Leine lösen. Auch wenn man den Hund hochnimmt, sollte er nicht an der Leine hängen bleiben. Sonst kann er sich verheddern, stolpern oder nicht flüchten. Ohne Leine ist die Chance am größten, dass er wegrennen kann, falls er aus der Situation herauskommt. Gerade deswegen ist eine gute Sozialisierung mit Hunden allgemein so wichtig, damit sie solche Angelegenheiten wirklich ohne Verletzungen untereinander lösen können.

Ein Hund ist kein Kuscheltier
Hündin Rani ist besonders verspielt. Stiplovsek

Wie stark ist das Verhalten der Tiere rassebedingt?

Wehinger: Jeder Hund hat grundsätzlich einen Jagdinstinkt. Viele Rassen wurden für bestimmte Aufgaben gezüchtet: Labradore zum Apportieren, Hütehunde zum Treiben und Kontrollieren, Herdenschutzhunde zum eigenständigen Bewachen. Diese genetische Grundlage verschwindet nicht, nur weil der Hund heute in einer Familie lebt.
Ein Hütehund kann dazu neigen, Menschen zu kontrollieren oder zu begrenzen, etwa wenn sich Familienmitglieder aus seiner Sicht unkoordiniert bewegen. Wenn im Alltag keine klaren Spielregeln gelten, kann die Genetik übernehmen. Der Hund fühlt sich zuständig und beginnt, eigene Regeln durchzusetzen.
Wenn ich mir einen Hund hole, der für Schutz, Jagd oder eigenständiges Arbeiten gezüchtet wurde, kann ich nicht erwarten, dass er sich automatisch wie ein unkomplizierter Begleithund verhält. Ich kann nicht einfach sagen: Wir spielen jetzt Ball, gehen jedes zweite Wochenende Kaffee trinken und ansonsten soll der Hund bitte alles mitmachen, was wir Menschen für uns als toll empfinden, und davon ausgehen, dass der Hund damit glücklich und zufrieden ist. Für manche Hunde passt das nicht.

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Rüde Brave begleitet Wehinger seit vielen Jahren. Stiplovsek

Wie sehen Sie das Thema Listenhunde?

Wehinger: Ich finde die Liste in dieser Form schwierig. Eigentlich sollte sich jeder Mensch intensiv mit seinem Hund auseinandersetzen, unabhängig von der Rasse. Hundeschule, Sachkunde und Aufklärung sind sinnvoll, aber eine Rasseliste und die damit verbundenen Vorgaben der Gemeinden allein lösen das Problem nicht.
Viele der Themen, die in Sachkundenachweisen vorkommen, betreffen alle Hunde: Körpersprache, Bedürfnisse, Rasseeigenschaften, Umgang im Alltag. Das ist wichtig, aber es löst nicht das Problem sogenannter Listenhunde. Neu ist zusätzlich der Sachkundenachweis, dieser hat aber wenig spezifischen Bezug zu den Listenhunden, sondern ist ein Allgemeinkurs für alle Hunde.
Ein weiteres Problem ist, dass gewisse Hunde als Statussymbol gehalten werden. Manche Menschen wählen einen Hund wegen seines einschüchternden Aussehens. Dann geht es nicht mehr um das Tier und seine Bedürfnisse, sondern um Wirkung nach außen. Das ist gefährlich.

Ein Hund ist kein Kuscheltier
Wehinger mit Rani und Brave. Stiplovsek

Sind kleine Hunde deshalb ungefährlicher?

Wehinger: Nicht unbedingt. Kleinere Hunde können genauso beißen und verhaltensauffällig sein. Der Unterschied ist oft, dass der Schaden bei einem kleinen Hund weniger schwerwiegend ist. Wenn ein sehr kräftiger Hund zubeißt, hat das eine andere Dimension. Die Problematik ist bei allen Größen dieselbe: Hunde können Menschen oder andere Tiere verletzen. In meinem Training sehe ich häufig Hunde mit auffälligem Verhalten, die keine Listenhunde sind.