_Homepage

Indien, Pakistan oder Afghanistan: Er reist dorthin, wo andere umkehren

24.07.2026 • 15:06 Uhr
Indien, Pakistan oder Afghanistan: Er reist dorthin, wo andere umkehren
Kevin Köstenbaumer war kürzlich in Afghanistan unterwegs. Köstenbaumer

Statt Strandurlaub sucht der Hohenemser Kevin Köstenbaumer (33) aus Hohenems Begegnungen mit Menschen in Regionen, die viele nur aus Krisenmeldungen kennen. 

Mitten auf einem alten Panzerfriedhof in der Umgebung von Kabul: Kevin Köstenbaumer richtet seine Kamera auf die verrosteten Wracks sowjetischer Panzer, als plötzlich ein Taliban auf ihn zukommt. Er hat unbemerkt einen Militärstützpunkt gefilmt. 

Kevin Köstenbaumer Reisen
Der Hohenemser war schon in über 50 Ländern der Welt unterwegs. Köstenbaumer

Der Mann schreit ihn an und will wissen, weshalb er dort Aufnahmen macht. Für den 33-jährigen Hohenemser ist das einer jener Momente, in denen ihm bewusst wird, wie schmal der Grat zwischen Abenteuer und Gefahr sein kann.

An diesem Tag wird ihm klar, dass in Afghanistan jeder Fehler einer zu viel sein kann. Der Zwischenfall endet glimpflich er kann seine Reise fortsetzen. Der Respekt vor dem Land wächst dadurch allerdings noch einmal.

Kevin Köstenbaumer Reisen
In einem Schwimmbad in Afghanistan – für Köstenbaumer ein verstörendes Erlebnis. Köstenbaumer

Dass der Hohenemser überhaupt in Afghanistan unterwegs ist, sorgt bei vielen für Kopfschütteln. Während die meisten ihren Urlaub am Meer oder in europäischen Städten verbringen, zieht es ihn bewusst in Länder, über die viele Menschen ausschließlich aus Nachrichtensendungen oder Reisewarnungen sprechen. Afghanistan, Pakistan oder Indien gehören für ihn zu den eindrücklichsten Stationen seiner mittlerweile 54 bereisten Länder.

Reisen als Horizonterweiterung

Dabei gehe es ihm nicht darum, möglichst spektakuläre Bilder zu produzieren oder Risiken zu suchen. Vielmehr wolle er verstehen, wie Menschen leben, deren Alltag sich grundlegend von jenem in Europa unterscheidet. „Wir sind nur einmal auf dieser Welt. Es wäre doch schade, wenn man keine Erfahrungen sammelt“, sagt Köstenbaumer.

Kevin Köstenbaumer Reisen
Hier bei einer Reise in Thailand. Köstenbaumer

Der Hohenemser liebt zwar ebenso Reisen nach Italien, Spanien oder Thailand. Dort verbringt auch er gerne seinen Urlaub. Seinen Horizont würden ihn solche Destinationen heute allerdings kaum noch erweitern. Genau deshalb sucht er bewusst Regionen auf, die viele meiden.

Für ihn ist Reisen weit mehr als Erholung. Es sei die größte Lebensschule überhaupt. Kein Buch und keine Dokumentation könnten ersetzen, was Menschen unterwegs selbst erleben. Erst wenn man sehe, unter welchen Bedingungen andere leben, beginne man vieles im eigenen Alltag anders einzuordnen.

Instagram als Schaufenster

Diese Sichtweise prägt auch seine Videos auf Instagram. Dort zeigt Köstenbaumer nicht nur bekannte Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem Begegnungen mit Menschen. Genau darin unterscheidet sich sein Zugang von vielen klassischen Reiseinfluencern. „Von schönen Gebäuden gibt es unzählige Videos. Spannend werden Reisen erst durch die Menschen.“ Und genau diese Menschen hätten ihn beinahe überall freundlich empfangen. Nach eigener Einschätzung verliefen nahezu alle Begegnungen positiv. Gastfreundschaft habe er in Ländern erlebt, denen viele mit Skepsis begegnen.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Instagram angezeigt.

Natürlich verschweigt er auch unangenehme Erfahrungen nicht. In Albanien geriet er nach einer unbedachten Geste in eine gefährliche Situation. Ein Autofahrer fühlte sich provoziert und verfolgte ihn rund eine Viertelstunde lang. Köstenbaumer spricht rückblickend von echter Todesangst. Solche Erlebnisse seien jedoch die Ausnahme geblieben.

Intensive Planungen

Seine Reisen bereitet er sorgfältig vor. Vor einer Abreise informiert er sich in internationalen Reisegruppen über die aktuelle Lage und sucht gezielt den Austausch mit Menschen, die erst vor Kurzem im jeweiligen Land unterwegs waren. Schlagzeilen allein reichen ihm nicht.

Vor Afghanistan sprach er mit mehreren Reisenden, die das Land erst kurz zuvor besucht hatten. Deren Erfahrungen seien für ihn wichtiger gewesen als pauschale Einschätzungen aus der Ferne. Gleichzeitig betont er, dass er niemandem empfehlen würde, selbst dorthin zu reisen.

„Afghanistan ist kein Reiseziel, das ich jemandem empfehlen würde“, so der 33-Jährige im Gespräch mit der NEUE. Seine Familie wusste zunächst nichts von dieser Reise. Lediglich seine Verlobte war eingeweiht. Er habe genau gewusst, dass seine Angehörigen versuchen würden, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Instagram angezeigt.

Im Land selbst versucht Köstenbaumer, möglichst wenig aufzufallen. Er trägt häufig traditionelle Kleidung und passt sich den örtlichen Gepflogenheiten an. Wer Gast sei, müsse die Kultur respektieren, sagt er. Das gelte für ihn überall auf der Welt.

Instinkt und Bauchgefühl

Auch wenn er seine Reisen vorbereitet, räumt er ein, dass seine Planung nicht jedes Detail umfasst. Fluchtrouten oder medizinische Notfallpläne erstellt er nicht. Stattdessen verlässt er sich stark auf sein Bauchgefühl. Mehr als einmal habe ihn dieser Instinkt bereits davor bewahrt, in unangenehme Situationen zu geraten. Wenn ihm eine Person oder eine Situation seltsam erscheine, ziehe er sich lieber zurück.

Kevin Köstenbaumer Reisen
Der Hohenemser veröffentlicht seine Erfahrungen auf Blogs und in Büchern. Köstenbaumer

In Afghanistan war er ausschließlich mit einem lokalen Guide unterwegs. Das habe das Risiko deutlich reduziert. Gleichzeitig habe ihm der Begleiter geholfen, kulturelle Regeln besser zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden. Die größte Überraschung wartete jedoch nicht an einem Checkpoint, sondern mitten im Alltag. Afghanistan zählt weniger als 10.000 ausländische Besucher pro Jahr. Entsprechend groß war die Neugier der Menschen. Immer wieder wurde Köstenbaumer auf einen Tee eingeladen oder zum Essen gebeten.

Besonders beeindruckt habe ihn, dass viele Familien nur über sehr geringe finanzielle Mittel verfügten und dennoch bereit gewesen seien, mit einem Fremden zu teilen.

Regime im Alltag

Diese Erfahrungen hätten ihn tief bewegt. Gleichzeitig warnt er davor, daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Die Gastfreundschaft der Bevölkerung dürfe nicht mit einer Bewertung des politischen Systems verwechselt werden.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.

„Ich verherrliche die Taliban überhaupt nicht“, sagt Köstenbaumer ausdrücklich. Gerade der Umgang des Regimes mit Frauen sei für ihn nicht akzeptabel. Dennoch sei ihm auf dieser Reise bewusst geworden, dass zwischen einem Regime und den Menschen, die unter ihm leben, ein wesentlicher Unterschied bestehe. 

In der neuen Ausgabe der NEUE am Sonntag und dann aktuell auf VOL.AT+ berichtet Kevin Köstenbaumer über weitere Reisen nach Indien oder Pakistan und ein Erlebnis, das ihn in Afghanistan auf eine besonders harte Probe gestellt hat. 

Kevin Köstenbaumer, 33, lebt in Hohenems und ist leidenschaftlicher Abenteurer. Der Verfasser von zwei Büchern hat bereits 54 Länder bereist und besucht dabei bewusst auch Destinationen, die viele Menschen meiden. Sein Ziel ist es, alle Länder der Welt kennenzulernen. Dabei ist ihm wichtig, sich selbst ein Bild von Menschen, Ländern und Kulturen zu machen. Sein Motto lautet: „Die Welt versteht man nicht aus Büchern, sondern indem man sie bereist.“

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)